Waris Dirie:
Eine sehr intim-authentische Weise Solidarität im Kampf für die Freiheit der Frauen zu fordern!
Von Marie Hofer
„Brief an meine Mutter“ ist ein Buch, das den Leser tief in das Innenleben einer beherzten Frau eintauchen lässt. Es stellt nicht so sehr die körperlichen Schmerzen der genitalen Verstümmelung in den Vordergrund, als vielmehr einen Mutter-Tochter-Konflikt, die immerwährende „Suche nach Liebe“ und den Weg zu sich selbst. Die Ehrlichkeit, mit der Waris Dirie den Leser an diesen, oft für ihn selbst sehr vertrauten Gefühlen teilhaben lässt, berührt zutiefst. Damit schafft sie es auf emotionaler Ebene Sympathisanten für ihr eigentliches Anliegen zu gewinnen, den Kampf gegen die Genitalverstümmelung.
Mutter-Tochter
Waris Dirie erzählt von dem Wiedersehen mit ihrer Mutter nach 10 Jahren. Dabei wiederholt das Buch an einigen Stellen zusammenfassend ihre Biographie. Wie Waris Dirie in der Wüste Somalias als Nomadentochter aufwächst, fliehen kann, bevor sie mit einem alten Mann verheiratet wird und sich schließlich als eines der begehrtesten Topmodels der Welt wiederfindet. Darüber verfasste sie ihr erstes autobiographisches Buch „Wüstenblume“.
Als sie ihre Mutter zum letzten Mal sah, war dies in ihrem Heimatland Somalia. Diese Reise beschrieb Waris Dirie in ihrem zweiten Buch „Nomadentochter“. Der nun vorliegende dritte Teil ihres autobiografischen Werkes, hebt sich durch die berührend-authentische Beschreibung des eigenen Erlebens sehr von ihrem letzten Buch „Schmerzenskinder“ ab.
Das Treffen mit ihrer Mutter soll eine Versöhnung sein, eine Antwort auf die empfundene Entwurzelung und den Zweifel, ob sie durch ihre Aktivität gegen die weibliche Genitalverstümmelung das Band zu ihrer Heimat halten kann. Die Stimmung ist emotional sehr aufgeladen, voller Erwartungen, Hoffnungen und dem sehr verständlichen Wunsch einer Tochter, geliebt zu werden.
Brief
Neben diesen Schilderungen des Geschehens durchzieht das Buch ein langer Brief an die Mutter, ein sehr intimer Teil, in dem sie sich erklärt, Verständnis ersucht, und ganz persönliche Worte an die Mutter richtet. Es sind viele Briefe, die sich teilweise direkt, teilweise indirekt auf das beschriebene Geschehen beziehen.
FGM – Female Genital Mutilation
Beschneidung ist der Streitpunkt von Mutter und Tochter. Beide suchen für ihre Einstellung Verständnis, wollen Akzeptanz und eine Bestätigung. Entgegen aller Hoffnungen der Tochter, die Menschlichkeit ihrer Mutter zu erreichen, indem sie freiheitliche Werte in den Vordergrund stellt und die weibliche Genitalverstümmelung als Verbrechen ächtet, kann die Mutter die Missachtung der Traditionen nicht akzeptieren und wendet sich von ihr ab.
„Er ist deine Seele und Intimität“
Diese Traditionen fußen auf einer Gesellschaft in der Stämme und Clans das Leben bestimmen. Alles wird in deren Dienst gestellt: Die Ehre der Familie und des Clans wird mit dem guten Verkauf der Töchter sicher gestellt und dies geht nur mit ‚gemachten‘, also beschnittenen Frauen. Die Bände sind so stark, dass sich die unterdrückten Frauen kaum zu wehren wagen oder ihre eigene Unfreiheit verteidigen und sich geduldig wie Vieh behandeln lassen.
Beispielhafte Mitstreiter
Die Autorin berichtet aber auch über jene engen Freunde, die unterstützend und stetig auf den großen Mut und die beharrliche Kraft aufmerksam machend, Waris Dirie immer wieder aufhelfen, sowie über andere beispielhafte Freiheitskämpfer, wie Ayaan Hirsi Ali.
„Bitte unterstützen Sie mich!“
Das Buch ist ein Apell. Es ruft zur Solidarisierung und zur Unterstützung im Kampf gegen Genitalverstümmelung auf. Leider gelingt dies nicht an allen Stellen ganz werbungsfrei. Die „Waris Dirie Foundation“ wird aus gegeben Anlass teilweise zu sehr in den Vordergrund gerückt, was die Intimität und scheinbare Ehrlichkeit der Briefe überschattet.
Unsere Pflicht
Dennoch haben nur wenige den Mut wie Waris Dirie sich gegen all diesen Druck und die fortwährenden Morddrohungen zu stellen und die Unwissenheit über diese Themen und die stille Duldung aufzubrechen. Auch bei den in Europa und Amerika lebenden Afrikanern findet man diese blinde Ausübung einer grauenhaften Tradition. „Integration scheint nicht die Sache der Somalis zu sein“, schreibt Waris Dirie und fordert: Alle Menschen haben Menschenrechte und „es ist unsere Pflicht, für diese zu kämpfen.“
(Rezensiert am: 2008-04-05)
Waris Dirie: Brief an meine Mutter. , Ullstein Verlag, 2007, ISBN-13: 9783550078767, 19.95 €
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