Wendy Kerstan:
Was passiert wirklich im System Buch, Öffentlichkeit und Markt – sinnvolle Studie zur Selbstverortung der Literaturkritik!
Von Felix Struening
Wenn Marcel Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“ ein Buch lobte oder verriss, erhöhte sich sein Absatz. Die Titel, die Elke Heidenreich in ihrer Sendung „Lesen!“ erwähnt, verkaufen sich rasant müssen oft nachgedruckt werden. Doch welchen Einfluss hat Literaturkritik allgemein auf den Verkauf von Büchern? Wendy Kerstan hat sich dem Thema in einem vielseitigen Ansatz gewidmet.
Interdisziplinär und multi-methodisch
Um der Komplexität des Buchmarktes gerecht zu werden, verwendet die Autorin kommunikationswissenschaftliche, betriebswirtschaftliche und literaturwissenschaftliche Methoden. Sie versucht eine weite Definition für Arbeitsbegriff und Funktion von Literaturkritik zu finden und befragt hierfür nicht zuletzt auch das Selbstverständnis der Literaturkritiker. Absatzzahlen eines Zwischenbuchhändlers werden analysiert und Interviews mit Sortimentsbuchhändlern erweitern die Perspektive. Wendy Kerstan benutzt verschiedenste Methoden – vom Interview bis zur Statistik. Desweiteren versucht sie, alle am Prozess der Buchkritik beteiligten Bereiche einzuschätzen. Dies beginnt in den Presseabteilungen der Verlage, dreht sich um die Kritiker selbst und endet mit Wahrnehmung und Verwertung durch die Buchverkäufer. Besondere Aufmerksamkeit erhalten dabei die verschiedenen Medien und Vermittlungsformen für Literaturkritik: Formate in den Zeitungen, Hörfunk- und Fernsehsendungen und die steigende Relevanz von Rezensionsportalen im Internet. Nicht zuletzt spielt hier die Diskussion über Laien- und professionelle Rezensenten eine tragende Rolle.
Ergebnisse und Verwendung
Die Ergebnisse der Studie geben keine deutliche Richtung vor, sondern zeigen vielmehr die Vielschichtigkeit des Buchmarktes auf. Auch beschränken sich die Aussagen auf den Bereich der erzählenden Literatur und klammern den großen Markt der Sach- und Fachbücher aus. Dennoch ist dieses Buch eine wichtige Dokumentation, die Klarheit in die Debatte bringt. Vollkommen gerechtfertigt wurde „Der Einfluss von Literaturkritik auf den Absatz von Publikumsbüchern“ 2006 auf der Leipziger Buchmesse mit dem „Förderpreis Buchwissenschaft“ ausgezeichnet. Die klare Sprache und zugleich saubere wissenschaftliche Darstellung von Inhalt und Methoden machen das Buch zu einem lesenswerten Kleinod für alle Verlags-PR-Abteilungen, Kritiker und Buchhändler. Die Selbstverortung der Literaturkritik im System „Buch, Öffentlichkeit und Markt“ könnte durchaus einige Korrekturen erfahren.
(Rezensiert am: 2007-12-18)
Wendy Kerstan: Der Einfluss von Literaturkritik auf den Absatz von Publikumsbüchern. , Verlag LiteraturWissenschaft.de, 2006, ISBN-13: 9783936134162, 18.60 €
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