Inazo Nitobe:
Gut strukturierter und umfassender Einblick in die Morallehre Japans – mit vielen zeitlosen Werten!
Von Maximilian Hansen
Der Autor wurde selbst in einer alten Samurai-Dynastie geboren und hielt die Werte des Bushido in seinem Leben als Philosoph und UN-Botschafter stets hoch. Sinniger Weise beginnt er sein Buch mit den Ursprüngen des Bushido, die zwar nicht genau zu datieren sind, jedoch in der Feudalzeit Japans liegen müssten, also im 12. Jahrhundert. Dabei leitet sich das Wort Bushido aus dem japanischen bushi – den ritterlichen Kämpfern, den Samurai ab. Bushido ist demzufolge „der Weg des ritterlichen Kämpfers“, eine Art Leitfaden für Fair Play bei den Kämpfen zwischen den Samurai.
Das Bushido hat seine philosophischen Quellen im Buddhismus (Gelassenheit), Shintoismus (Ehre, Vaterlandsliebe, Treue) und bei Konfuzius (Moral). Wie viele asiatische Denksysteme beruht es auf einer hauptsächlich mündlichen Übertragung. Dabei spielen Religion, Literatur und Wissen keine große Rolle in der Erziehung: „Bushido hielt nicht viel vom Wissen an sich. Es wurde nicht als Endzweck verfolgt, sondern als Mittel zur Erlangung von Weisheit.“ Stattdessen wurde Philosophie zur Charakterbildung gelehrt und die Lösung von politischen und militärischen Problemen in den Vordergrund gerückt.
Die japanische anerzogene, absolute Treue zum Kaiser erinnert an das Europa des Ersten Weltkrieges, als man noch bedenkenlos für Gott und Vaterland starb. Auch in Japan wurde Treue und Liebe gegenüber dem Staat, respektive dem Kaiser, über das Individuum gestellt. Aber auch die Erziehung zu Güte und Mitgefühl nahm einen großen Platz ein. Den Gegensatz dazu bildete die erzieherische Askese und Abhärtung.
Die Höflichkeit – auch noch heute eine ausgeprägte japanische Sitte – wurde im Bushido ritualisiert, so z. B. bei der Teezeremonie. „Das Ziel aller Etikette ist Folgendes: Du musst dein Gemüt so bilden, dass auch der roheste Schurke es nicht wagt, deine Person anzugreifen, selbst wenn du nur ruhig dasitzt.“ Und wie der Autor weiter ausführt: „Das bedeutet also, dass man durch beständige Übung im guten Benehmen alle Teile und Fähigkeiten seines Körpers in vollkommene Ordnung und Harmonie mit sich selbst und seiner Umgebung bringen kann. Dadurch bringt man die Herrschaft des Geistes über das Fleisch zum Ausdruck.“ Dadurch, dass der perfekte Weg benutzt wird, benötigt der Handelnde am wenigsten Kraft und kann die gesparten Energien für die geistige Entwicklung nutzen.
Der Autor vergleicht interessanter Weise Bushido immer wieder mit europäischen Denkweisen, bezieht sich dabei jedoch leider oft auf unbekannte Philosophen und Autoren, ohne sie weiter zu erklären. Auch wirkt seine Argumentation sehr verteidigend, als müsste er das Bushido rechtfertigen oder verteidigen. Letztlich formuliert er, dass die einzelnen Tugenden des Bushido überall auf der Welt vorhanden sein, aber nur im Bushido diese Kombination eingehen würden.
Interessant geschrieben und mit seinen 110 Seiten sehr überschaubar bietet das Buch einen umfassenden und guten Einblick in die Morallehre der Japaner. Allerdings könnte der Autor etwas weniger bewertend bleiben.
(Rezensiert am: 2004-04-04)
Inazo Nitobe: Bushido. Die Seele Japans, Angkor Verlag, 2003 (orig. 1905), ISBN-13: 9783936018165, 9.90 €
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