Martin Walser:
Sprachlich meisterhaft aber inhaltlich eine wenig geglückte Verbindung von Sexualität und Philosphie!
Von Felix Struening
Und erneut stürzt sich Martin Walser in die Tiefen und Untiefen der Liebe und Sexualität. Und wieder spielt die Beziehung zu wesentlichen jüngeren Frauen die Hauptrolle – wie z. B. auch schon in „Das Einhorn“. Der Protagonist Gottlieb Zürn, Walserkennern schon aus „Das Schwanenhaus“ und „Die Jagd“ bekannt, lebt immer noch als durchschnittlicher Mann am Bodensee. Während seine Frau Anna das Immobiliengeschäft übernommen hat, frönt er mit seinen mittlerweile über 60 Jahren dem Leben eines Privatgelehrten.
„Näher kann man einander nicht sein als in dieser wunderbaren Wüste gemeinsam erworbenen Schweigens.“
In diese archetypisch gewordene Ehe hinein platzt eine junge Doktorandin aus den USA. Sie will mehr wissen, über das Verhältnis der Deutschen zum französischen Philosophen La Mettrie, Gottlieb Zürns früherem Spezialgebiet. Und wie es kommen muss, beginnt der alte Mann mit der über 40 Jahre Jüngeren eine Beziehung, reist unter dem Vorwand einer Mettrie-Tagung zu ihr in die Staaten. Doch kann so eine Beziehung Bestand haben? Oder hat die Ehefrau Anna einen zu langen und starken Einfluss auf Gottlieb Zürn? Letzten Endes kann selbst er das nicht recht entscheiden.
Zwischen Liebesgeschichte und Kampf der Philosophen
Wenn der Leser beim Titel an eine Abhandlung der Liebe dachte, so wird er enttäuscht. Stattdessen liefert Martin Walser eine Betrachtung der Abgründe und Höhen der Sexualität. Dabei versucht er immer wieder die Einflüsse von Philosophen und Psychoanalytikern geltend zu machen. Freuds Traumdeutung wird bedient, Rousseaus Liebschaft ist Vorbild und natürlich muss La Mettrie ständig als Legitimation für die Beziehung herhalten.
Die Sprache und ihre Überwindung
Noch tiefer in dieses philosophische Netz zieht der Autor den Leser durch seinen Sprachstil. Die fehlenden Anführungszeichen lassen die Grenzen zwischen gesprochener Sprache, Gedachtem und wirklichen Vorgängen verschwimmen. Martin Walser spielt mit der Sprache und durchbricht ihre Konstruktionsmuster, als wäre er ihr völlig Herr geworden. Er mischt Deutsch, Französisch und Englisch und lässt Wörter kunstvoll zusammenschmelzen.
Inhalt und Form sind zweierlei Ding
Auch wenn Martin Walser hiermit mal wieder eine sprachliche Meisterleistung vorlegt, so bleibt doch der Inhalt verworren. Will der Autor nun sein Altwerden und die entsprechend veränderte Sexualität definieren oder geht es eher um philosophische Ansichten? Das „Sowohl als auch“ der Themenwahl ist nicht wirklich geglückt und so bleibt dieser Roman weit hinter früheren Werken zurück.
(Rezensiert am: 2004-08-21)
Martin Walser: Der Augenblick der Liebe. , Rowohlt Verlag, Juli 2004, ISBN-13: 9783498073534, 19.90 €
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