Mark Juergensmeyer:

Die Globalisierung religiöser Gewalt

Von christlichen Milizen bis Al-Qaida

Noch einmal die überholte These vom vermeintlich sozialen Ursprung religiös motivierter Gewalt – ohne aufklärerische Einsicht und realpolitische Weitsicht!

Von Klaus-Jürgen Bremm

Die explosionsartige Ausbreitung religiös motivierter Gewalt von den Philippinnen bis nach Algerien lässt im Westen die Sorge vor einer neuerlichen globalen Auseinandersetzung im Stile des Kalten Krieges wachsen. Nach Einschätzung des Kalifornischen Soziologen Mark Juergensmeyer hat die Herausforderung des säkularen Nationalismus durch religiöse Kräfte zu Beginn des 21. Jahrhunderts sogar die Form einer globalen Rebellion angenommen. Der sich in den letzten beiden Dekaden weltweit regende terroristische Aktivismus beschränkt sich allerdings keineswegs auf islamische Gruppierungen, auch wenn es gerade ihnen vor allen anderen gelungen ist, ihre regionale Zersplitterung zu überwinden und sich in einem globalen Netzwerk zu organisieren.

Hauptgegner ist der säkulare Nationalstaat

Überall in der Welt formieren sich junge, meist gesellschaftlich marginalisierte Männer unter dem Banner ihrer tradierten Religion gegen den immer noch weltweit dominierenden säkularen Nationalismus. Ob Hamas, Hisbollah oder Sikhs, ob militanter Zionismus oder die christliche Rechte in den Vereinigten Staaten, das kulturelle Spektrum der Aktivisten ist breit gefächert und die politische Energie aller dieser Bewegungen richtet sich keineswegs vorrangig gegen konkurrierende Religionen. Selbst der Gründer der fundamental-jüdischen Partei, Meir Kahane, äußerte 1989 Bewunderung für den iranischen Religionsführer Khomeni und zeigte sogar grundsätzlich Verständnis für die Ziele der muslimischen Gruppierungen in der Westbank und im Gazastreifen. Gleichwohl war für ihn der Anspruch Israels auf sein angeblich alttestamentarisches Erbe nicht verhandelbar.

Hingegen lehnen fast sämtliche religiösen Aktivisten eine Toleranz für religionsferne Menschen ab. Nach Auffassung eines ägyptischen Imans fehle den säkularen Kulturen Europas oder der Vereinigten Staaten die Anbindung zu einer höheren Wahrheit und in einigen Interviews, die Juergensmeyer zu Beginn der 1990er geführt hatte, wurde sogar von muslimischer Seite die Auffassung vertreten, das Christentum hätte seine Abweichler besser auf Linie bringen müssen.

Hauptgegner ist fraglos der säkulare Nationalstaat mit seiner individualistischen und als zutiefst unmoralisch empfundenen Kultur des Materialismus. Die neuen Formen religiöser Gewalt erscheinen dabei keineswegs nur als Ausdrucksformen einer rückwärtsgewandten archaischen Ideologie, sondern sind, folgt man dem Autor, ebenso das Produkt einer globalisierten Moderne wie der säkulare Nationalismus. Tatsächlich, so Juergensmeyer, handelt es sich sogar eher um eine Spielart des sozialen Protestes, deren Sprache sich zwar religiöser Ausdrucksformen bedient, im Kern jedoch selbst säkular ist. So scheinen dann auch eher handfeste Motive und nicht metaphysische Heilserwartungen die meisten religiösen Aktivisten zu ihren Gewalttaten zu treiben. Juergensmeyer, der in den letzten beiden Dekaden zahllose Interviews mit religiösen Aktivsten geführt hat, konstatiert sogar in einigen religiösen Bewegungen ein Verlangen nach einer Rückeroberung der in der modernen Welt verloren gegangenen Virilität, „eine seltsame Mischung von männlichen Sehnsüchten, die zugleich sexuell, politisch und sozial sind.“

Überholte These

Damit aber liefert Juergensmeyer nur eine geringfügig modifizierte Version der längst durch die islamistischen Attentate der zurückliegenden Dekade überholten These, dass religiös motivierte Gewalt vor allem soziale Ursachen habe. Waren die Attentäter von Madrid und London denn tatsächlich gesellschaftlich so marginalisiert und von den materiellen Versprechungen des säkularen Nationalstaates enttäuscht, wie es der Verfasser für die untersuchten Bewegungen insgesamt reklamiert? Dass Juergensmeyer nur allzu offensichtlich eine Exkulpierung des Islam betreibt, zeigt sich auch daran, dass er das Mullah-Regime im Iran in unmittelbare Nähe zu westlichen Demokratien rückt und sich sogar den eigenartigen Hinweis erlaubt, dass im Teheraner Parlament mehr Frauen als im US-Kongress sitzen. Immerhin räumt er ein, dass in diesem von Unterdrückung, Terror und Scharia-Urteilen geprägten Musterland der islamischen Moderne tatsächlich der Oberste Rechtsgelehrte und der von ihm ernannte Wächterrat alle wichtige Entscheidungen treffen.

Vollends ins argumentative Abseits gerät der Autor, wenn er im Anschluss an den liberalen US-amerikanischen Autor Carsten Niebuhr die These vertritt, dass den westlichen säkularen Demokratien die spirituell-geistige Kraft zu einer fundamentalen Begründung ihrer politischen Systeme fehle oder eben das, was der konservative Politologe Eric Voegelin gern als Einheit von Glaube, Gedächtnis und Politik bezeichnete. Damit jedoch bestätigt Juergensmeyer nur einmal mehr das vehement von Vertretern fast sämtlicher Religionen beanspruchte Monopol auf ethisches Verhalten. Dass dies jedoch auch ohne eine religiös-transzendente Anbindung möglich sein kann, ist gerade eine der wesentlichen Aussagen der Aufklärungsphilosophie spätestens seit Immanuel Kant.

Ein neuer Kalter Krieg?

Der Autor schließt nun angesichts der aktuellen Dynamik der Verhältnisse nicht aus, dass sich schon in naher Zukunft die religiösen Aktivisten gerade in den islamisch geprägten Ländern politisch durchsetzen könnten, was die Entstehung eines neuen antisäkularen Staatenblockes zwischen Indonesien und Maghreb zur Folge haben würde. Damit wäre, so Juergensmeyer, im schlimmsten Fall sogar das Szenario eines neuen Kalten Krieges beschrieben, dessen Frontlinie dank einer immer zahlreicher werdenden islamischen Diaspora bis in die Metropolen des Westen reichen würde.

Diese Vorstellung mag auf den ersten Blick tatsächlich erschreckend sein und Juergensmeyer versucht seine Leser auch sogleich zu beruhigen, indem er auf die Möglichkeit verweist, dass sich mittelfristig beide Systeme durch partielle Kulturtransfers auch wieder annähern könnten. Also ein wenig fundamentale Spiritualität für die sinnentleerten Westen im Austausch gegen ein Quantum rationale Säkularität. Eine andere und näher liegende Option ist dem kalifornischen Kenner des globalisierten religiösen Extremismus hingegen nicht in den Sinn gekommen.

Wie wäre es denn, wenn sich der Westen in diesem Fall entschließen würde, seine im Kalten Krieg erfolgreiche Strategie des Containments erneut anzuwenden? Abschottung der Grenzen, harter Kurs gegen Dissidenten, wirtschaftlicher Wettbewerb der Systeme und massive Propaganda. Erginge es dann dem Islamismus auf lange Sicht nicht ebenso wie 1989 bis 1991 dem Kommunismus? Auf sich allein gestellt wird der Islam wie jede geschlossene Gesellschaftsordnung scheitern und würde somit in überschaubarer Zukunft wie damals die Lehren von Marx und Lenin auf den Müllhaufen der Geschichte landen.

(Rezensiert am: 2010-01-27)

Mark Juergensmeyer: Die Globalisierung religiöser Gewalt. Von christlichen Milizen bis Al-Qaida, Hamburger Edition, 2009, ISBN-13: 9783868542097, 35.00 €


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