Philippe Kruchten, Grady Booch:

Der Rational Unified Process

Eine Einführung

Ein kompakter und fachlich fundierter Überblick über den RUP – aber nur für Leser mit Durchhaltevermögen!

Von Tobias Lütticke

Qualitativ hochwertige Software entwickeln innerhalb des Zeit- und Budgetplanes? Wird ein Traum endlich war? Der Rational Unified Process (RUP) soll dies leisten können, so legt zumindest der Klappentext des Buches von Philippe Kruchten nah und legt damit die Messlatte extrem hoch. Das Vorwort relativiert diesen Anspruch aber auch schon wieder. Es handelt sich um das Ziel, aber Garantien existieren natürlich keine. Der RUP ist ein Werkzeug, das – richtig angewendet – dieses Ziel greifbarer werden lässt.

Der RUP und sein „Vater“

Als leitender Architekt des RUP ist Philippe Kruchten prädestiniert, ein Buch zu diesem Thema zu verfassen. Er hat die 250 Buchseiten in zwei Teile gegliedert: Zunächst die Beschreibung des Prozesses und dann als Schwerpunkt eine Darstellung der einzelnen Prozessworkflows. Die Einführung geht auf die Notwendigkeit eines Prozesses als strukturiertes Vorgehen und Antwort auf die Herausforderungen der Softwareentwicklung ein. Sie schildert typische Probleme und bereitet damit die spätere Beschreibung des RUP als Antwort auf diese Probleme vor. Außerdem findet eine Abgrenzung sequenzieller und iterativer Prozesse statt und die Stärken des RUP als Vertreter der letzten Kategorie werden betont. Die folgenden Kapitel beschreiben den RUP im Detail. Dabei geht Kruchten sowohl auf den statischen Anteil – die Architektur des Prozesses –, als auch auf die dynamischen Facetten ein. Seine Beschreibungen sind illustriert durch zahlreiche Abbildungen und Diagramme, wie sie sich auch in der offiziellen RUP-Dokumentation wieder finden. Der zweite Teil des Buches widmet sich schließlich einzelnen Komponenten und Abläufen innerhalb des RUP. Kapitelweise werden dabei zentrale Prozessbestandteile unter die Lupe genommen.

Darstellung mit eher wissenschaftlichem Charakter

Insgesamt gestaltet sich das Studium von „Der Rational Unified Process“ eher zäh, so dass längere Passagen nur schwer am Stück zu lesen sind. Gerade das wäre aber hilfreich und wichtig, um Zusammenhänge erfassen und herstellen zu können. Das Thema ist aufgrund seines generischen Charakters sicherlich nicht einfach zu präsentieren, weshalb kontinuierliche Hilfen für den Leser zur Übertragung des RUP auf seine eigene Erfahrung und seine aktuellen Projekte helfen würden. Während sich die Einleitung über die typischen Probleme in der Softwareentwicklung noch sehr gefällig liest, geht der Praxisbezug im weiteren Verlauf zusehends verloren, bzw. wird so allgemein, dass er kaum noch wahrnehmbar ist. Die Diagramme helfen, die Abläufe zu verstehen. Aber handfeste Beispiele für Befolgen oder Nichtbefolgenden der Prozessrichtlinien im Projektgeschäft sind Mangelware. So besteht die Gefahr, dass beim Lesen weniger Inhalt haften bleibt, als wünschenswert wäre.

Toolempfehlung mit „Geschmäckle“

An einigen Stellen wird die Herkunft des RUP aus der Firma Rational deutlich. Während natürlich eine Werkzeugunterstützung des Prozesses sinnvoll ist, hat die Empfehlung, alle Artefakte des RUP innerhalb von diesen Werkzeugen zu verwalten, eher fragwürdigen Charakter. Hier steht die Vermutung im Raum, dass sich Rational als Toolhersteller positionieren möchte. Die Verwaltung von Dokumenten und Modellen uneingeschränkt Werkzeugen zu überlassen, stellt eine Abhängigkeit zu eben diesen Werkzeugen und ihrem Hersteller her. Das ist zumindest kritisch zu betrachten. Die weitere Empfehlung, alle im Rahmen des Projektes erstellten Artefakte auch an den Kunden auszuliefern, ist in diesem Zusammenhang ebenfalls zu hinterfragen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Kunde nicht im Besitz der Werkzeuge ist, auf die Informationen also gar nicht zugreifen kann. Warum sollte etwa ein Einzelhandelsunternehmen teure Tools der Softwareentwicklung besitzen?

Vergriffen und doch erhältlich

Das Buch ist in der Reihe Professionelle Softwareentwicklung erschienen und da ist es auch korrekt eingeordnet. Zu seinem Studium sind zwar Erfahrungen aus dem Bereich Softwareentwicklung nötig, da es sich aber um eine abstraktere Thematik handelt, sind keine Kenntnisse konkreter Sprachen vorausgesetzt. Berührungen mit der UML schaden sicher nicht, da auf diese als Modellierungssprache immer wieder Bezug genommen wird. Interessanterweise handelt es sich bei dieser Ausgabe von „Der Rational Unified Process“ um einen Print-on-Demand-Druck. Das Buch wird im klassischen Sinne nicht mehr aufgelegt und ist ausverkauft. Als individuelle Anfertigung ist es aber trotzdem jederzeit auf Anfrage zu haben, was sehr lobenswert ist!

RUP als Konkurrent zu XP und agilen Methoden

Zum Erscheinungszeitpunkt des Buches mag der RUP noch etliche neue Aspekte enthalten haben, heute aber konkurriert er mit diversen anderen Prozessen, nicht zuletzt den dynamischen Vertretern XP, SCRUM und dem Vorgehen des Agile Manifesto. Vor diesem Hintergrund relativieren sich einige der formulierten Ansprüche. Der RUP ist nicht der einzige Prozess, mit dessen Hilfe Projekte erfolgreich abgewickelt werden können. Insbesondere die agilen Vertreter definieren an Popularität gewinnende Methodologien, die durchaus etabliert sind und den Praxistest bestanden haben. Insgesamt weiß Philippe Kruchten aber, wovon er redet. Er gibt einen sachkundigen und fundierten Überblick über die Kerninhalte des Rational Unified Process und deckt die wesentlichen Inhalte ab. Dass der RUP aber deutlich komplexer und umfassender ist, als es das Buch vermitteln kann, sagt schon das Vorwort. Für einen Eindruck in die Charakteristik des RUP und einen Vergleich mit den zur Auswahl stehenden Alternativen ist es aber durchaus geeignet.

(Rezensiert am: 2006-09-30)

Philippe Kruchten, Grady Booch: Der Rational Unified Process. Eine Einführung, Addison-Wesley, 1999, ISBN-13: 9783827315434, 39.95 €


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