Siegfried Lenz:

Die Erzählungen

Der Meister der Kurzgeschichte in voller Pracht – Liebhaber-Pflichtlektüre und literaturwissenschaftliches Grundlagenwerk!

Von Felix Struening

Siegfried Lenz ist einer der meistgelesenen deutschsprachigen Nachkriegsautoren und spätestens seit seinem Roman „Deutschstunde“ ein Weltstar. Für viele ist er aber vor allem der Meister der Kurzgeschichte, einer literarischen Form, in der ihm kaum einer etwas vormachen kann. Zu seinem 80. Geburtstag legte nun sein Hausverlag alle Erzählungen in einem Band vor.

Auf 1500 Seiten einfach alles

„Die Erzählungen“ umfasst alle bereits in Buchform abgedruckten Kurzgeschichten, aber auch über 50 weitere, die bisher nur in Zeitungen und Zeitschriften verfügbar waren. Auf 1500 Seiten finden sich knapp 170 Geschichten. Darüber hinaus gibt es ein Quellenverzeichnis, in dem die Titel alphabetisch aufgeführt und mit ausführlichen Angaben zu Erstdruck und Verwendung im Rundfunkwerk ausgestattet sind. So wird das Buch nicht nur zu dem Lenz-Lesebuch schlechthin, sondern auch zum literaturwissenschaftlichen Grundlagenwerk, wenn es um Siegfried Lenz geht.

Literarischer Sprinter

Der langjährige Freund und Kritiker Marcel Reich-Ranicki hat ja nun schon viele Lobreden und Laudationes auf den deutschen Autor gehalten und war bei nahezu keiner Preisverleihung abwesend. Auch diese Auszeichnung in Buchform würdigt er mit einem kurzen Geleitwort, ganz gemäß seinem Motto, das Siegfried Lenz der literarische Sprinter sei, aber kein ganz großer Langstreckenläufer. Doch während der Kritikerpapst die Bedeutung der Lenz’schen Kurzgeschichte hervorhebt, schreibt Erich Maletzke in seinem Versuch, Siegfried Lenz anlässlich seines 80. Geburtstages biografisch zu schildern, dass die Erzählungen immer Pausenfüller zwischen den Romanen seien. Aber auch wenn der Wahl-Hamburger nach Beendigung eines Romans meist sofort mit dem nächsten beginnt, unterschätzt diese Bewertung die prominente literarische Position der Kurzprosa.

Das Große wird im Kleinen erkennbar

Der Lenz’sche Leitspruch, dass das Große im Kleinen sichtbar werde, wird an diesem Buch in doppelter Hinsicht deutlich. In jeder Kurzgeschichte findet sich ein kleines Großes und alle zusammen ergeben sie das große, ja großartige Vermächtnis eines genialen Erzählers. Außerdem ist das Buch gleich in zwei Varianten erschienen. Die gebundene Ausgabe ist für 20 Euro so gut wie geschenkt und gehört in jedes Bücherregal. Für eingefleischte Fans gibt es eine edle Leinenausgabe, die mit 40 Euro auch noch erschwinglich ist. Das Buch ist in sehr guter Qualität aufgelegt, Zeilenabstand und Schriftgröße gewährleisten trotz Dünndruckpapier eine sehr gute Lesbarkeit. Insgesamt ist das Buch ein angenehmer Trost für die etwas magere Gesamtausgabe zum 75. Geburtstag und das zum jetzigen Jubiläum erschienene noch geringer ausgestattete Buch „Selbstversetzung“ mit autobiografischen Schriften.

(Rezensiert am: 2006-03-29)

Siegfried Lenz: Die Erzählungen. , Hoffmann und Campe, 2006, ISBN-13: 9783455042856, 20.00 €


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