Irshad Manji:

Der Aufbruch

Plädoyer für einen aufgeklärten Islam

Der Versuch den Koran anders auszulegen – eine gute und zugleich bedrückende Insiderkritik am Islam!

Von Felix Struening

Irshad Manji ist selbst Muslimin, mit dem Vorteil in Kanada der freien westlichen Welt aufgewachsen zu sein. Und mit einem unersättlichen Überprüfungswillen ausgestattet. Als Kind brachte sie ihren Koranlehrer zur Verzweiflung, als Journalistin nimmt die feministische Lesbe kein Blatt vor den Mund und mit diesem Buch wird sie sich wohl noch mehr Feinde machen.

„Diejenigen, die Frauen wegen der geringsten Kleinigkeit verprügeln wollen, erhalten die nötige Unterstützung vom Koran.“

Die Autorin zeigt auf, wie unterschiedlich der Koran gelesen werden kann und dass er Gewalt gegenüber Minderheiten und Frauen durchaus legitimiert. Von der ständigen Frage getrieben, wie sie ihren Glauben an Allah mit der Auspeitschung einer vergewaltigten Frau in Nigeria durch Allahs Vertreter vereinbaren kann, untersucht sie den heiligen Text des Islam immer wieder. Was sie findet, ist ein ihrer Meinung nach grundlegendes Missverständnis der meisten Muslime: „Die Entscheidungen, die wir auf der Basis des Korans treffen, sind nicht von Gott diktiert; wir treffen sie aus unserem eigenen freien, menschlichen Willen. [...] Im Gegenzug dazu betrachten die meisten Muslime den Koran als ein Dokument, das zu imitieren statt zu interpretieren ist, und unterdrücken damit ihre Fähigkeit, eigenständig zu denken.“

„Der Hunger nach Märtyrern ist verzehrend, eine vorherrschende Leidenschaft.“

Außerdem gelingt es der Autorin, auf einen verheerenden Übersetzungsfehler des Korans aus dem Arabischen hinzuweisen. Viele islamistische Terrororganisationen versprechen ihren Selbstmordattentätern im Paradies 70 Jungfrauen als Belohnung. „Das ist wie die permanente Lizenz zum Ejakulieren im Austausch für die Bereitschaft zu detonieren.“ Neue Sprachforschungen zeigen, dass es sich aber höchstwahrscheinlich nur um 70 Rosinen handelt, im Arabien des siebten Jahrhunderts durchaus eine Kostbarkeit.

Koran und Islam im Laufe der Jahrhunderte

So folgt der Leser der Geschichte der Auslegung des Korans über viele Jahrhunderte. Was man dabei vermisst, ist ein roter Faden. Die Auswahl der Beispiele und Ereignisse erscheint oft zu willkürlich oder zusammengesetzt. Und trotzdem schafft es die Autorin, einen Aufruf an ihre Glaubensbrüder und vor allem -schwestern zu formulieren. Sie fordert die stärkere wirtschaftliche Unterstützung muslimischer Frauen und einen gemeinsamen Abrahamischen Hadsch – eine gemeinsame Pilgerfahrt der Abrahamischen Religionen (Christentum, Judentum, Islam) zu den heiligen Stätten in Mekka.

Die Position der Autorin

So wichtig und mutig dieses Buch ist, bleibt doch die Frage offen, warum die Autorin sich immer noch dem Islam verpflichtet fühlt. Nochmals ihre Worte: „Die Entscheidungen, die Muslime treffen, sind ganz allein ihre eigenen. Sie können nicht Gott vor die Füße gelegt werden.“ Und dennoch lässt sie einen allmächtigen Gott bestehen. Sie kommt bei ihren Forschungen nur zu dem Schluss, dass es menschliche Auslegungsfehler sind, die den Islam so gefährlich machen, wie er heute für die „Freie Welt“ ist. Hier fehlt die letzte Konsequenz. Denn eigentlich zeigt ihr Buch, dass der Koran – ein angeblich von Gott gegebenes Buch – genau diese Gefahr beinhaltet und legitimiert.

(Rezensiert am: 2004-07-25)

Irshad Manji: Der Aufbruch. Plädoyer für einen aufgeklärten Islam, Eichborn, Oktober 2003, ISBN-13: 9783821855677, 17.90 €


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