Milan Kundera:
Bewegende Biographie eines fiktiven Dichters!
Von Claudio Bini
Der altehrwürdige Horaz mahnte einst, Weisheit sei Grundlage und Ursprung des guten Schreibens. Milan Kundera scheint den Rat des antiken Dichters befolgt zu haben. Gerüchten zufolge, bezieht er viele seiner Inspirationen aus den Werken Diderots, Musils, Kafkas und Heideggers. Der vorliegende Roman sollte ursprünglich „Das lyrische Alter” heißen. Aus Angst seiner Verleger, der Titel ließe sich nicht verkaufen, benannte er ihn schließlich nach einem Zitat Rimbauds. „Das Leben ist anderswo” ist ein ironisches Epos an die Jugend und an die tschechoslowakische Nachkriegszeit, in der „Dichter und Henker Hand in Hand regierten.”
Zum Dichter
Protagonist Jaromil ist ein Kind aus wohlhabendem Elternhaus. Vom Vater nicht gewollt, von der Mutter schon als Ungeborener vergöttert, findet er seinen Weg zur Poesie. Talent und Leidenschaft öffnen ihm schnell Tür und Tor, der Reim erspart ihm Prügel. Sein Stolz peitscht ihn zu falschem Ehrgeiz. Er lebt auf in der Prager Revolution und macht sich zum Handlanger der Kommunisten. Seine krankhafte Phantasie und der Drang nach Macht offenbaren ein Scheusal. Eine Hassliebe zwischen Mutter und Sohn entbrennt. Er nimmt ihr Liebe und Schönheit, sie ihm Freiheit und Glück. Kummer und Schmerz schweißt sie beide zusammen. An der Schwelle zum Erwachsensein macht der Dichter seine ersten sexuellen Schritte. Mit fremdem „Kopf an der Schulter und einem lachenden Clown zwischen den Beinen” betritt er die Bühne des Lebens.
Zum Nachdenken
Kunderas Werk umweht ein philosophischer Hauch. Zwischen den Zeilen der fiktiven Biographie zeichnen sich neben tschechischen Dichtern und Denkern auch Virtuosen wie Schopenhauer, Rimbaud, Rilke und Hugo ab. Milan Kundera versteht es, Jaromils Geschichte geschickt mit überlieferten Begebenheiten berühmter Schriftsteller zu verweben, und eröffnet so einen Einblick in die selbstgefällige Welt des Poeten. Wie in vielen seiner Werke, gelingt es dem Autor, die Handlungsstränge räumlich und zeitlich zu durchtrennen, parallel weiterlaufen zu lassen, und wieder zu verbinden. Dabei begeistert Kundera nicht nur mit seiner Philosophie und Erzählkunst, er bettet das Ganze auch noch auf politisches Fundament.
Zum Schluss
„Das Leben ist anderswo” zeigt gleichsam Fratze und Menschlichkeit des Dichters im Antagonismus der Mutter-Sohn Beziehung. Kunderas zweiter Roman ist lehrreich und beängstigend zugleich, fesselt mit Entsetzen und Faszination. Er ist die Chronik einer dunklen Zeit, das Dokument eines Augenzeugen. „Zuerst müssen wir die Welt so kennen lernen, wie sie ist, um sie radikal verändern zu können.“ Dafür wurde Kundera 1973 in Paris mit dem Médicis-Preis belohnt. Diese neu übersetzte deutsche Ausgabe hat er zusätzlich mit einem Nachwort ergänzt.
(Rezensiert am: 2005-06-08)
Milan Kundera: Das Leben ist anderswo. , Deutscher Taschenbuch Verlag, Februar 2000, ISBN-13: 9783423127301, 10.00 €
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