Thomas Lehr:
Zwischen philosophischen Betrachtungen der Zeit und exzessiven Sexmissbrauch – sprachlich schwere Kost, die nicht wirklich überzeugt!
Von Felix Struening
Was ist die Zeit? Was ist die Wirklichkeit? Ist die Lichtgeschwindigkeit das Absolute? Fragen, die sich die Wissenschaft seit Jahrzehnten stellt. Fragen, die die philosophische Seite des neuen Romans von Thomas Lehr ausmachen. Doch wer beim Titel an eine Anspielung auf Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ denkt, liegt ziemlich falsch. Auch wenn „42“ eine gewisse Fantasterei nicht abgeht.
„Es ist klar, dass du noch lebst. Es kann dich trösten, dass dutzende um dich herum ebenfalls am Leben sind, auch wenn sie in der Choreografie eines blödsinnigen Balletts gefangen scheinen.“
Die literarische Versuchsanordnung ist relativ einfach: 70 Wissenschaftler und Journalisten, die den Teilchenbeschleuniger der CERN-Anlage bei Genf besuchen, müssen bei ihrer Rückkehr an die Oberfläche feststellen, dass außer ihnen alle und alles erstarrt ist. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein, alle Uhren stehen auf 12 Uhr, 47 Minuten und 42 Sekunden. Letztere stellen den Titel, bedeuten aber auf japanisch „shi ni“, also Tod. Und genau so scheint die ganze Welt zu sein. Nur die 70 Personen sind von einer Art Zeitblase umgeben, in der sie sich bewegen können. Was folgt, ist der fünfjährige Umgang ohne Zeit aber mit – wenn auch beschränkter – Macht.
„Die Grenzen zu bestimmen ist das Schwierigste, wenn niemand antwortet und niemand die Zeit hat zu leiden. Wenn niemand bestraft.“
Und genau hier beginnt das zweite große Thema des Romans. Thomas Lehr beobachtet seine Versuchspersonen detailliert bei ihrem Umgang mit den erstarrten Menschen. Schnell weicht die anfängliche Scham und Missbrauch steht an der Tagesordnung. Hundertfach vergewaltigen die Männer hilflose Frauen und Mädchen. Aber auch Raub und Mord prägen das Handeln. So mancher Leser mag hier zutiefst geschockt sein über die Triebhaftigkeit der Lehr’schen Figuren. Dennoch scheint das große soziologische und moralische Experiment nicht jeglicher Realität zu entbehren.
„Zeit, ihr Schuppenpanzer vielmehr, ist Vereinbarung, Rhythmus, Organisation.“
Der philosophische Teil hingegen thematisiert ausführlich, ja bis zum Exzess die Frage nach der Zeit. Zum einen finden sich viele Anspielungen auf Einstein und die Relaticitätstheorie. Zum anderen schafft der Autor aus dem griechischen „chrónos“ (Zeit) neue Worte wie Chronosphäre (die Zeitblasen) oder Chronikette (Etikette im Zeitstillstand). Generell spielt Thomas Lehr stark mit der Sprache und verdichtet sie, bis es fast unerträglich wird. Und irgendwann sind es zu viele Metaphern, 370 Seiten fallen ganz schön ins Gewicht. Spannend bleibt der sprachlich-moralische Umgang mit der Zeit: Im Stillstand wird alles zur Unzeit, zu Unjahren, doch auch zu Untaten. Ob diese Taten nach dem möglichen Wiederbeginn der Zeit dann un-getan sind, bleibt nicht nur ein moralisches Problem. Das Ende des Buches ist eher diffus, zumindest aber unbefriedigend. „42“, für den Deutschen Buchpreis 2005 nominiert, ist also in keinem Fall leichte Kost und der Leser wir meist mit mehr Fragen als Antworten die Lektüre beenden.
(Rezensiert am: 2005-11-08)
Thomas Lehr: 42. , Aufbau Verlag, 2005, ISBN-13: 9783351030421, 22.90 €
| BuchTest Services | ||
|
|
| Politik | Länder & Kulturen | Job & Karriere | Mensch & Leben | Philosophie | |
|
|
||
| © Copyright Buchtest.com | Impressum | Kontakt |