Peter Scholl-Latour:

Afrikanische Totenklage

Der Ausverkauf des Schwarzen Kontinents

Eine Expedition durch den afrikanischen Dauerkrieg – wie der Buschkampf im Paradies auf Erden die Apartheid ablöst!

Von Claudio Bini

Dass die Wege des Herrn nur schwer zu ergründen sind, lehrt uns die Heilige Schrift. Dass der Weg Afrikas einem ähnlich mysteriösen Schicksal geweiht ist, erschließt Peter Scholl-Latours „Afrikanische Totenklage“. Die journalistische Koryphäe scheut sich nicht, im Vorwort dieser Chronik des schwarzen Kontinents ein ernüchterndes Fazit vorwegzunehmen: „Für jeden ehrlichen Beobachter bleibt Afrika ein unergründliches Rätsel.“ Um in die Undurchsichtigkeit des Buschs dennoch etwas Licht zu bringen, nimmt der Autor bei seiner durchdringenden Exkursion den „Afrikanischen Mikrokosmos“ genauer unter die Lupe.

Die Macht am Ende des Gewehrlaufs

Die Bilanz seiner Klageschrift ist frappierend. Der schwarze Erdteil ist zu einem Strudel der Grausamkeit, zu einem Karussell der Militärrevolten und gefälschten Wahlen verkommen. In diesem Hexenkessel bestimmen neben der Ebola-Seuche und dem Aids-Virus, Prostitution, Massaker und blindwütige Kindersoldaten die Tagesordnung, ohne dass ein kleiner Lichtblick den Horizont des schwarzen Kontinents erhellte. Ob in den endlosen Minenfeldern Angolas, beim „selektiven Genozid“ in Burundi, oder beim Öl-Krieg im Sudan; in Afrika führt der Tod Regie. Diese traurige Gewissheit scheint sich wie ein dunkler Schatten über den Kontinent gelegt zu haben. Selbst die Beschreibung der lieblichen Landschaften Kiwus oder die sagenhaften Berichte über Zwergenstämme und hagere Riesen können nicht über den Völkermord in Ruanda hinwegtäuschen, der zu den fürchterlichsten seit dem Holocaust zählt.

Ein gespenstischer, unheimlicher Humbug

„Afrika wurde vom Kolonialismus befreit und in eine kulturelle Wüste geschickt“, so scheint es. Die Leichenberge, die sich zwischen Ruanda und Angola türmen, zeugen nicht nur vom traurigen Rückfall Afrikas in eine wüste, wilde Barbarei. Seine halbnackten Stammeskrieger mit Speeren und Kalaschnikows wirken wie böse schwarze Kinder, die in einer prähistorischen Unterwelt die letzten Überlebenden der Steinzeit stellen. In dieser „Elendswelt“, die Scholl-Latour skizziert, teilen sich verstörte, abergläubische Menschen mit Ratten, Leichen und alten UN-Wracks ihren fruchtbaren Lebensraum, anstatt sich der hart erkämpften Unabhängigkeit zu erfreuen. „Es gibt in Afrika keine drei Staaten, die unserer Vorstellung von Demokratie entsprechen.“

Amerikanische Krankheit, ein Vakuum im Herzen Afrikas

Das Chaos, das sich seit dem Ende der Apartheid wie ein Krebsgeschwür durch den afrikanischen Erdteil frisst, lässt den Kontinent zu einer unberechenbaren politischen Konstante werden. Seine großspurigen Herrscher sind zu Figuren auf dem Schachbrett eines weltweiten Wettbewerbs degradiert, der zwischen Washington und seinen diversen Nebenbuhlern ausgebrochen ist. Afrikas Souveränität erstarrt in diesem weitverzweigten Intrigenspiel um Einfluss und Gewinn, bei dem Waffen, Drogen und Diamanten unter dem Deckmantel der Globalisierung beständig die Besitzer wechseln. Im Zeichen der freien Marktwirtschaft und unter Assistenz des Internationalen Währungsfonds werden die Reichtümer des afrikanischen Erdbodens einer verantwortungslosen Herrschaft des Geldes ausgeliefert. Das Verscherbeln von Kriegsmaterial jeglicher Kategorie, überwiegend aus den unerschöpflichen Restbeständen der ehemaligen Sowjet-Armee, zählt am Rande der Legalität zum lukrativsten Teil des Geschäfts. Kein Wunder also, dass russische Panzer in Ostafrika „weit weniger als eine Luxus-Limousine“ kosten. Zwischen Spezialfirmen für Militärhilfe und dem rücksichtslosen Abbau des Regenwalds stinkt es indes nach Öl und geldgierigem amerikanischen „Big Business“.

Nichts für ungut; nichts für Anfänger

Zweifelsohne zeugen die unglaublich fundierten Details der Berichte von einer unumstößlichen Sachkenntnis des einstigen Afrikakorrespondenten. Sein überschäumendes Wissen entzieht dem Leser aber im sprudelnden Zahlen- und Namenwirrwarr rasch den nötigen Halt. Der überforderte Laie wird mit einem Meer an Informationen überflutet, das ihn gelegentlich im Strom des Gedankenflusses untergehen lässt. Dem können auch nicht die wechselnden Gesprächspartner und Zeitzeugen Abhilfe leisten, die sich den unangenehmen Fragen Scholl-Latours zu stellen haben. Auch der gut gemeinte Vergleich seiner unzähligen Reisenotizen und die schemenhaften Afrikakarten fordern einen Tribut auf Kosten des schwindenden Überblicks.

Alte Kamellen, neue Fakten, gut umgerührt

In probater Weise greift er mit seinen rückblickenden Tagebucheinträgen, der längst obligatorischen Fotosammlung im Mittelteil, und der Zeittafel am Ende des Buches auf altbewährte Muster seiner vorherigen Werke zurück. Dennoch ist an der journalistischen Größe Scholl-Latours nicht zu rütteln. Seine Berichte strotzen von einer exzellenten Auffassungsgabe, einer schonungslosen Schilderung, und der nötigen Prise Ironie. In gewisser Hinsicht bleibt der ehrwürdige Mann doch selbst ein unergründliches Rätsel.

(Rezensiert am: 2004-10-31)

Peter Scholl-Latour: Afrikanische Totenklage. Der Ausverkauf des Schwarzen Kontinents, Goldmann Verlag, Mai 2003, ISBN-13: 9783442152193, 9.90 €


BuchTest Services



Bookmark and Share


powered by eurobuch.com

Politik | Länder & Kulturen | Job & Karriere | Mensch & Leben | Philosophie |



© Copyright Buchtest.com Impressum Kontakt Buchtest.com Buchkritiken und Buchrezensionen Online

Buchkritiken | Rezensionen | Besprechungen | Autoren-Interviews

World Wide Web BuchTest

Startseite | Redaktion | Blog | Links | Kontakt
Hier könnte Ihre Werbung stehen.

BuchTest.de ist ein anspruchsvolles Online-Medium mit mehreren Tausend Lesern monatlich. Unsere Zielgruppe sind gebildete Menschen im besten Alter.

BuchTest.de erscheint in der Regel bei allen besprochenen Büchern unter den ersten drei bis fünf Suchergebnissen bei Google. Der hohe PageRank und der umfangreiche Traffic von BuchTest bringt Ihrer Webseite den richtigen Push.

Kontaktieren Sie uns jetzt für günstige Werbung: info@buchtest.de