Sándor Márai:

Die Glut

Die Entwicklungsfragen Europas um 1900 in einer menschlichen Beziehung erfasst – spannend und nachdenklich stimmend!

Von Felix Struening

Über vierzig Jahre musste der Protagonist Henrik warten, nun kommt sein Jugendfreund Konrád ihn besuchen. Als Sohn eines polnischen Offiziers und einer französischen Herzogstochter besuchte Henrik eine militärische Ausbildungsanstalt für Adelige. Dort lernte er Konrád kennen und lieben: Sie teilten ihre Jugend und waren wie Brüder. Es gab fast nur einen – wenn auch beachtlichen - Unterschied: Henrik war reich, Konrád kam aus einfacheren Verhältnissen. Doch dann gab es ein Ereignis, dass Konrád fliehen ließ. Bevor sich nun die beiden nach der so langen Zeit wiedersehen, denkt Henrik in einem Monolog über seine Eltern und ihre Gegensätze, über seine Jugend und die damalige Gesellschaft nach. Er zeigt, wie um 1900 das alte Europa merkte, dass es eine Schwelle überschreiten muss. Wie der Adel versuchte, an den alten Sitten und Traditionen festzuhalten und doch alles von der kaiserlichen Dynastie in die Individualisierung, in die Freiheit drängte. Als dann Konrád eintrifft, fährt Henrik ihm gegenüber mit seinem Monolog fort, indem er den Tag der Flucht wieder aufrollt. Er will wissen, welche Rolle seine junge Frau damals spielte, als es zu dem entscheidenden Bruch kam. Dafür erläutert er Konrád, wie er damals alles wahrnahm oder z. T. erst durch jahrelanges Nachdenken herausfand. So zeigen sich dem Leser die Umstände einer ungewöhnlichen und doch anscheinend normalen „Dreiecksbeziehung“. Die Spannungen zwischen den verschiedenen Menschen werden deutlich, fast ins archaische überspitzt. Mit eindringlichen Worten stellt der Autor Fragen an die ethischen und moralischen Grundsätze des Menschen. Das Moment des Tötens und die Sprache der Musik, Freundschaft und Treue, Tradition und Fortschritt bewegen die Handlung. Bis zum Schluss eröffnen sich dem Leser neue Details der Geschichte, die bisherige Annahmen wieder annullieren oder zumindest einschränken. Dabei gelingt dem Autor ein überraschendes Ende, dass doch bei genauerer Betrachtung der einzige Ausweg ist.

(Rezensiert am: 2003-02-01)

Sándor Márai: Die Glut. , Piper Verlag, ungar. 1942, dt. 2001, ISBN-13: 9783492233132, 8.00 €


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