Kirchtürme zu Leuchtfeuern – Kleinstädte als Prototypen einer nachhaltigen Entwicklung!

Kleinstädte – das sind romantische Gassen, friedliche Häuschen und beschauliche Wochenmärkte. Was auf der einen Seite schön und erholsam ist, ist auf der anderen leider unvereinbar mit den Anforderungen unserer schnelllebigen Welt. Paul L. Knox und Heike Mayer zeigen aber: Wachstum und Prosperität können auch in kleinen Kommunen erreicht werden, ohne deren speziellen Charakter aufgeben zu müssen. Ein Abgesang auf den Kleinstadt-Blues.

In unseren Zeiten, in denen das Tempo der Welt immer schneller und die Rhythmen immer gleichtaktiger werden, fragt man sich, wo denn noch Platz für die Regionen abseits der Metropolen bleibt. Beschauliche Kleinstädte und ländliche Gemeinden haben kaum eine Chance mitzuhalten, ohne sich zu verändern. „Wachse oder stirb!“, so scheint das Paradigma zu lauten, dem sich Kleinstädte unterwerfen müssen. Anders lässt es sich offenbar nicht überleben im Kampf gegen die Großen, die Zentren, die Ballungsräume. Ein Kampf, der trotz immenser Anstrengungen oft genug als Donquichotterie endet. Der über lange Zeit gewachsene, eigene Charakter einer Ortschaft bleibt dabei als Erstes auf der Strecke. Die kommunale Gemeinschaft geht als ein weiterer Mitspieler auf dem überfüllten Orchesterboden des globalen Unisono unter. Wachstum um jeden Preis heißt die Devise. Die Sehnsucht nach der individuellen, vielleicht manchmal etwas schrulligen Behaglichkeit der Kleinstadt scheint anachronistisch, pathetisch und vergeblich.

Paul L. Knox und Heike Mayer zeigen, dass es anders geht: Eine vitale Kleinstadt lässt sich genauso gut mit Rücksicht auf deren Besonderheiten realisieren. Ausgehend von den drei E der Nachhaltigkeit – Ecology, Economy und Equality – präsentieren sie anhand zahlreicher Musterprojekte, wie eine ganzheitlich nachhaltige Entwicklung in ländlichen Regionen möglich ist.

Gerade was den Aspekt Economy betrifft, sind neue Rezepte gefragt: Ein Beispiel ist die italienische Initiative Cittaslow, der sich inzwischen Städte auf der ganzen Welt angeschlossen haben. Ihr zentrales Anliegen ist es, das rücksichtslose Wachstum als Gefahr für das kleinstädtische Leben zu entlarven und ihm entgegenzuarbeiten. Stattdessen sollen die Kommunen ihre regionalen Besonderheiten erkennen und aktiv nutzen. Es gilt, dem Assimilationsdruck, der McDonaldisierung zu widerstehen. Home towns statt clone towns. Entschleunigung heißt das Zauberwort. Dazu gehört, die ortsansässige, traditionelle Wirtschaft zu fördern. Wochenmärkte, kleine Läden und regionale Produkte vermitteln nicht nur ein Mehr an Lebensqualität. Sie schützen die Kommune auch davor, zu einer anonymen Möchtegern-Stadt zu verkommen. Floriert die lokale Wirtschaft, wird die Lokalpolitik schließlich nicht genötigt, die großen Konzerne zu locken. So wird die Zukunftsfähigkeit der kleinen Betriebe und damit Equality gegenüber den großen Playern erreicht.

Auch der Kernbereich nachhaltiger Entwicklung findet Beachtung: Ecology, also Umwelt- und Ressourcenschutz. Am Beispiel der schwedischen Eko-Kommuner-Bewegung erläutern Knox und Mayer, wie Bürger für die ökologischen Probleme ihrer Stadt sensibilisiert werden können. Vielfach sollen die Menschen in den Kleinstädten dabei selbst aktiv werden und so zu einer lebenswerten Umwelt beitragen.

Anhand eines Netzwerkmodells machen Knox und Mayer deutlich, dass das Lebensgefühl innerhalb eines Ortes in positiver wie in negativer Richtung verknüpft ist mit wirtschaftlicher Prosperität. Letztendlich zielen deshalb alle vorgestellten Projekte darauf ab, das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Kommune zu stärken und die Lebensqualität zu steigern. Ein wichtiger Faktor ist dabei unter anderem der Umgang mit dem kulturellen Erbe, mit Kunst und Kultur in der Stadt. Nur durch ein starkes Bewusstsein der Gemeinsamkeiten kann eine Gemeinschaft zusammengehalten werden. Genauso wichtig: Stadtentwicklung und Raumplanung. Fördern Architektur und Gestaltung der Ortschaft die Kommunikation? Fühlt man sich in den Straßen wohl? Die Bedeutung menschlicher Begegnung zieht sich als roter Faden durch das gesamte Werk.

Schon die Lokale Agenda 21, die im Nachklang zum Erdgipfel von Rio ins Leben gerufen wurde, zeigt, dass man in den kleinen Kommunen alle Aspekte des Nachhaltigkeitsdiskurses finden kann. Die Betrachtungen im vorliegenden Band bestätigen dies. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Überschaubarkeit und Berechenbarkeit können Kleinstädte als Prototypen nachhaltiger Entwicklung dienen. Allerdings geht diese Entwicklung nicht problemlos vonstatten: Wandel erfordert auch Umdenken. Einwohnerschaft und Kommunalpolitik müssen wegkommen vom Kirchturmdenken. Die Herausforderung ist, Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem, Begeisterung und ein gewisses Sendungsbewusstsein zu entwickeln.

Hier drängt sich die Frage auf, ob jede Kleinstadt für solche tief greifenden Veränderungen bereit ist und die Chance dazu hat. Schließlich sind die bestehenden Rahmenbedingungen nicht unerheblich für die weitere Entwicklung. So kann schon die Nähe zu einer Autobahn über Wohl und Wehe einer kleinen Kommune entscheiden. Zweifelsohne können die gezeigten Beispiele als Vorbild dienen. In den meisten wird jedoch eine günstige Ausgangslage die beschriebenen Prozesse zumindest beschleunigt, wenn nicht gar erst möglich gemacht haben. Zwar werden Negativbeispiele genannt, doch leider bleibt dieser Aspekt etwas außen vor. Dadurch wird dem Leser das nötige Handwerkszeug vorenthalten, um auch die Perspektiven des eigenen Umfelds besser einschätzen zu können.

Nichtsdestoweniger ist Knox und Mayer ein spannender Überblick über das Potenzial von Kleinstädten gelungen. Beeindruckend ist der Spagat, den die Autoren vollführen: Über zweihundert Farbfotos lassen das Buch zunächst wie einen schwärmerisch-detailverliebten Bilderbogen anmuten. Auf den zweiten Blick offenbart es eine erstaunliche Bandbreite, die von ganz handfesten Beschreibungen des Stadtmobiliars bis hin zu sozialphilosophischen Exkursen reicht.

Zukunft hat die Provinz auf jeden Fall, aber ob die Zukunft auf jeden Fall in der Provinz liegt, bleibt offen. Die schillernden Musterbeispiele dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass jede Kommune ihre spezifischen Probleme zu bewältigen hat. Eine generelle Lösung bleiben Knox und Mayer daher schuldig. Bei aller Ambivalenz der Kleinstädte wird es wohl auch nur schwer möglich sein, eine solche zu formulieren. Was bleibt, ist eine wertvolle Perspektivenerweiterung und ein schönes Plädoyer, Ästhetik und Potenzial von Kleinstädten stärker zu respektieren.

Paul L. Knox, Heike Mayer (2009): Kleinstädte und Nachhaltigkeit. Konzepte für Wirtschaft, Umwelt und soziales Leben. Birkhäuser Verlag, 192 Seiten, 34,90 Euro. Kaufen bei Amazon.

Rezension von Johannes Uhl. Zuerst veröffentlich in: 360° Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft, 2/2009: Leitbild Nachhaltigkeit. Hoffnungsträger zwischen Allheilmittel und Zielkonflikten. Erhältlich unter: www.journal360.de