Baha Güngör:

Die Angst der Deutschen vor den Türken

und ihrem Beitritt zur EU

Unzählige verdrehte Argumente und falsch dargestellte Zusammenhänge – das wohl schlechteste Buch zum Thema!

Von Felix Struening

Gehört die Türkei zu Europa? Geografisch? Politisch? Soziologisch? Religiös? Oder überfordert eine EU-Beitritt der Türkei die Union? Fragen, mit denen sich dieses Buch anlässlich der Beitrittsdebatte beschäftigt. Und die wohl jeden politisch Interessierten oder Aktiven beschäftigen. Der Autor, gebürtiger Türke und viele Jahre Journalist für deutsche Medien, versucht zu zeigen, dass die Türkei die Europäische Union braucht. Und vor allem andersherum. Klägliches Scheitern ist vorprogrammiert.

Deutschland und seine Türken

Die Entwicklung der Türken in Deutschland beschreibend, schildert Baha Güngör die Entwicklung von Gastarbeitern zu Einwanderern, die sich seiner Meinung nach zu „Mitbürgern“ entwickelt haben. Zugleich wirft er den Deutschen – und nur den Deutschen – vor, bei der Integration versagt zu haben. Das Subkulturen auch aufgrund des Nicht-Integrationswillens seitens der Türken entstehen, scheint dem Autor unbekannt. Ebenso unbekannt scheinen ihm z. B. Protokolle von Verhandlungen europäischer mit islamischen Staaten zu sein, in denen festgesetzt wird, das muslimische Einwanderer ihre Kultur und insbesondere Religion in Europa ausleben und ungestört entfalten können (Vgl. OPEC Konferenz 1973). Die Entstehung von unvereinbaren Parallelkulturen ist somit im kulturell christlich geprägtem Europa abzusehen. Themen wie den Kopftuchstreit ansprechend, verdreht der Autor immer wieder die Argumente. So impliziert sein Buch z. B., dass das Tragen eines Kopftuches für Lehrerinnen an deutschen Schulen verboten wurde, weil die Deutschen befürchteten, ihre Kinder würden nun von Fundamentalistinnen unterrichtet. Das aber nicht jede Frau, die ein Kopftuch trägt fundamentalistisch ist, haben sogar die Deutschen verstanden. Stattdessen handelt es sich aus deutscher Sicht beim Kopftuch um ein Unterdrückungssymbol der Frau im Islam – was mit der europäischen Gleichberechtigung nicht vereinbar ist.

Verdrehte Argumente und widersprüchliche Zusammenhänge

Von Anfang an offenbart sich die große Schwäche des Buches bzw. seines Autors: Viele Fakten richtig darstellend, verdreht er die Argumente und Zusammenhänge, um sie für seine extrem einseitige pro-türkische Seite verwenden zu können. Stets zeigt er die guten Seiten der Türken, ohne die Nachteile zu beachten. So ist für ihn zum Beispiel der türkischstämmige ehemalige Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir eine „schillernde innenpolitische Figur“. Den tiefen Fall des Politikers lässt Baha Güngör außen vor. Noch viel verwirrender und enttäuschender wirkt das Buch an den Stellen, wo der Autor Fakten, die er vor wenigen Sätzen erwähnte, völlig ignoriert und das Gegenteil behauptet. Ganz zu schweigen davon, dass keinerlei Quellenangaben oder Literaturverzeichnis das Werk auf eine fundierte journalistische Ebene heben.

Die Türkei und der Islam

Schließlich wendet sich der Autor vor allem den Zuständen in der Türkei zu und nimmt einen ungeheuren Anlauf, um zu beweisen, dass Islam und Demokratie miteinander funktionieren. Die Türkei ist für ihn hier das Musterbeispiel. Viele geschichtliche und politische Ereignisse der letzten Jahre anführend, sieht der Autor nur die guten Entwicklungen. Gleichzeitig aber erwähnt er die Nachteile ohne sie als Argumente gelten zu lassen oder ihnen gar den Status eines Gegenargumentes einzuräumen. Der Islam wird als völlig ungefährliche Religion dargestellt, deren Ausübung in der Türkei nur geringe Menschenrechtsverletzungen verursacht. Gesetzliche Neuinterpretationen der Türkei verharmlosen anscheinend das menschenverachtende Gesetz des Koran. Baha Güngör lobt z. B. die härtere Verfolgung von Prostituierten-Vergewaltigern, ignoriert aber die Straffreiheit des Täters, wenn er die vergewaltigte Frau anschließend heiratet (was für sie nötig ist, will sie ihre Ehre retten). Immerhin wird die Frage gestellt, ob der derzeitige Regierungschef der Türkei Erdogan mit seiner Islamistischen Partei nicht doch der „Wolf im Schafspelz“ ist. Mal abgesehen davon, dass im politischen und soziokulturellen Vakuum der Demokratisierungs-Reformen eine immense Re-Islamisierung zu beobachten ist. Man kann eben einem muslimischen Volk nicht innerhalb einiger Jahrzehnte die westlichen Vorstellungen einer Demokratie zu eigen machen, genauso wenig wie andersherum.

Zweifel am Autor, Zweifel am Beitritt

Der Leser fragt sich im Laufe des Buches zunehmend, wo der viel beschworene Demokratiewille des türkischen Volkes liegt, das eine islamistische Partei mit absoluter Mehrheit ins Parlament wählt? Er fragt sich zunehmend, ob der Autor den Koran jemals gelesen hat und seine menschenverachtende Durchführung kennt? Er fragt sich zunehmend, warum ein Beitritt der Türkei zur EU aus westlicher Sicht sinnvoll sein sollte? Mit seinem weiten Anlauf springt der Autor viel zu kurz und scheitert kläglich. Ihm sollte zunächst bewusst werden, dass Demokratie und Menschenrechte nicht Ziel sondern Vorraussetzung für einen EU-Beitritt sind. Und beide sind nicht mit dem Islam vereinbar. Oder nur mit einer milden abgeänderten Form des Islam. Und da stellt sich die Frage: Was taugt eine Religion, deren Grundalgenwerk nahezu komplett ignoriert werden muss, damit sie lebensfähig wird? Auf keinen Fall sind das Werte, die ein Europa braucht!

(Rezensiert am: 2005-03-08)

Baha Güngör: Die Angst der Deutschen vor den Türken. und ihrem Beitritt zur EU, Diederichs Verlag, 2004, ISBN-13: 9783720525367, 19.95 €


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