Kleine Verlage – große Ideen (1): stellwerck mit Lyrik, Poetry-Slam und jungen Autoren

In der Reihe „Kleine Verlage – große Ideen“ präsentiert BuchTest die Vielfältigkeit der deutschsprachigen Verlagslandschaft – auch abseits des Mainstreams. Wir beginnen mit dem von Studenten gegründeten stellwerck und sprechen mit der Entrepreneurin Christine Ott über die Schwierigkeiten, heutzutage Lyrik zu verlegen, junge Autoren und natürlich darüber, warum sie stellwerck überhaupt gegründet hat.

stellwerck Gründer Michael Pfeuffer und Christine Ott

Christine, auf der Webseite von stellwerck gibt es noch nicht viel zu sehen. Wer seid Ihr und wie kam es zu der Idee, einen studentischen Verlag zu gründen?

stellwerck ist ein Verlag, der von Würzburger Studenten im letzten Jahr gegründet wurde. Wir sehen einen dringenden Bedarf, junge Autoren aufzubauen, die unter den heutigen Marktbedingungen keine Chance auf Veröffentlichung haben. Können Schriftsteller noch keine Veröffentlichung vorweisen oder fehlen direkte Verlagskontakte, gelangen Initiativeinsendungen an Verlage kaum einmal in den Druck. Die Fülle an Manuskripten kann von den Lektoraten nur schwer bewältigt werden, meist greifen Verlage auf einen festen Autorenpool zurück, aus dem einer mit einem, häufig vom Verlag konzipierten, Buchprojekt beauftragt wird.

Solch einen Autorenpool gibt es bei stellwerck nicht. Wir setzen auf neue, gerne unbekannte Jungautoren, die keine inhaltlichen Vorgaben von Verlegerseite oder der Marketingabteilung bekommen und deren Literatur Abbild der Vielfältigkeit an Subkulturen der heutigen Studentenschaft sein kann. Wir verlegen heute die Literatur von Morgen.

Euer erstes Programm für Herbst 2009 sieht einen Band mit Lyrik und einen mit Kurzprosa vor. Haben diese literarischen Formen in der heutigen Zeit noch eine Chance auf Leserschaft?

Sicherlich! Neue literarische Formate drängen zurzeit auf den Buchmarkt und besetzen Nischen, die gerade eine junge Leserschaft anziehen. Nehmen wir die Poetry-Slam-Szene, die mittlerweile auch das Schriftmedium nutzt und beachtliche Verkaufszahlen mit verschriftlichten Slam-Texten erzielt.

Eine junge Generation wächst mit Blogs und interaktiven Internetportalen auf, auf denen Kurzgeschichten, Gedichte und andere literarische Kleinformen öffentlich gemacht werden, und sucht diese Kurzform von Literatur auch in anderen Medien. Dazu zählt noch immer und gerade das Buch, das Literatur haptisch zugänglich macht, ein zeitbeständiger Kunst- und Kulturträger ist. Und nach dem Medium Buch wird nicht zuletzt deswegen verlangt, weil auf diesem Weg veröffentlichte Texte der Qualitätskontrolle einer Lektoratsabteilung unterliegen. stellwerck fungiert hier als Wegweiser im Literaturdschungel und bringt auch komplexere, vielleicht auch ernste Texte an die Öffentlichkeit, denen man mit einem kurzen Drüberlesen im Internet und beim einmaligen Hören auf einer Bühne nicht gerecht werden kann.

Der Einsendeschluss für die Anthologien ist ja bereits vorbei. Was erwartet die Leser und wer hat sich als Autor beteiligt?

Für unser erstes Programm im Oktober ist der Einsendeschluss zwar vorbei, wir nehmen aber jederzeit Manuskripte für 2010 entgegen. Geplant sind für Oktober eine Lyrik- und Kurzprosa-Anthologie mit Textbeiträgen unterschiedlicher Gattungen und Genres, die Heterogenität lässt sich nur schwer auf einen Nenner bringen. Ziel ist es ja, mit diesen Anthologien ein möglichst breites Spektrum an Stilen und Strömungen einzufangen, und das ist, so denke ich, sehr gut gelungen.

Unsere Autoren kommen aus dem gesamten Bundesgebiet, sind selbst alle Studenten – und nicht nur Geisteswissenschaftler. Die Schweiz und Österreich sind ebenfalls vertreten.

Was für Online-Aktivitäten können wir in Zukunft von Euch erwarten. Begonnen habt Ihr mit einer Fortsetzungsgeschichte und einem Online-Poetry-Slam…

Die Fortsetzungsgeschichte wird auch in Zukunft weitergeführt werden. In einigen Monaten startet wohl auch eine neue, zweite. Der Online-Poetry-Slam steht ebenfalls unter unserer Rubrik “mediathek”, demnächst werden den Besuchern optimierte Abstimmungsmöglichkeiten nach einem Homepage-Update zur Verfügung stehen. Nachdem im Juli auch die stellwerck-Literaturbühne in Würzburg anläuft – zu der übrigens Autoren aus ganz Deutschland eingeladen sind (einfach eine kurze E-Mail an info(at)stellwerck.de) – möchten wir die Bühnenabende als Videofiles online stellen. Möglicherweise bietet es sich an, sowohl aus den Poetry-Slam-Beiträgen als auch den Videodateien eine CD bzw. DVD zu erstellen.

Nicht nur im Internet können neue literarische Formen und Formate geschaffen werden. Schnittstellen zu anderen Künsten bestehen vielfach. So kooperieren wir beispielsweise mit dem Umsonst&Draußen Musikfestival in Würzburg, das einen WortWeg mit großformatigen Gedichtdrucken unter anderem unserer Autoren gestaltet. Auch ist eine Zusammenarbeit mit Kunst- und Designstudenten angedacht, die ihren ganz eigenen Beitrag zu den Anthologien leisten können.

Wie wollt Ihr Euren Verlag bekannt machen? Gibt es spezielle Vertriebsschienen an den Hochschulen etc.?

Mit diesem Konzept eines Studentenverlags im belletristischen Bereich weist sich stellwerck als unikal im gegenwärtigen Literaturbetrieb aus. Das bietet natürlich auch Anreiz für die Presse, über uns zu berichten. Die Resonanz auf die Verlagsgründung und den Aufruf zur Manuskripteinsendung war daher sehr erfreulich. Mit unseren Herbsttiteln wollen wir nun auch inhaltlich überzeugen und zur Berichterstattung anregen.

Hierfür sind Presse- und Marketingstrategien ausgearbeitet, in einem Umfang, wie es mit unserem Budget möglich ist. Erhältlich werden unsere Titel ganz regulär über jede Buchhandlung oder jeden Online-Vertrieb sein. Gezielt wenden wir uns natürlich an die Universitätsbuchhandlungen. Auch können wir diverse Hochschulverteiler für unsere Werbung nutzen, ebenso wie wir auf zahlreiche Helfer in den verschiedenen Städten setzen können, die uns bereits bei der Autorenanwerbung unterstützt haben.

Logo stellwerckTermine: stellwerck vor Ort

stellwerck lädt ein zum WortWeg auf dem umsonst&draußen Musikfestival in Würzburg, 19.-21. Juni 2009, Talavera Mainwiesen – ein Vorgeschmack auf die Veröffentlichungen im Herbst! Wir freuen uns auch besonders, zur ersten stellwerck-Literaturbühne am 20. Juli 2009, 20 Uhr in die Würzburger Studentenkneipe Standard einzuladen. Es werden Texte gelesen von: Oliver Peemaster Grand Berger, Jürgen Braun, Dorothea Weismantel, Stefan Schwinghammer und Anja Kruse.

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Kategorie: Verlags-Interviews Kommentieren »


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