Albert Camus:

Der Fremde

Wohl kaum ein Mensch kann so gleichgültig sein – und doch nur seine Umwelt spiegeln!

Von Felix Struening

Der Icherzähler, Herr Meursault, beginnt mit dem Tod seiner Mutter. Er nimmt sich zwei Tage für die Beerdigung frei, scheint aber nicht wirklich durch den Verlust betroffen zu sein. Anschließend verliebt er sich in die schöne Maria und genießt die Zeit mit ihr. Allerdings legt er auch hier keine große Initiative an den Tag und als sie ihn fragt, ob er sie heiraten möchte, kann er nur erwidern, dass es ihm egal sei. Nachdem er seinem Nachbarn einen Dienst erwiesen hat, lädt dieser ihn zu einem Strandausflug ein. Dort kommt es zur Konfrontation mit einem Araber, dem Bruder der ehemaligen Geliebten des Nachbars. Um schlimmeres zu verhindern, nimmt Herr Meursault den Revolver seines Nachbarn an sich. Letzterer wird in einer kleinen Messerstecherei verletzt. Später am Tag trifft der Icherzähler den Araber wieder und fühlt sich durch dessen Messer so bedroht, dass er ihn erschießt. Im nun folgenden Gerichtsprozess weisen ihm die Juristen eine unmoralische Haltung nach, die sie aus seinem Verhalten bei der Beerdigung seiner Mutter resultieren. Aufgrund dessen wird sein Mord an dem Araber als niederträchtig angesehen und er wird zum Tode verurteilt. Den Gefängnisgeistlichen, der ihn auf ein Leben nach dem Tod vertrösten will, weist er rigoros zurück. Im Anblick des Todes begreift er schließlich, dass nicht nur er der Welt gegenüber gleichgültig ist, sondern sie auch ihm gegenüber. Deshalb ist er nicht mehr allein, sondern steht symbolisch für alle und ist glücklich. Die zunächst zusammenhangslos nebeneinanderstehenden Textpassagen über den Tod der Mutter, die Geliebte und den Nachbarn werden erst durch die Juristen im Prozess in Beziehung gesetzt und auf Wechselwirkungen untersucht. Die Ansicht des Icherzählers bleibt jedoch die gleiche: er wirkt wie ein unbeteiligter Beobachter. Seine Beschreibungen – sogar die des Liebesspiels mit Maria – sind immens monoton. Hinzu kommt, das er völlig Banalem, z. B. dem Wetter, genau die gleiche Bedeutung beimisst und entsprechend detailliert darüber berichtet. Der Antiheld schockiert den Leser mit seinem so abgrundtiefen Desinteresse und man hofft die ganze Zeit, dass er doch irgendwelche Einsichten haben möge. Da letztere dann gar nicht den Erwartungen eines „bewussten“ Menschen entsprechen, muss man die Sätze immer wieder studieren und wird stark zum Nachdenken angeregt. Die tiefe Depression einer vom Krieg traumatisierten Jugend springt einem regelrecht entgegen. Dabei fällt es nicht leicht, überhaupt eine Akzeptanz für die Haltung des Icherzählers aufzubauen und dieses Einzelschicksal als so symbolisch überhöht anzuerkennen.

(Rezensiert am: 2003-07-01)

Albert Camus: Der Fremde. , Rowohlt Verlag, 1942 (1. Aufl.), aktl.: 1997, ISBN-13: 9783499221897, 6.00 €


BuchTest Services



Bookmark and Share


powered by eurobuch.com

Politik | Länder & Kulturen | Job & Karriere | Mensch & Leben | Philosophie |



© Copyright Buchtest.com Impressum Kontakt Buchtest.com Buchkritiken und Buchrezensionen Online

Buchkritiken | Rezensionen | Besprechungen | Autoren-Interviews

World Wide Web BuchTest

Startseite | Redaktion | Blog | Links | Kontakt
Hier könnte Ihre Werbung stehen.

BuchTest.de ist ein anspruchsvolles Online-Medium mit mehreren Tausend Lesern monatlich. Unsere Zielgruppe sind gebildete Menschen im besten Alter.

BuchTest.de erscheint in der Regel bei allen besprochenen Büchern unter den ersten drei bis fünf Suchergebnissen bei Google. Der hohe PageRank und der umfangreiche Traffic von BuchTest bringt Ihrer Webseite den richtigen Push.

Kontaktieren Sie uns jetzt für günstige Werbung: info@buchtest.de