Hugh Miles:

Al-Dschasira

Ein arabischer Nachrichtensender fordert den Westen heraus

Gute und sehr ausführliche Analyse des Nachrichtensenders – fundiert aber manchmal zu unkritisch!

Von Felix Struening

Spätestens seit dem 11. September 2001 beschäftigt sich die westliche Öffentlichkeit mit dem Orient. Und spätestens seit dem Al-Dschasira Schreckensbotschaften von Osama bin Laden ausstrahlte, kennen die meisten den Sender. 1996 gegründet, bewirkte der Sattelitenkanal eine regelrechte Medienrevolution im arabischen Raum. So behauptet zumindest die vorliegende, knapp 330 Seiten starke Studie.

Vom Niemand zum Störenfried

Ermöglicht durch die Liberalisierung Katars und finanziert durch den Emir des Landes, war Al-Dschasira der erste Sender im arabischen Raum, der ähnlich wie CCN und BBC als reiner Nachrichtenkanal arbeitete. Mit 50 erfahrenen Mitarbeitern aus einer gescheiterten arabischen BBC-Produktion und sich permanent erweiternden technischen Möglichkeiten, wurde Al-Dschasira schon zwei Jahre nach Sendebeginn zum wichtigsten Nachrichtensender im Nahen Osten. Exklusive Kriegsberichterstattung aus Afghanistan brachte dem TV-Kanal die internationale Anerkennung, USA-kritische Sendungen aus dem Irakkrieg sein widersprüchliches Image. Von den feindlich gesinnten Saudis finanziell boykottiert, konnte der Sender trotzdem Fuß fassen. Sämtliche Regime und Diktatoren im arabischen Raum, aber auch die USA mussten sich nun mit den ungemütlichen Recherchen auseinandersetzen.

Die Medien als vierte Macht

Hugh Miles liefert mit dieser Studie nicht nur die Geschichte eines TV-Kanals, sondern gezwungenermaßen auch gleich die neuere Geschichte der USA und des Nahen Osten bzw. des arabischen Raumes. Hierbei wird sehr gut deutlich, wie bereits ein Sender die Politik beeinflussen kann. Deswegen greift der Untertitel des Buches auch wesentlich zu kurz: Nicht nur der Westen sondern vor allem die arabischen und islamischen Regime werden von Al-Dschasira und unabhängiger Berichterstattung im Allgemeinen herausgefordert. Bedingt durch die hohe Analphabetenrate in diesem Raum, wirkte sich der Satellitensender in vielen Bereichen sogar noch durchschlagender aus, als das Internet.

Hugh Miles und Al-Dschasira

Sicherlich ist richtig, dass Al-Dschasira in den arabischen Medien viel bewegt hat. Dass regimekritische Meinungen gesagt werden dürfen, dass Zuschauer sich live und unzensiert per Telefon zu den Diskussionen äußern dürfen und dass in den Talkshows immer wieder gegensätzliche Gäste aufeinander losgelassen werden, war bis dahin unbekannt. Al-Dschasira als das Steckenpferd des modernen Journalismus darzustellen, wirkt jedoch zu unkritisch. Immerhin folgen 250 Seiten genauer Analyse ganze 50 Seiten, auf denen der Sender gegen jegliche Kritik verteidigt wird. Der Leser beginnt sich zu fragen, warum dies notwendig ist, wenn der Satellitenkanal angeblich so guten und innovativen Journalismus betreibt. Zumal die (staatliche) Finanzierung des Senders durch den Emir von Katar kritisch zu beurteilen ist und bleibt. Hinzu kommt, dass Hugh Miles seine eigene Glaubwürdigkeit immer wieder torpediert, wenn er Faktenanalyse mit persönlicher Meinung vermischt. Allzu oft beansprucht er die Wahrheit für sich, z.B. bei der Auswirkung der Informationstechnologie auf die Demokratisierungsprozesse arabischer und insbesondere muslimischer Länder. Mit zu vereinfachenden Formulierungen, wie „In den arabischen Ländern glaubte der Mann auf der Straße weiterhin, Al-Dschasira wolle [...]“ verliert der Autor hin und wieder gänzlich den wissenschaftlichen Stil.

Umfassend, gut, hilfreich

Insgesamt legt Hugh Miles mit diesem Buch eine umfassende Studie vor. Auch der Ausblick auf den englischsprachigen Kanal und seine Einschätzung sind sinnvoll. An der Ausstattung des Buches könnte allerdings noch etwas gearbeitet werden, Zeittafel und Landkarte wäre hilfreiche Erweiterungen. Mit dem erworbenen Faktenwissen fallen dem Kenner der Region Einschätzung und Einordnung des arabischen Senders leichter, für nur leicht Interessierte ist der Stoff zu umfangreich.

(Rezensiert am: 2006-01-08)

Hugh Miles: Al-Dschasira. Ein arabischer Nachrichtensender fordert den Westen heraus, Europäische Verlagsanstalt, 2005, ISBN-13: 9783434505945, 24.80 €


BuchTest Services



Bookmark and Share


powered by eurobuch.com

Politik | Länder & Kulturen | Job & Karriere | Mensch & Leben | Philosophie |



© Copyright Buchtest.com Impressum Kontakt Buchtest.com Buchkritiken und Buchrezensionen Online

Buchkritiken | Rezensionen | Besprechungen | Autoren-Interviews

World Wide Web BuchTest

Startseite | Redaktion | Blog | Links | Kontakt
Hier könnte Ihre Werbung stehen.

BuchTest.de ist ein anspruchsvolles Online-Medium mit mehreren Tausend Lesern monatlich. Unsere Zielgruppe sind gebildete Menschen im besten Alter.

BuchTest.de erscheint in der Regel bei allen besprochenen Büchern unter den ersten drei bis fünf Suchergebnissen bei Google. Der hohe PageRank und der umfangreiche Traffic von BuchTest bringt Ihrer Webseite den richtigen Push.

Kontaktieren Sie uns jetzt für günstige Werbung: info@buchtest.de