Urs Widmer:
Die Ehrung einer Frau im Schatten eines berühmten Mannes - wunderschön und ergreifend erzählt!
Von Felix Struening
Was als erstes auffällt, ist die etwas ungewöhnliche Erzählperspektive: Der Erzähler berichtet über die Erlebnisse seiner Mutter. Trotzdem wird der Leser schnell in die Handlung hineingezogen - vor allem durch die, wie ein Schiffchen auf Wellen, leicht tanzende Sprache. Eine junge Frau (immer als „die Mutter“ bezeichnet), als Tochter eines Fabrikanten gut betucht, verliebt sich in den jungen, aber mittellosen Dirigenten Edwin. Dabei wird sie in dem neu gegründeten Orchester „Mädchen für alles“ und hat eine Beziehung mit Edwin. Dieser scheint sie bei all dem aber gar nicht zu bemerken, stellt sie Gästen nicht vor und geht nach dem Sex (immer in ihrer Wohnung, nie bei ihm) wortlos weg. Als der Vater der Mutter stirbt, verarmt sie. Edwin hingegen heiratet plötzlich eine andere Frau, eine schöne und reiche Fabrikerbin. Die Mutter lernt zwar noch ihre italienische Verwandtschaft kennen (und damit auch eine ihr fremde Lebenslust), wird aber in den nächsten Jahren in ihrer Verehrung Edwins verrückt. Natürlich fällt sofort die Ähnlichkeit des Dirigenten Edwin mit Paul Sacher (1906-1999) auf. Der Autor behauptet jedoch, dass sein Roman zwar reale und biografische Elemente enthält, aber insgesamt reine Fiktion sei, vor allem die vorkommenden Personen. Dabei bestimmen drei Hauptmotive das Buch: Eine bizarre Liebe, Reichtum bzw. Armut und schließlich Musik. Diese tauchen auch immer wieder in der symbolischen Sprache auf, die der Autor z. T. doppeldeutig benutzt: „... bebte im gleichmäßigen Atem der dreißig Schläfer und Schläferinnen, die alle Träume in Dur hatten.“ Durch seine Wortspiele führt der Autor dem Leser die faszinierende Welt der Sprache vor. Außerdem stellt er, indem er z. B. sagt: „einmal oder jedes Mal“, Erinnerung und Realitätswahrnehmung in Frage. Mit unglaublicher Komik schafft er es schließlich, die politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse der Zeit (z. B. 2. Weltkrieg und Rolle der Frau) mit einzubinden. Auch das Begräbnis des Vaters und der Selbstmord der Mutter sind absolut bizarr dargestellt. Am Ende kommt es zu einer finalen Begegnung zwischen dem Erzähler und dem Dirigenten. Was sich wie ein Film-Showdown anbahnt, endet unvermutet und abrupt. Zwei kleine Schwachpunkte des Buches: Themenwechsel werden im Fließtext oft nur durch einen Bindestrich markiert. So wird man plötzlich in eine ganz andere Erzählsituation versetzt, versteht den Text nicht mehr. Auch verständniseinschränkend ist der wiederholte Gebrauch der italienischen und französischen Sprache. Außerhalb der Schweiz spricht halt nicht jeder diese beiden (Fremd-)Sprachen.
(Rezensiert am: 2003-01-01)
Urs Widmer: Der Geliebte der Mutter. , Diogenes Verlag, 2000, ISBN-13: 9783257233476, 8.00 €
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