Chuck Palahniuk:

Das letzte Protokoll

Ein verstörendes und zugleich aufklärerisches Meisterwerk, gespickt mit stechendem Sarkasmus und nackter Realität!

Von Stefanie Wente

„Dann kam sie nach Waytansea, wo alles so vollkommen in Ordnung war. Und dann stellte sich heraus, dass sie sich geirrt hatte.“

Die junge Kunststudentin Misty Kleinman lebt ein ruhiges und unscheinbares Leben, durchzogen von großen Träumen. Schon seit ihrer jämmerlichen Kindheit wünscht sie sich nichts sehnlicher, als berühmt zu werden. Eine große Künstlerin. Doch dann trifft sie auf Peter Wilmot. Er wird ihr ganzes Leben verändern, denn er gibt ihr, was sie schon immer haben wollte: Ein Heim, eine Familie und das Geld, um sich keine Sorgen machen zu müssen. Das wahre Paradies für das junge Mädchen. Bis seltsame Dinge geschehen. Zimmer, die in Häusern verschwinden, die ihr Mann restauriert hat. Schmierereien an den Wänden dieser Zimmer, voller Hass auf die Bevölkerung der kleinen, idyllischen Insel Waytansea. Misty wird nach dem Selbstmordversuch ihres Mannes von der Hausherrin zum Hausmädchen. Das einzige, was sie noch aufrecht erhält, ist ihre Tochter. Selbst malen kann sie schon lange nicht mehr. Und sie gibt auch die Hoffnung auf, es jemals durch ihre Kunst zu etwas zu bringen. Bis zu dem Tag, an dem sie es ihrer Tochter zum Geburtstag schenkt. Und es wird zur Besessenheit. Von diesem Tag an folgt Misty ihrem Schicksal und steuert ihrem Untergang entgegen.

„Peter, der gesagt hatte, sie solle sich auf eine Insel zurückziehen und nur malen, was sie liebe: was für ein beschissener Rat.“

Palahnuik spinnt eine großartige Geschichte, die von der anfänglichen Ernsthaftigkeit schnell abdriftet. Es scheint alles viel zu phantastisch, als dass es wirklich diesem jungen Mädchen und später dann der gebrochenen Frau wiederfahren könnte. Und doch erkennt man, je tiefer man in den Roman eindringt, dass die Begebenheiten die Realität sind. Schrecklich, unheimlich und absurd, wie sie sind, sind sie doch real. Ein Teil des Lebens der Hauptperson, einer gescheiterten Künstlerin. Schon von Anfang an scheint das Schicksal von Misty besiegelt zu sein, immer nur zweitklassig auf der Kunstschule und doch glücklicher als in ihrer Kindheit. Ein Wendepunkt bahnt sich an mit einem Mann, den alle für verrückt halten. Doch das war damals ja normal, niemand konnte sich Künstler nennen, wenn er nicht irgendetwas Verrücktes tat oder dachte. Oder war. Ein vergessen geglaubter Traum taucht in dem damals jungen und idealistischen Mädchen auf und bewahrheitet sich. Bis aus diesem Traum ein Albtraum wird. Ihr Leben entgleitet ihr und der einzige, den sie jemals zu kennen geglaubt hatte, liegt nach seinem Selbstmordversuch im Koma. Der Leser denkt gemeinsam mit Misty, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann. Doch sag niemals nie...

„Wenn Unglück zu Inspiration führt, müsste Misty ihre besten Jahre noch vor sich haben.“

Auf 284 Seiten zieht Palahnuik den Leser mit seiner abenteuerlichen und bissigen Darstellung eines Menschenlebens in seinen Bann. Ich persönlich habe das Buch an einem Tag verschlungen, ich konnte einfach nicht aufhören. Die in der Zeit hin- und herspringende Schreibweise verlangt konzentriertes Lesen, trotzdem wird es nicht langweilig oder anstrengend. Dadurch, dass von der Hauptperson Misty immer nur in der dritten Person gesprochen wird, verfällt man der Figur nicht. Man kann noch ein kleines bisschen Distanz wahren. So scheint es, als würde man an einigen Stellen ein Tagebuch lesen, an anderen aber auch eine Erzählung über eine Künstlerin und ihr merkwürdiges Leben auf einer kleinen Insel. Wie auch in „Fight Club“ verbindet Palahnuik seine Kritik an der Gesellschaft und der Einstellung der konsumgeilen Bevölkerung mit einem Szenario, das so phantastisch ist, dass man es auf den ersten Blick niemals mit der Realität in Verbindung bringen würde. Erst zum Ende hin wird einem klar, wie sehr Palahnuik doch Recht hat. Schön ist auch der Brief am Ende des Buches, indem die ganze Erzählung noch einmal zusätzlich in ein anderes Licht rückt wird. Ein wahnsinniger Roman, ein würdiger – und auf seine Art sogar noch besserer – Nachfolger von „Fight Club“.

(Rezensiert am: 2005-09-28)

Chuck Palahniuk: Das letzte Protokoll. , Manhattan Verlag, 2005, ISBN-13: 9783442545933, 19.90 €


BuchTest Services



Bookmark and Share


powered by eurobuch.com

Politik | Länder & Kulturen | Job & Karriere | Mensch & Leben | Philosophie |



© Copyright Buchtest.com Impressum Kontakt Buchtest.com Buchkritiken und Buchrezensionen Online

Buchkritiken | Rezensionen | Besprechungen | Autoren-Interviews

World Wide Web BuchTest

Startseite | Redaktion | Blog | Links | Kontakt
Hier könnte Ihre Werbung stehen.

BuchTest.de ist ein anspruchsvolles Online-Medium mit mehreren Tausend Lesern monatlich. Unsere Zielgruppe sind gebildete Menschen im besten Alter.

BuchTest.de erscheint in der Regel bei allen besprochenen Büchern unter den ersten drei bis fünf Suchergebnissen bei Google. Der hohe PageRank und der umfangreiche Traffic von BuchTest bringt Ihrer Webseite den richtigen Push.

Kontaktieren Sie uns jetzt für günstige Werbung: info@buchtest.de