Seyran Ates:
Ein selbstbestimmtes Sexualleben als Schlüssel zu Integration und Frieden zwischen Westen und Muslimen!
Von Marie Hofer
Auf dem Weg in die Moderne muss der Islam sein Verhältnis zur Sexualität neu definieren, argumentiert die Frauenrechtlerin und Reformatorin Seyran Ates in ihrem neuen Buch. Dieses ist ein Plädoyer für eine sexuelle Revolution, ähnlich der im Deutschland der 1968er Jahre. Ihre Sprache pulsiert dabei von Energie, als würde sie eine Rede halten. Dem Buch selbst mangelt es aber an Struktur und argumentativer Tiefe.
Ganz offen und ehrlich berichtet die Autorin von ihrer eigenen Erziehung, von dem, wie sie Sexualität und Islam zusammen erlebt hat und davon, wie sehr sie darunter litt, dass das Sprechen über Sexualität ein Tabu ist in muslimischen Familien. „Meine Eltern haben mir nie gesagt, wie ich den Ort zwischen meinen Beinen bezeichnen konnte. Wir sprachen ja auch nie direkt darüber.“ Ihr und vielen anderen muslimischen Mädchen wurde ein extremes Schamgefühl indoktriniert, immer wieder wurde sie belehrt, was für ein Mädchen alles „ayip“, unanständig ist: die Beine beim Sitzen übereinanderzuschlagen, sich zu schminken, laut in der Öffentlichkeit zu reden und zu lachen oder Eis auf der Straße zu essen. Was das Ganze wohl noch unverständlicher macht, ist die Tastsache, dass das Gleiche für Jungen nicht gilt. „Während die Genitalien der Mädchen mit Scham und Unreinheit in Verbindung gebracht wurden, wurde das Geschlechtsteil der Jungen beinahe angebetet, auch von älteren Frauen.“
Verschenktes Potenzial
Seyran Ates hat alles zusammengetragen, was sie zu dem Thema Sexualität im Islam finden konnte: eigene Erfahrungen, Interviews mit Muslimen aus Deutschland, aber auch aus der Türkei und anderen muslimischen Ländern, Gespräche mit Deutschen, die sich mit dem Thema beschäftigen, Frauenrechtlerinnen und Romanautoren. Auf 200 Seiten fasst die Autorin zusammen, was eigentlich bereits bekannt ist. Das Buch gewinnt nur durch die Zusammenstellung und den Tabubruch, überhaupt ein Buch zu diesem Thema zu schreiben, an Brisanz, nicht aber auf Grund neuer oder wissenschaftlich begründeter Erkenntnisse. Dies ist angesichts des Rufes, den Seyran Ates als Kritikerin des Islams und der Multikulti-Idee sowie als Mitglied der Deutschen Islamkonferenz innerhalb Deutschlands hat, sehr schade.
Wenngleich solch ein Werk zu schreiben von viel Mut und Courage zeugt, so ist es doch schade um das ungenutzte Potential. Denn das Buch wird und muss eine Diskussion über die Sexualmoral im Islam anstoßen. Doch diese Debatte sollte nicht an der Oberfläche geführt werden, bei der wir qualitativ gewonnene Erkenntnisse leicht als Einzelphänomene abtun können. Wir können nur hoffen, dass dem Mut von Seyran Ates noch andere folgen, die dieses Thema gründlicher bearbeiten und Muslime zum kritischen Hinterfragen ihrer Dogmen motiviert und die westlichen Gesellschaften zum Handeln zwingen.
Frieden zwischen Westen und Muslimen?
Anhand der Reaktionen, die die Autorin während des Schreibens des Buches erfuhr und sicherlich auch anhand dessen, dass Seyran Ates nach der Veröffentlichung untertauchen musste, meint sie den größten Konflikt, den die Muslime haben, angesprochen zu haben. Die Sexualmoral mache die Kluft zwischen der muslimischen Welt auf der einen, und der westlichen, zumeist christlich-jüdisch geprägten auf der anderen Seite aus. „In der muslimischen Welt ist das Geschlechterverhältnis nicht nur von Ungleichheit, sondern auch viel mehr als im Westen von Gewalt geprägt.“ Ates geht im Folgenden sogar soweit, dass sie behauptet, dass diesen Konflikt zu lösen eine notwendige Grundlage dafür ist, Frieden zwischen dem Westen und den Muslimen zu schaffen.
Sexuelle Revolution in Deutschland
Um einen Vergleich zur deutschen Geschichte zu ziehen, schreibt die Autorin über die Vordenker und Aktionisten der sexuellen Revolution der 1968er Jahre. Auch wenn diese Bezugnahme eine kraftvolle Inspiration für eine Reformation im Islam sein kann, so hinken die Vergleiche und die Aussage, es würde sich in der muslimischen Welt um eine „zeitversetzte Entwicklung“ handeln, an einigen Stellen. Denn selbst wenn die Position der Frau im Europa der 1950er Jahre gesellschaftlich gesehen vergleichbar war, so dürfte es erheblich leichter sein, die rechtliche und reale Gleichstellung in einem säkularen Rechtsstaat durchzusetzen, als unter einer religiös-dogmatischen Gesellschaftsordnung.
„Eine Frage der Auslegung?“
So lautet eine Teilüberschrift unter der Ates mit all den Argumenten aufräumt, die versuchen die Tatsache zu umgehen, dass der Koran und die Hadithen nicht so interpretierbar sind, dass es im Islam so etwas wie eine Gleichstellung der Geschlechter oder die Akzeptanz von Homosexualität gibt. Dem Argument, dass es nicht „den Islam“ gäbe, entgegnet Seyran Ates, dass es aber ungeachtet der Strömungen und der verschiedenen Formen des Islams bestimmte Grundsätze gibt, die für alle Muslime gleichermaßen gelten.
Reformierter Islam
Wenn man nun also die Grundlage des Islams nicht so interpretieren kann, dass ein selbstbestimmtes Leben beider Geschlechter möglich ist, dann muss man den Islam vom Koran und den anderen Gesetzesschriften trennen. Damit würde allerdings das Heiligste dieser Religion historisiert und dadurch entsakralisiert werden. „Ich glaube an Gott, nicht an Religionen“, sagt die bekennende Muslimin Seyran Ates und fordert eine Reform des Islams an sich, eine sexuelle Revolution. Mit diesen Forderungen spricht die Autorin vorwiegend diejenigen Muslime an, die sich zumindest innerlich schon auf dem Weg der Emanzipation befinden und gibt ihnen damit eine Stimme. Sie fordert, dass sich die Reformer zusammen schließen, Impulse aus dem Westen aufnehmen und den Islam so mit einer sexuellen Revolution auf den Weg der Moderne führen müssen. Wie das jedoch genau geschehen kann, ob es muslimische Kommunen oder einen Dr. Sommer auf Türkisch geben muss, das lässt Ates offen.
Auch die westlichen Gesellschaften sollten der islamischen sexuellen Revolution Aufmerksamkeit schenken, sie unterstützen, denn dies hätte „einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die sogenannte Integration“. Die Westler sollten ihr Geld lieber dafür ausgeben diese Bestrebungen nach sexueller Selbstbestimmung auch in muslimischen Ländern zu unterstützen, anstatt Kriege zu führen und demokratische Regierungen zu etablieren. Doch wie sehen diese Bestrebungen aus? Wie müsste eine sexuelle Revolution sein, damit sie den Islam reformiert? Fragen, auf die Seyran Ates keine Antwort gibt. Was bleibt sind Forderungen, die genauso unkonkret sind, wie die Quellen, auf die sich das Buch stützt.
Keine Zungen
Nichts destotrotz ist dieser Tabubruch wichtig. Ein Anfang der gemacht werden musste, der längst überfällig war. Der Mut Seyran Ates‘ sei hier nochmals herausgestellt und es sei ihr gedankt, dass sie wahrscheinlich vor allem den hier lebenden Muslimas, die genauso wie ihre deutschen Nachbarinnen selbstbestimmt über ihr Sexualleben entscheiden wollen, ein Lichtblick ist. „Ich bin der Ansicht, wenn Allah gewollt hätte, dass Frauen schweigen, hätten wir keine Zungen“.
(Rezensiert am: 2009-12-09)
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Seyran Ates:
Der Islam braucht eine sexuelle Revolution.
Eine Streitschrift,
Ullstein Verlag,
2009,
ISBN-13: 9783550087585,
19.90 €
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