Scharia angeblich reformfähig – Buchvorstellung mit Mathias Rohe
Am gestrigen Mittwoch stellte der Islamwissenschaftler und Jurist Mathias Rohe in Berlin sein Buch „Das islamische Recht“ vor. Mit ihm diskutierte die bekannte Rechtanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş, moderiert vom Zeit-Journalisten Jörg Lau. Die Redaktion BuchTest war für Sie dabei.
Der Islam und die Scharia sind reformierbar, so in etwa könnte man die Aussagen der beiden Diskutanten zusammenfassen. Dass es sich dabei aber um eine theoretische Reformfähigkeit handelt und der Islam es in über 1.000 Jahren zu kaum einer Reform gebracht hat, die wirkliche Verbesserungen für Frauen oder Andersgläubige hervorriefen, interessierte den Referenten bei seinen Äußerungen zum islamischen Recht wenig.
Auch die türkischstämmige Rechtsanwältin Seyran Ateş setzte ihm da wenig entgegen. Ihre einzige deutliche Positionierung – zugleich wohl klarster Satz des Abends – besagte, dass sie über eine Reform des Islams erst beginnen würde zu sprechen, wenn eine faktische Gleichberechtigung von Männern und Frauen installiert sei. Gleichwertigkeit sei sowieso gegeben und nicht diskutabel.
Besonders enttäuschend war jedoch die Moderation von Jörg Lau, der es nicht ein einziges Mal schaffte, die Diskussion zu überspitzen oder die beiden Teilnehmer zu provokanten oder wenigstens gegensätzlichen Aussagen zu bringen. Stattdessen wurde in friedlicher Einigkeit gefachsimpelt, ohne wirklich Stellung zu beziehen. Erst als es gar nicht mehr um das Buch ging, sondern um die Integration von Muslimen allgemein, wurde die Diskussion durch Beiträge aus dem Publikum etwas lebhafter.
Umstrittener Autor
Mathias Rohe hatte 2006 die Studie „Perspektiven und Herausforderungen in der Integration muslimischer MitbürgerInnen in Österreich“ im Auftrag des österreichischen Innenministeriums herausgegeben, in der er vor dem Entstehen von islamischen Gegengesellschaften warnte. Die Studie wurde allerdings nie in Gänze publiziert, anscheinend war die Brisanz der geschilderten Fakten dem Ministerium dann doch zu beängstigend.
Nun fragt man sich aber, warum Jörg Lau den Autor während der ganzen Diskussion nicht auf diese Studie und ihre dem jetzigen Buch so widersprechenden Erkenntnisse ansprach. Auf Nachfrage aus dem Publikum verharmloste Mathias Rohe die Ergebnisse seiner eigenen Studie und der kritische Betrachter mochte einen Konflikt zwischen dem Islamwissenschaftler und dem Juristen sehen – oder anders ausgedrückt: zwischen den bedrückenden Ergebnissen der sozialwissenschaftlicher Studien und dem theoretischen Konstrukt einer reformfähigen Scharia.
Da für Mathias Rohe Scharia auch Recht ist und dieses gelten muss, wo es die Mehrheitsgesellschaft verlangt, stellte sich die Frage nach einer möglichen Umkehrung der hiesigen Mehrheitsbevölkerung bei einem weiteren Populationszuwachs mit islamischen Hintergrund. Der Autor wich diesem Argument jedoch mit dem Hinweis auf die (vermeintliche) Unwahrscheinlichkeit dieser Mehrheitsverschiebung aus. Reaktionen wie diese, brachten ihm übrigens bei früheren Veranstaltungen massive Proteste und im Anschluss sogar Morddrohungen aus der Islamgegner-Szene ein.
Viel Wissen – keine Meinung
In Anbetracht dessen, dass es sich bei Autoren wie Mathias Rohe um die intellektuelle Elite unserer Islamwissenschaft handelt, kann eine Buchvorstellung wie diese nur als lähmend und erschreckend bezeichnet werden. „Das islamische Recht“ ist in seiner wissenschaftlichen Darlegung der Fakten ein hervorragendes Nachschlagewerk und war längst fällig, da eine solch umfangreiche und fundierte Darlegung bisher auf dem Buchmarkt fehlte. Warum der Autor aber trotz seiner Erkenntnisse nicht wagt, eindeutig Stellung zu beziehen, ist mehr als fragwürdig.
Da bleibt nur abschließend auf ein BuchTest Interview mit dem dänischen Psychologen Nicolai Sennels zu verweisen, in dem dieser sagte: „Die Integration von Muslimen in westlichen Gesellschaften ist nicht möglich. Unzählige intelligente und mitfühlende Menschen arbeiten überall in Europa an den Problemen. Ihnen stehen Milliarden Euro dafür zur Verfügung. Aber noch immer wachsen die Probleme weiter an.“
UPDATE, 12. Juni 2009: Der Tagesspiegel hat einen herrlich ironischen Artikel zu der Buchvorstellung veröffentlicht.
Kategorie: BücherSzene 6 Kommentare »


am 12. Juni 2009 um 15:51 Uhr | #
Mir scheint, als ob es eine allgemeine Einigkeit bei Intellektuellen gibt, diese Thema nicht weiter zu polarisieren – auch auf Kosten der Wahrheitsliebe.
Der politischen Korrekthein zuliebe,das man sonst gewalttägigeA useinandersetzungen befürchtet.
am 17. Juni 2009 um 07:51 Uhr | #
Üblicherweise pflege ich solche Äußerungen nicht zu kommentieren, aber dies hier kann ich nicht so stehenlassen. Die Enttäuschung des Schreibers verstehe ich allerdings gut: Offenbar hat er ein plakatives Hauen und Stechen erhofft, und statt dessen ein wirklich langweiliges wissenschaftliches Einerseits-Andererseits bekommen, wenig Unterhaltungswert also, vielleicht nur ein einziger Vorzug, den der Schreiber offenbar nicht zu schätzen weiß: wissenschaftliche Redlichkeit, die anders als die Haudrauf-Parolen die Realität wiedergibt.
Der Schreiber hat von mir auch wahrheitsgemäß die Antwort bekommen, dass in der von mir mit verfassten österreichischen Studie keine brisanteren Erkenntnisse verborgen sind als diejenigen, die publiziert wurden. Wie aber soll man Verschwörungstheoretiker überzeugen? Ich jedenfalls bin dazu nicht in der Lage. Vielleicht sollte der Schreiber sein Augenmerk künftig auf Veranstaltungen richten, in denen er eher auf seine Kosten kommt, Pro Köln etwa bietet ja immer wieder etwas an, und der nächste Anti-islamiierungskongress kommt bestimmt. Wer sachliche Information sucht, möge hingegen zum Beispiel zu meinem Buch greifen, dem selbst der Schreiber eigenartigerweise etwas abzugewinnen vermag.
am 17. Juni 2009 um 08:47 Uhr | #
Hallo Herr Rohe,
so wie ich Ihr Buch und die daraus gewinnbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht ablehne, sonder sehr schätze, so halte ich es gernerell mit sachlicher Forschung und Diskussion zum Thema Islam und seinen Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft. Die Zitate von Ihnen und von Frau Ates im oben verlinkten Artikel im Tagesspiegel zeigen jedoch in etwas überspitzter Form, dass es eben wenig “wissenschaftliches Einerseits-Andererseits”, wie Sie es nennen, gab.
Und dass Sie versuchen, Islamkritiker in die rechte Ecke von Pro Köln & Co. abzudrängen ist leider ein verbreiteter Mechanismus. Auch bei Ihrer Buchvorstellung sprachen Sie von “selbsternannten Islamkritikern”. Die Diffamierung als “selbsternannt” mag vielleicht bei wissenschaftlichen Titeln zutreffen oder wenn sich jemand selbst einfach Experte nennt. Die Tradition der Aufklärung in Europa und Deutschland führte jedoch dazu, dass jeder Bürger frei kritisieren kann, was er will. Eben auch die Obrigkeiten, eben auch die Wissenschaft und eben auch den Islam, auch wenn die Vertreter des letzteren dies gerne verbieten würden (siehe z.B. die Durban II Conference).
Wenn sich aber die reguläre Islam- und Politikwissenschaft und auch die Politik den kritischen Stimmen verweigert und einfach versucht, sie als “rechts” zu stigmatisieren, zeugt dies vor allem von Angst vor einer ernsthaften Auseinandersetzung. Ich wäre gespannt gewesen, wie Sie auf Diskussionspartner wie Necla Kelek oder Tilman Nagel reagiert hätten, die Ihrer Position mit Sicherheit deutlicher widersprochen hätten.
In jedem Fall danke ich Ihnen für die ehrliche Stellungnahme an dieser Stelle und freue mich auf weitere, angeregte Positionen.
am 17. Juni 2009 um 09:57 Uhr | #
Und so werden die Verschwörungstheorien weiter fortgesponnen…
Damit beende ich diese kurze, wie immer in solchen Situationen wenig fruchtbare Debatte und gelobe, künftig derartiges nicht mehr zu kommentieren, es nützt ja ohnehin nichts.
am 6. Dezember 2009 um 03:42 Uhr | #
Danke, Buchtest, für eure Rezension zu ‘Das islamische Recht’ und zu den klaren Worten an den Autoren, der hier wieder einmal wenig überzeugt. Noch zum Schariafreund Mathias Rohe:
http://eifelginster.wordpress.com/2009/09/06/138/
Mustafa Ceric will die Rechtsspaltung: “opening the way for the Muslim law to be recognized in matters of personal status such as the Family Law”
http://www.idfr.gov.my/en/index.php?option=com_content&task=view&id=144&Itemid=121
Mustafa Ceric, geehrt von der Eugen-Biser-Stiftung im Beisein von Wolfgang Schäuble sowie von der Christlich-Islamischen Gesellschaft (CIG) in Anwesenheit von Armin Laschet, ist Großmufti für Bosnien und Herzegowina sowie ECFR-Scheich beim Hassprediger Yûsuf al-Qaradâwî.
Das steht auf dem Spiel, und das verheimlicht uns Mathias Rohe (ausgerechnet er war der Gutachter zum Berliner Gebetsraumurteil 2009). Wollen wir zehnjährige Ehefrauen, Vielweiberei, Wali Mudschbir (islamische Zwangsverheiratung) und das ‘Recht’ auf Erweckung vor der Höllen-Angst im Namen von multikultureller Pädagogik und Religionsfreiheit?
Maryam Namazie fordert die Beibehaltung des säkularen Staates ‘nebst’ Gewaltmonopol: ‘One Law For All!’
am 14. Dezember 2009 um 19:30 Uhr | #
Plausibel argumentiert hat Islamwissenschaftler Tilman Nagel, der in der Neuen Zürcher Zeitung vom 07.11.2009 sehr Lesenswertes zu Mathias Rohe schrieb.
‘Lohn und Strafe im Diesseits und im Jenseits.
Mathias Rohe über Geschichte und Gegenwart des islamischen Rechts’
http://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/lohn_und_strafe_im_diesseits_und_im_jenseits_1.3981865.html