Immer mehr Menschen greifen zu alternativen Heilmethoden. Eine davon ist Ayurveda, das vor ca. 5.000 Jahren in Indien entstand. Wir sprachen mit der Ärztin Dr. Harsha Gramminger, die beide Welten vereint und soeben ein Einsteigerbuch zum Ayurveda veröffentlichte.

Frau Gramminger, wie kommt man als Medizinerin dazu, eine ayurvedische Ausbildung zu absolvieren?

Dr. Harsha Gramminger: Das Leben hat mich gewissermaßen auf den Ayurveda „geschubst“, als ich vor Jahren in Indien war. Ich wurde als Ärztin um eine Alternative zur Antibiotika-Therapie gebeten und lernte dadurch einen Ayurveda-Professor kennen. Dieser Professor empfahl mir diverse ayurvedische Medikamente, die allesamt wirksam waren – und zwar sofort. Ich war verblüfft, denn ich kannte in unserer Naturheilmedizin nichts dergleichen, schon gar nicht ohne Erstverschlimmerung. Ich sah, wie selbst infizierte Wunden mit ayurvedischen Antibiotika geheilt wurden. Für mich als westliche Ärztin ein Ding der Unmöglichkeit! Mich hat also die Praxis überzeugt – und so wurde ich immer weiter zum Ayurveda hin und in den Ayurveda hinein gezogen.

Dann erläutern Sie uns doch diese Besonderheiten bitte einmal!

Gramminger: Ayurveda bedeutet die „Wissenschaft vom langen und gesunden Leben“. Es ist also ein ganzheitliches Gesundheitssystem, eine gesunde, auf den Einzelnen zugeschnittene Lebensart. Im Vordergrund steht die individuelle, typenbezogene Prävention von Krankheiten, die Steigerung der Lebensqualität und natürlich die Behandlung vom Erkrankungen.

Sollten wir Krankheit erfahren, versuchen wir das aus dem Gleichgewicht geratene System wieder in Balance zu bringen. Im Ayurveda geht es eigentlich immer um Balance, auch darum, dass wir das Innere im Außen wiederfinden können. Im Grunde ist Ayurveda also keine rein körperliche Medizin, sondern bezieht auch unseren Verstand, unsere Emotionen und unsere Seele mit ein. Es geht darum mehr zum Individuum zu werden und dadurch unserem Selbst leichter begegnen zu können. Deshalb deckt die Ayurveda-Medizin auch nie die Gefühle zu, sondern lässt diese offen-, sicht- und erfahrbar werden. Wirklich gelebte und integrierte Ayurveda Medizin fördert ein klareres Denken und Fühlen und unterstützt damit das Individuelle am Menschen.

Und wie unterscheidet sich Ayurveda von anderen alternativen oder Naturheilkundeverfahren?

Gramminger: Nun – ich würde mal sagen, dass der Ayurveda umfassender behandelt, indem er auch die individuelle Ernährung und die individuelle Bewegung und Entspannung mit einbezieht. Es gibt keinerlei Schubladen- oder Nischendenken. Die als Medizin verabreichten Pflanzen und Gewürze sind für uns in Europa fremd, weshalb sie oft zu einem durchschlagenden Erfolg führen. Unser westlicher Körper nimmt diese ausgleichenden Präparate gerne auf und sie helfen ihm, unser überlastetes System auszugleichen.

Hat Ayurveda für alle Krankheiten oder Unfälle ein Mittel? Oder gibt es Fälle, in denen Sie die Schulmedizin bevorzugen würden?

Gramminger: Ayurveda deckt alle Fachrichtungen in unserem medizinischen System ab, bspw. auch Operationen. Es gibt spezielle Operationstechniken, die u.a. bei Abszessen wirksamer sind, als unsere schulmedizinischen.

Trotzdem plädiere ich dafür, auch unsere Schulmedizin mit in die Betrachtungsweise von Erkrankungen einzubeziehen. Es spricht ayurvedisch nichts dagegen ein MRT anzuordnen und zusätzliche Diagnostik zu betreiben. Auch werden wir im Ayurveda sinnvolle schulmedizinische Behandlungen nicht ablehnen, wir wägen einfach die Sinnhaftigkeit der Behandlungsmaßnahmen zum Wohle des Patienten sensibler ab.

Yoga, Massagen und Behandlungen sind hierzulande ja medizinisch anerkannt. Aber wie sieht es mit ayurvedischen Medikamenten aus?

Gramminger: Zum Glück können wir inzwischen ayurvedische Präparate über unsere Apotheken beziehen. Eine Majorität dieser Präparate ist zudem von unabhängigen Lebensmittelkontrollstellen schadstoffgeprüft und als gesundheitlich unbedenklich eingestuft worden. Leider werden die Kosten derzeit noch nicht von den Krankenkassen übernommen. Ayurvedische Nahrungsergänzungsmittel müssen – wie momentan eigentlich alle Nahrungsergänzungsmittel – vom Patienten selbst bezahlt werden.

Wie beurteilen Sie die Entwicklungen des Ayurveda im Westen? Und vor allem: Wo wird es sich hin entwickeln?

Gramminger: Ayurveda wird bekannter, zwar bisher eher als eine besondere Art von  Wellness oder durch die indischen Gewürze oder Tees. Der Anfang ist aber damit schon gemacht. Zudem ist ein permanenter Zuwachs an wirklich interessierten und engagierten Ayurvedafreunden zu bemerken. Die Netzwerke werden stärker, die Kommunikation dichter, die Lobby in der Öffentlichkeit verdichtet sich allmählich.

Die ayurvedisch behandelnden Ärzte setzen sich für mehr fachliche Anerkennung von Seiten der Ärztekammern ein. Wir wünschen uns, dass Ayurveda-Medizin auf einer Ebene mit der Schulmedizin genannt wird und dass Kollegen sich untereinander mehr austauschen und den Ayurveda als ein alternatives bzw. ergänzendes Wissen sehen, um vor allem chronische Erkrankungen zu heilen. Wo die klassische Medizin versagt, suchen die Menschen nach Alternativen und da begegnet ihnen schon heute das ganzheitliche System des Ayurveda.

Des Weiteren dürfen wir – wie in anderen Lebensbereichen auch – bemerken, dass durch unsere überschleunigte und größtenteils unachtsame Lebensart eine große Sehnsucht in den Menschen entstanden ist, wieder zu den Wurzeln alten Wissens zurück zu kehren und mittels vertiefter Wahrheiten wieder den Dingen des Lebens authentisch auf den Grund gehen zu können. Auch hier bietet der Ayurveda – nicht nur in medizinischer Hinsicht – ein weites Spektrum an Möglichkeiten.

New_Age_Ayurveda_Cover_Bd1WWWHarsha Gramminger promovierte in Humanmedizin und erhielt anschließend eine umfassende ayurvedische Ausbildung in Kalkutta und Italien. Seit 2003 führt sie ihre eigene ayurvedische Klinik mit angeschlossener Akademie für Ärzte, Heilpraktiker und Ayurveda-Interessierte in Bell (Nähe Köln). Um den Mangel an ayurvedischen Mitteln in Europa auszugleichen, hat sie zudem einen Vertrieb für Ayurveda-Erzeugnisse gegründet.

Soeben erschien ihr Einsteigerbuch: New Age Ayurveda – Meine Basics: Ayurveda für jede Lebensphase. Narayana Verlag, 145 Seiten, 14,80€.