Die Rezension (3): Buchbesprechungen im Web (2.0)

Die Rezension als Untersuchungsgegenstand dieser Artikelserie im BuchTest Blog und die Literaturkritik im Allgemeinen hat durch das Internet einen Aufschwung erlebt. Sie wird einem immer größeren Kreis zugänglich und erfährt strukturelle Veränderungen. Der heutige Artikel soll einige Aspekte davon beleuchten. Wie immer freuen wir uns über Anregungen und Kritik.

  1. Abgrenzung zu anderen Formen
    der Literaturkritik
  2. Rezensionskriterien
  3. Buchbesprechungen im
    Web (2.0)
  4. Buchkritik im Web (2.0) aus
    SEO-Sicht

Durch die Publikationsmögichkeiten für jeden mit einem Internetzugang im Web 2.0 ist die Diskussion um die Abgrenzung zwischen Laien- und Profi-Rezensionen erst richtig aufgeflammt. Anstoß dafür sind vor allem die zahllosen “Kundenkritiken” beim Online-Buchhändler Amazon, von denen ein Großteil sich auf persönliche ‘Ich finde gut oder schlecht’ Bewertungen beschränkt. Diesem Thema werden wir uns aber an anderer Stelle ausführlich widmen. Heute soll es eher um formale Aspekte gehen.

Widersprüchliche erscheinende zeitliche Aspekte

Bei der Rezension im Internet tritt ein widersprüchlich erscheinender zeitlicher Aspekt auf: Zum einen lebt das WWW von Schnelligkeit, mittlerweile sogar durch Dienste wie Twitter etc. von (nahezu) Echtzeit. Unabhängig von Deadlines der Print-Publikationen kann ein Artikel sofort online erscheinen, sobald er fertiggestellt ist. Einige Medien befinden sich diesbezüglich noch in einer Mischform. So erscheinen beispielsweise bei www.literaturkritik.de die Rezensionen noch gebündelt in Monatsausgaben. Verändert man aber die URL entsprechend, kann man bereits vor Erscheinen (sprich Verlinkung) die neuen Kritiken schon lesen:

http://www.literaturkritik.de/public/inhalt.php?ausgabe=200908

Dieser Link entspricht der aktuellen Ausgabe, ändert man die letzte Ziffer (bzw. letzten beiden) der URL, die den Erscheinungsmonat bestimmen, kann man quasi in die Zukunft sehen:

http://www.literaturkritik.de/public/inhalt.php?ausgabe=200909

Der zeitliche Druck, der Erste zu sein, der eine Kritik veröffentlicht, beschränkt sich in der Literaturkritik ja für gewöhnlich auf Werke sehr prominenter Autoren. Dennoch gibt es in der Verlagsbranche immer wieder Beschwerden darüber, dass vor allem literaturkritische Internetangebote sich nicht an die Sperrfristen halten.

Zum anderen sind Rezensionen im Internet erheblich besser und vor allem nachhaltiger zugänglich. Bei den Online-Angeboten einiger Zeitungen verschwinden sie zwar leider oft nach einiger Zeit in Archiven, die z.T. kostenpflichtig sind, vor allem aber die Rezensionen kleinerer Webseiten sind praktisch immer erreichbar (technische Aspekte dessen behandeln wir im nächsten Artikel zur Rezension).

Dies führt aber zu einer ganz neuen Funktion der Literaturkritik. Sie kann so ein viel zuverlässigerer Teil des Entscheidungsprozesses beim Buchkauf werden. Denn ich lese nicht mehr (quasi zufällig) eine Buchkritik im Kulturteil meiner Zeitung, sondern kann bei der Recherche nach Büchern gezielt nach Meinungen anderer zu dem Buch suchen.

Ohne an dieser Stelle die Rolle des Kritikers im Literatursystem genauer zu beleuchten (was später gesondert geschehen soll), kann man zumindest mutmaßen, dass die Literaturkritik durch die veränderten Informations-Gewinnungsprozesse im Internet endlich zu dem wird, was sie sich immer gewünscht hat: Zwischen dem Verlag/Autor/Text und der Entscheidung des Lesers, das Buch zu kaufen/lesen zu stehen. Bisher lies sich “Der Einfluss von Literaturkritik auf den Absatz von Publikumsbüchern” kaum nachweisen (mal abgesehen von Elke Heidenreich). Literaturkritik war eher ein für sich bestehendes Kommunikationssytem und sie wurde oft ihrer selbst willen gelesen.

Durch die Suche bei Google nach einem Buch stößt nun der (potenzielle) Leser neben den Suchergebnissen der Online-Buchhändler schnell auch auf Rezensionen zum Buch – und zwar bei den verschiedensten Webseiten und nicht nur bei den klassischen Medien. Noch besser funktioniert dies natürlich, wenn dem Buchtitel bei der Suchanfrage das Keyword “Rezension” oder “Buchbesprechung” etc. mitgegeben wird.

Was bedeutet dies für das Schreiben einer Rezension im Internet

Wer Rezensionen vor diesem Hintergrund für das Internet schreibt, sollte sich also im Klaren darüber sein, dass diese sehr wahrscheinlich noch sehr viel später gelesen werden. Gibt es einen zeitlichen Bezug, etwa bei politisch-gesellschaftlichen Debatten-Büchern (z.B. die Bücher zum Superwahljahr 2009), sollte dieser klar festgehalten werden.

Service zum Buch

Durch die kostenlosen Vervielfältigungsmöglichkeiten im Web ist es natürlich sinnvoll, wenn Rezensions-Webseiten den Leser mit möglichst vielen Zuatzinformationen zum Buch versorgen. Neben dem (selbstverständlichen) Link zum Buchkauf (möglichst auch gebraucht) könnten da z.B. Inhaltsverzeichnisse, Auszüge und besondere Abbildungen aufgeführt werden. Hier besteht noch viel Handlungsbedarf, was nicht zuletzt auch von der Großzügigkeit der Verlage abhängt.

Links, Links, Links

Viele der Rezensenten im Netz sind Blogger und betreiben z.B. keine ausschließlichen Literaturkritikseiten, sondern teilen ihre Lektüreerkenntnisse neben anderen Texten. Wie in der Blogkultur üblich, kann und wird hier immer öfter aufeinander Bezug genommen werden. Das Lesen einer Rezension bei einer anderen Webseite kann also nicht nur das eigene Lesen auslösen, sondern auch eine Antwort oder Reaktion in Form einer Buchbesprechung.

Wie Petra Altmann in ihrer Untersuchung “Der Buchkritiker in deutschen Massenmedien. Selbstverständnis und Selektionskriterien bei Buchbesprechungen” (München 1983) festgestellt hatte, orientier(t)en sich rund ein Viertel der befragten Kritiker aus Printmedien an Rezensionen anderer. Allerdings handelte es sich dabei vor allem um Kritiker aus regionalen Zeitungen, die sich an den überregionalen orientierten.

Im Internet könnte es nun zu einer verstärkten Bezugnahme der Rezensionen aufeinander kommen, da Verlinkungen leicht und Gemeintes gut nachvollziehbar sind. Auch stehen dem Leser so immer verschiedene Meinungen zur Auswahl und er kann frei entscheiden, wem er folgt. Dies wiederum dürfte zu einer geringeren Unterscheidung zwischen Profi- und Laienkritik führen und fordert die Rezensenten mehr heraus, ihre eigenen Bewertungskritierien (siehe der erste Punkt der BuchTest Rezensionskriterien) offen zu legen, damit der Leser weiß, mit wem er sich wohl am ehesten identifizieren kann. Denn die generelle Ausrichtung, dass etwa Bürgerlich-Konservative die FAZ lesen und Linke die Süddeutsche Zeitung bzw. die Frankfurter Rundschau, fällt durch die Unbekanntheit der meisten Rezensenten im Netz weg. Auch die Kritiker selbst könnten sich hier überprüfen und verbessern, etwa im Sinne der Frage, wie Amazon sie stellt: War diese Rezension für sie hilfreich?

Der Link bringt einen weiteren Vorteil beim Rezensieren sowie beim gesamten journalistischen Schreiben im Internet: Hintergründe, andere Werke und Autoren etc. müssen nicht mehr extra erklärt werden. Ein Link z.B. zu Wikipedia oder eigenen Texten reicht vollkommen. So liest nur derjenige, der diese Informationen benötigt, den textlichen Ausflug, alle anderen können direkt fortfahren. Waren Leser von Rezensionen z.B. in der Zeit bisher immer wieder überfordert, wenn von den literarischen Bezügen zu diesem oder jenen historischen Autor die Rede war, kann ein entsprechender Link jetzt alles erklären. Wie Jeff Jarvis in “Was würde Google tun?” sagte: “Tun Sie das, was Sie am besten können, für den Rest gibt es Links.”

Einem weiteren Thema, der Buch-Empfehlung durch Freunde (wichtigste Kaufentscheidungshilfe!) und ihrer Umsetzung durch Social Media werden wir in einem späteren Beitrag nachgehen.

Rezensionen bei Twitter

Um auch formale neue Versuche in der Literaturkritik auszuprobieren, hatte BuchTest zur einem Rezensions-Wettbewerb auf dem Microblogging-Dienst Twitter aufgerufen. Die eingereichten Rezensionen durften demzufolge natürlich nur 140 Zeichen lang sein.

Der Wettbewerb stieß auf großes Interesse und erfreulicher Weise versuchten sich einige Rezensenten an der Super-Kurz-Kritik. Hier finden Sie eine Dokumentation der Rezensions-Tweets.

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