Abu Bakr Ibn Tufail, Patric O. Schaerer:
Eine Einführung in die islamische Philosophie – hervorragend editiert in gelungener Kombination aus Kommentar und Primärtext!
Von Felix Struening
Die arabisch-islamische Philosophie hat zu ihrer Blütezeit große – auch im Westen bekannte – Namen wie al-Kindi oder al-Farabi hervorgebracht. Ein eher unbekannter Philosoph blieb dagegen lange Zeit Abu Bakr Ibn Tufail, der im maurischen Spanien des 12. Jahrhunderts lebte. Dabei stellt sein Werk „Der Philosoph als Autodidakt“ eine hervorragende Einführung in die islamisch-sufische Denkweise dar. Patrick O. Schaerer vom Orientalischen Seminar der ETH Zürich legt nun eine sorgsam übersetzte und umfassend editierte Ausgabe des Werkes in der bekannten Philosophischen Bibliothek des Meiner Verlages vor.
Fundierte Heranführung an ein komplexes Thema
Auf etwa 80 Seiten gibt der Islamwissenschaftler zunächst eine Einführung in die Geschichte der islamischen Philosophie im Allgemeinen. Ohne diese Einordnung wäre die Schrift für die meisten unverständlich, da ein gänzlich unterschiedlicher Kulturkreis zu Grunde liegt. Natürlich bezieht sich Abu Bakr Ibn Tufail auch auf Aristoteles und Platon, die Anspielungen auf Denker der islamischen Philosophie wären sonst aber nur schwer einzuordnen. Schaerer skizziert zugleich die Geschichte der Mystik im Islam – sprich des Sufismus – und gibt die theologisch-politische Situation wieder. Eine genau dokumentierte Entstehungs- und Bedeutungsgeschichte des Buches runden den Begleittext zum Hauptwerk ab. Hierbei besteht der Übersetzer allerdings darauf, den Einfluss des Werkes nicht am Thema der philosophischen Abhandlung festzumachen, sondern die Zielgruppe als Kriterium zu verwenden: „Beim Traktrat von Hayy ibn Yaqzan handelt es sich um eine Art Einführung in die islamische Philosophie für ein sufisch geprägtes Publikum mit einem Interesse an philosophischen Fragestellungen.“ Die detailgenaue, liebevolle Übersetzung bietet viele Erklärungen des Arabischen und führt an geeigneten Stellen Übersetzungsalternativen an. Auch auf die zahlreichen Koranzitate und Anspielungen auf die islamische Theologie weist Patrick O. Schaerer dezent hin.
Der Philosoph als Autodidakt
Im Hauptwerk selbst geht es um einen Jungen, der auf einer Insel ohne Kontakt zu anderen Menschen aufwächst. In der Gemeinschaft der Tiere lernt er zu (über-)leben und beginnt die Natur der Dinge und Lebewesen zu erforschen. Durch konsequentes Nachdenken kommt er zu der Erkenntnis einer körperlosen, nicht vorstellbaren Kraft, unabhängig davon, ob die Welt nun schon ewig existiere oder geschaffen wurde. Der Unterschied des Menschen zu dieser Kraft – Gott nennen ihn die anderen Menschen, wie der Junge später erfährt – liegt darin, das Gott immer Denken, Denkendes und Gedachtes zugleich ist, der Mensch nur ein Teil dessen, mit vorübergehenden Augenblicken der Vollkommenheit. Schließlich kommt der junge Philosoph an den Punkt, Verstand oder Herz höher bewerten zu müssen und entscheidet sich für den gefühlsmäßigen Weg – den Weg der Sufis.
Kritischer Blick auf den orthodoxen Islam
Angesichts der heutigen Ausformungen des politischen Islams, vor allem im Nahen und Mittleren Osten, wirkt der Kontakt des autodidaktischen Philosophen mit anderen Menschen geradezu sarkastisch. Er muss nicht nur feststellen, dass er ihnen seine direkten Erfahrungen nicht durch Worte vermitteln kann, sondern sich auch über die Bestrafungen des islamischen Gesetzes wundern. Schließlich sollen sich die Gläubigen an den Wortlaut des Korans halten und dürfen ihre eigenen Gottes- oder Gebetserfahrungen nicht frei interpretieren. Abu Bakr Ibn Tufails Kritik an der Behandlung der Sufis durch den orthodoxen Islam ist hier nicht zu überlesen.
Gute Kombination: Kommentar und Primärtext
Insgesamt bietet „Der Philosoph als Autodidakt“ durch seine hervorragende Ausstattung eine gute Einführung in die islamische Philosophie. In gekonnter Weise verbinden sich Kommentar und Primärtext, so dass auch für den Fachfremden Verständnis und Lektürespaß garantiert werden.
(Rezensiert am: 2006-10-28)
Abu Bakr Ibn Tufail, Patric O. Schaerer: Der Philosoph als Autodidakt. Hayy ibn Yaqzan, Felix Meiner Verlag, 2006, ISBN-13: 9783787317974, 19.80 €
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