Peter Scholl-Latour:
Scholl-Latours üblicher Mix aus Reportage und Fakten überzeugt – seine Perspektive aufs Weltgeschehen weniger!
Von Klaus-Jürgen Bremm
Im Jahresrhythmus produziert der Weltreisende und Welterklärer Peter Scholl-Latour neue Buchtitel. Das Vergehen bestehender Großmächte und die Verschiebung von weltpolitischen Machtkonstellationen sind dabei sein liebstes Thema. In letzter Zeit waren dies vor allem „Russland im Zangengriff“ und Amerika als „Weltmacht im Treibsand“ bzw. „Koloss auf tönernen Füßen“. „Die Angst des weißen Mannes“ lautet nun die alarmierende Überschrift seiner jüngsten Publikation, die auf rund 400 Seiten das Ende der europäischen Dominanz in Ostasien auslotet. In gewohnt professioneller Art kombiniert der renommierte Journalist im Stile eines „Elder Statesman“ persönliche Erinnerungen, farbige Landesbeschreibungen und Gespräche mit lokalen Größen zu einem recht unterhaltsamen Mix, der mit Versatzstücken aus Geschichte oder Zeitgeschichte angereichert ist.
Vom Ende der Welt und alten Zeiten…
Der Leser erhält auf diese Art ein zusammenhängendes, mitunter auch holzschnittartiges Bild von entlegenen Weltregionen wie etwa Osttimor, über die Medien nur sporadisch und meist im Takte gelegentlicher Katastrophen berichten. Trotz der überflüssigen lateinischen Zitate liest sich das alles recht kurzweilig und man gerät ein ums andere Mal ins Stauen, wie weit zurück ins vergangene Jahrhundert der politische Erfahrungshorizont des Autors reicht, der schon als gestandener Pressemann im Jahre 1964 Charles de Gaule auf einer Südamerikareise begleiten durfte.
Nun scheint es wirklich schon eine Ewigkeit her, dass man nur mit Krawatte in brasilianische Kinos gelangen konnte. Inzwischen hat das aufstrebende Land am Amazonas Wichtigeres zu tun, als auf europäische Etikette zu achten. Nach Auffassung des Autors steht Brasilien mit seinen 200 Millionen bunt gemischten Einwohnern auf den Sprung zu einer neuen Weltmacht. Der alte Einfluss der Vereinigten Staaten schwindet auch hier. Von der 500jährigen Dominanz des Westens bleibt nur die Sprache der alten Kolonialherren: Portugiesisch hier und natürlich Englisch als universale Lingua franca.
Wessen Abgesang? Und Angst wovor?
Doch rechtfertigten Scholl Latours zehn Kapitel, die den gleichzahligen Poemen des lusitanischen Dichters Luis Vaz de Camoes nachempfunden sind, von der Angst des Weißen Mannes zu sprechen? Entlarvt sich der Autor nicht selbst als letzter Imperialist, wenn er das vermeintliche Abendrot der westlichen Dominanz betrauert, ein fast 500jähriger Ausnahmezustand, der unsägliches Leid über fast alle Erdteile gebracht hat? Muss man als Europäer nicht froh sein, wenn das offenbar unabänderliche Chaos in der außereuropäischen Welt nun nicht mehr der Herrschaft und Raffgier des weißen Mannes allein angelastet werden kann? Wäre es nicht eher eine Befreiung denn ein Abgesang, wenn sich die europäischen Mächte nun endlich aus überseeischen Konflikten heraushalten dürften?
Abgesehen von dieser etwas schiefen Perspektive des Autors bleibt zum Abschluss der Lektüre die entscheidende Frage, mit welchen Fakten Peter Scholl-Latour sein Urteil begründet, offen. Wovor muss der „Weiße Mann“ denn überhaupt Angst haben? Etwa vor dem Aufstieg der anderen? Es bleibt abzuwarten, ob er tatsächlich gelingt. Peter Scholl-Latour liefert jedenfalls in seinem Buch nur wenig Anhaltspunkte dazu. Seine locker zusammenhängenden Reiseimpressionen und lokalen Analysen fügen sich jedenfalls nicht zu dem Gesamtbild, das der Titel des Buches verspricht. Ein Problem, dem der Autor auch schon früher in Büchern wie „Afrikanische Totenklage“ nicht gerecht geworden ist. So bleibt als Resümee: Eine lesenwerte, aber mitunter auch weitschweifige Lektüre, die ihrem gestellten Thema insgesamt nicht gerecht wird. Gleichwohl bleibt zu hoffen, dass dieser Band noch nicht der Abgesang des Verfassers war.
(Rezensiert am: 2009-12-01)
Peter Scholl-Latour: Die Angst des weißen Mannes. Ein Abgesang, Propyläen Verlag, 2009, ISBN-13: 9783549073315, 24.90 €
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