Richard Dawkins:
Wir brauchen keinen Schöpfergott – starke Argumente für die naturwissenschaftliche Seite!
Von Andreas Widmann
Hat Gott diese Welt geschaffen? Oder ist doch die natürliche Auslese der Arten im Sinne Darwins verantwortlich für alles was hier fleucht und kreucht? Während jedweder Gottesbeweis bisher scheiterte, erhält die naturwissenschaftliche Seite nun eine weitere Stimme von einem Mann, der so ähnlich heißt, wie jener bahnbrechende Forscher aus dem 19. Jahrhundert: Richard Dawkins lehnt einen Schöpfergott ab, ohne dabei die gläubigen Menschen zu verurteilen. Mit teils neuen und sehr stringenten Argumenten legt er dar, warum es extrem unwahrscheinlich ist, dass die Welt von einem über ihr oder außer ihr stehenden Wesen geschaffen wurde.
Gott und Schöpfung
Komplexe Entstehungsprozesse, die man früher Gott zugeschrieben hat, sind heute mit der Evolutionslehre elegant zu erklären. Wissenschaftlich (noch) unerklärte Vorgänge, wie z.B. die Entstehung sich selbst reproduzierender Einzeller aus unbelebter Materie, stellen für die Gläubigen ein „Refugium“ der Gestaltungskraft Gottes dar. Die Bereiche, wo Gott eingegriffen haben soll, werden jedoch immer kleiner. Auch wenn der Mensch als Teil des Universums niemals alles erklären können wird, ist es sehr unwahrscheinlich, dass die unerklärten Dinge von einem Schöpfergott gestaltet wurden. Er müsste noch wesentlich komplexer sein, als seine eigene „Schöpfung“. Somit nützt er kaum zur Erklärung der „Schöpfung“. Denn, wie ist er z.B. selbst entstanden?
Religion als Orientierung
Das Bild dieses Gottes variiert kulturell so stark, dass schon ein griechischer Philosoph feststellte: „Wenn die Pferde einen Glauben hätten, würde ihr Gott wie ein Pferd aussehen.“ Für heutige Gläubige ist Gott häufig eine Art innerer Dialogpartner, zu dem man mittels Gebet Kontakt aufnehmen kann. Aber auch jeder Ungläubige denkt in inneren Dialogen mit Partnern, die er sich selbst sucht und die natürlich immer die Antworten geben, die aus seinen eigenen komplexen Gehirnprozessen kommen.
Religion ist außerdem eine evolutionär entstandene Orientierung der Menschen auf einen weisen Patriarchen hin. Denn was Vater sagt, ist oft lebensrettend fürs Kind. Zuerst wurden lebendige Führungsgestalten – z.B. die Pharaonen – vergöttert und später verstorbene Persönlichkeiten (z.B. Zarathustra). Der „Geniestreich“ des Judentums war nun, diese Vorstellung von einer bestimmten Person zu lösen und einen jenseitigen Alphamann zu erfinden, nach dessen mutmaßlichen Vorstellungen der Mensch leben soll. Er heißt Gott und ist für religiöse Menschen oft wie „ein Licht, das den Weg weist.“ In einer modernen Welt kann dies allerdings in die Irre führen. Die ursprünglich sinnvolle evolutionär entstandene Neigung, sich den Ältesten anzuvertrauen, hat heute bei manchen Religionen drastische Folgen.
Inquisition früher, Psychiatrie heute
Ein Beispiel einer von Natur aus sinnvollen Neigung sich zu orientieren, sind die Insekten, die sich nach dem Licht richten. Sie fliegen in einem bestimmten Winkel zur Einstrahlung und erreichen so den optimalen Geradeausflug. Das funktioniert sehr gut bei Sonne und Mond. Ist die Lichtquelle jedoch künstlich und in der Nähe, versagt das System: Das arme Tier fliegt entsprechend seinem genetischen Programm weiter in konstantem Winkel zur Lichtquelle und kommt so in einem Spiralflug direkt in die Todeszone.
Bei der von Dawkins aufgestellten Analogie in der evolutiven Entstehung der Neigungen bei Mensch und Insekt zeigt sich außerdem eine Ähnlichkeit in der Wirkung auf die in ihrem Programm gefangenen Wesen: Je näher sich ein Mensch der Glaubenslichtquelle wähnt, um so gefährlicher ist es für ihn und seine Umgebung, ins Trudeln zu geraten. „Gott ist in mir - ich habe ihn gespürt!“ hat schon oft direkt in die Psychiatrie geführt. Schon die alten Kirchenväter verboten diese Lehre als „gnostisch“ und die „Lichtquelle“ wurde etwas weiter weg verlegt. Aber auch das weiter entfernte „Licht des Glaubens“ führte oft zu Folterkammer und Scheiterhaufen der Inquisition. Heute tauchen diese Vorstellungen wegen der Schwäche der kirchlichen Institutionen wieder verstärkt auf. Von evangelikalen Arztmördern und islamischen Selbstmordattentätern ganz zu schweigen.
Wofür Gott?
Dass moralische Wertmaßstäbe kulturübergreifend allen Menschen eigen sind, deutet eher darauf hin, dass sie angeboren sind, als darauf, dass man Religion braucht, um sie zu erzeugen. Liest man nämlich Testgruppen von „gläubigen“ Kindern eine der grausamen Geschichten des Alten Testaments vor und fragt, ob das moralisch richtig sei, antworten sie zu einem erschreckend hohen Anteil mit „Ja“, während sie moralisch korrekt mit „Nein“ antworten, wenn man diese Bibelgeschichte in ein Märchen umwandelt, das den gleichen grausamen Inhalt hat. Ergo: Religion verformt moralisches Bewusstsein eher, als dass sie es fördert. Auch Altruismus – gerne religiös erklärt – ist bereits evolutiv sinnvoll. Die Partnerauslese fördert z.B. solche Eigenschaften, die eine gute Erziehung des Nachwuchses garantieren. Man braucht auch hier keinen Gott zu bemühen, der uns die Moral eingepflanzt hat. Die Evolutionslehre kann das weitgehend erklären.
Gläubige sagen, dass die Atheisten nichts zum Staunen hätten und das Wunder der Natur nicht erfassen könnten. Ich staune mit Dawkins lieber über die Ergebnisse der Wissenschaft und kann mich an der Natur auch freuen, ohne dass ich Geister, Götter oder Elfen darin wirken sehen muss.
(Rezensiert am: 2008-01-08)
Richard Dawkins: Der Gotteswahn. , Ullstein Verlag, 2007, ISBN-13: 9783550086885, 22.90 €
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