Die Anklage George W. Bushs und seiner Regierung – schuldig in allen Punkten!

Der religiös bewanderte Mensch weiß, dass ein jedes Ende den Keim für einen neuen Anfang birgt. Dieser hoffnungsfreudigen Überzeugung entsprechend, beginnt Hans Leyendeckers Buch inhaltlich wie es auch schließt; mit dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf.

Der Autor

Am 2. November 2004 kürt das Volk der Vereinigten Staaten erneut seinen obersten Machthaber. Pünktlich zur heißen Phase des US-Wahlkampfs geht der leitende politische Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ mit diesem Werk gedanklich mit auf Stimmenfang für den demokratischen Herausforderer John Kerry. Langjährige Recherchen und zuverlässige Quellen gleichgesinnter Kollegen bis hin zu Ex-Pentagonmitarbeitern verhalfen dem Geheimdienstexperten Leyendecker zu einer rückblickenden Aufklärungsreise in die bizarre Welt des amtierenden Präsidenten der USA.

Politkrimi der Realität

Leyendeckers Neigung zu einem kritischen Journalismus, sein Mut zur Wahrheit und Brisanz dürfte Kritikern mittlerweile bekannt sein. Unverblümt beleuchtet der ehemalige Journalist des „Spiegel“ die fadenscheinigen Machenschaften des Falken-Geschwaders um George W. Bush, das von Washington aus rigoros die Fäden zu einem Netz weitsichtig geplanter Intrigen zieht. Es kommt also nicht von ungefähr, dass sich sein Buch wie ein regelrechter Politkrimi liest. Allerdings mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass dessen Protagonisten authentisch sind und offensichtlich auch überzeugend genug, die Masse des amerikanischen Volkes vorzuführen.

Die Truppe um George W. Bush

Leyendeckers Strafantrag hält mit einem geschickten Zweistufenplan dagegen. Der erste Teil konfrontiert den Leser schonungslos mit dem Werdegang, der Rudelbildung, nebst Herkunft und Entstehung der verqueren politischen Ideen der diversen Akteure in Bushs Administration. Er erzählt munter vom kunterbunten Treiben des texanischen Cowboys und der Metamorphose seiner ultrakonservativen Bande. Wie Paul Wolfowitz beispielsweise zum aggressiven Hirn der US-Außenpolitik wurde, Richard Perle ihr Lautsprecher, und Donald Rumsfeld zu einer „Mischung aus Kriegsführer und Woody Allen“.

Die Geheimdienste – von geheim bis skurril

Der zweite Part hingegen rollt systematisch vertuschte Geheimdienstpannen seit dem 11. September, die frisierten Informationen regierungstreuer Medien, und die Willkür der amerikanischen Politik und Justiz auf. Das Hauptaugenmerk richtet Leyendecker in seiner Tirade freilich auf den von der Regierung Bush erzwungenen Irakkrieg. Amerikanische Geheimdienste verfügten nach Meinung des Autors über so viel schrägen Stoff, dass sich selbst märchenhafte Mutmaßungen darüber stützen ließen, dass der Papst „ein verkappter Kommunist ist, der die Kirche auf den Weg von Marx und Engels bringen will“.

Die Entwicklung der USA

Bei alldem weiß der Leser zwischenzeitlich nicht, ob er eher lachen oder weinen soll. Im Kampf gegen das Böse wird das gegenwärtige Amerika seinen bösen Gegnern immer ähnlicher, so die nüchterne Bilanz. Faktisch rechtsfreie Gefilde wie der US-Stützpunkt Guantánamo auf Kuba seien nicht nur ein Todesurteil für den amerikanischen Rechtsstaat, sondern Ausdruck einer eigenwilligen Politik, getrieben von Rache, Vergeltung und religiösem Fundamentalismus.

Altes und Neues

Hans Leyendeckers Lektüre ist leicht zu lesen, liegt aber garantiert schwer im Magen. Nach bewährter Sachbuchmanier präsentiert sie daher altes Material leicht wiedergekäut. Der Autor serviert dazu stets neue heiße Fakten, die sich dadurch besser verdauen lassen. Er wird zum Anwalt einer gescholtenen US-Bevölkerung, sein Buch zu dessen Anklageschrift. Was indes abzuwarten gilt, ist die Höhe des Strafmaßes. Im November 2004 hat Amerika die Wahl.

Rezension von Claudio Bini

Hans Leyendecker (2004): Die Lügen des Weißen Hauses. Wie die Regierung Bush die Welt täuscht. Reinbek: Rowohlt, 208 Seiten. Kaufen bei Amazon.