Die Rezension (2): Rezensionskriterien
In unserer Serie zur Rezension als wichtigster literaturkritischer Textform versuchen wir nach der Abgrenzung zu anderen Textgattungen der Kritik beim letzten Mal heute Kriterien aufzustellen, die eine Sach- bzw. Fachbuch-Rezension erfüllen sollte. Sie entsprechen in dieser Form den derzeitigen BuchTest Rezensionskriterien, da diese aber mit der Zeit angepasst werden können, werden sie hier nochmals zu Dokumentaionszwecken aufgeführt. Außerdem erhoffen wir uns so einen Diskussions-Anstoß zu liefern. Spannend wären beispielsweise Kommentare, inwieweit sich Rezensionen von Belletristik unterscheiden.
Der Kritiker sollte seine Bewertungskriterien offen legen, damit der Leser diese nachvollziehen und sich gegebenenfalls von ihnen emanzipieren kann. Das kann einerseits die Selbstverortung des Kritikers in ideologischer und fachlicher Hinsicht notwendig machen. Andererseits betrifft es vor allem die Argumentation selbst, die immer den Vorgang der Übersetzung, dieses Textmerkmal führt zu folgender Wirkung beim Rezensenten, transparent machen muss.
Der Inhalt eines Werkes muss wiedergegeben werden, dabei kann die Darstellung stark verkürzend sein oder sich auf bestimmte Teile, etwa Argumentationsstränge, konzentrieren. Zu bewerten sind die Aussagen insbesondere in der Dimension wahr-falsch.
Der Kontext soll das Buch einordnen in politische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Strömungen und Denkmuster sowie bewerten, ob die jeweiligen Standards (z.B. wissenschaftliche) erfüllt werden. Soweit möglich, sollte das Buch ebenfalls in den Kontext ähnlicher Werke gestellt werden, vergleichende Wertungen sind erwünscht. Gleiches gilt für die Bezugnahme auf das Gesamtwerk des Autors. Insbesondere bei provokanten oder Debattenbüchern ist die Verortung des Autors notwendig, um z.B. Vorbilder und Gegenspieler zu identifizieren. Dazu kann auch der Hinweis auf bisherige Einschätzungen des Autors bzw. seines Werkes sinnvoll sein.
Aussagen über die Aufmachung des Buches beinhalten folgende Merkmale: sprachlicher Stil, Gliederung und/oder Struktur, Abbildungen und Grafiken und Tabellen, Ausstattung mit einem wissenschaftlichen Apparat mit Quellenverzeichnis und Index. Es muss erwähnt werden, ob und welche dieser Merkmale erfüllt sind, wie sie erfüllt sind oder ob ihr Nicht-Vorhandensein belanglos ist.
Zielgruppe und Verwendung sollen wiedergeben, für wen das Buch geeignet ist (z.B. wegen nötiger Vorkenntnisse oder des Preis-Leistungs-Verhältnisses) und auf welche Art und Weise die Nutzung sinnvoll erscheint. Dies ist insbesondere dann notwendig, wenn durch den Autor bzw. Verlag eine andere Zielgruppe/Verwendungsart vorgegeben wird. An dieser Stelle sollte schließlich eine Kauf- bzw. Lektüreentscheidungshilfe gegeben werden: Wer sollte das Buch warum lesen oder eben nicht?
Rezensionskriterien in der Praxis
Die oben stehenden Rezensionsekriterien wurden von Felix Struening für die empirische Studie “Sach- und Fachbuchkritik” erarbeitet. Die Auswertung von verschiedenen deutschsprachigen Tages- und Wochenzeitungen ergab dabei folgendes Ergebnis:
Wie aus der obigen Abbildung (Klicken um zu Vergrößern) ersichtlich wird, sind die Kriterien Inhalt, Kontext und Aufmachung in allen begutachteten Rezensionen erfüllt. Lediglich eine Besprechung (4,5 Prozent) legt ihre Bewertungskriterien nicht dar. Hingegen fehlt in sieben Kritiken (31,8 Prozent) ein Hinweis auf eine mögliche Zielgruppe oder die Verwendungsart des Buches.
Insgesamt erfüllen 15 der untersuchten Rezensionen (68,2 Prozent) alle Kriterien mindestens einmal. Weitere sechs Rezensionen (27,3 Prozent) erfüllen vier von fünf Kriterien und lediglich eine Rezension (4,5 Prozent) erfüllt nur drei der geforderten Kriterien.
(Ausgewertet wurden zehn Prozent von 218 im Untersuchungszeitraum veröffentlichten Rezensionen zur Sachliteratur, gerundet ergibt dies 22 Rezensionen. Zum genauen Verfahren siehe die Studie, S. 114f., erhältlich als PDF beim Verlag LiteraturWissenschaft.de für 6 Euro.)
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Weiterführende Lektüreempfehlung zu Literaturkritik
Beschäftigt man sich nicht gerade speziell mit der Kritik von Sachliteratur sondern allgemeiner mit Literaturkritik, sei das von Thomas Anz (Betreiber von www.literaturkritik.de) und Rainer Baasner herausgegebene Buch “Literaturkritik. Geschichte – Theorie – Praxis” empfohlen, da es die drei Elemtente des Untertitels wirklich gut vereint.
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