Elke Leonhard, Wolfgang Leonhard:
Über das Verhältnis von Sozialdemokratie und Linken oder ob SPD und Die Linke koalitionsfähig sind – leider ohne wirkliche Antworten!
Von Felix Struening
„Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor“, möchte man nach der Lektüre dieses kleinen Büchleins mit Goethes Faust sagen. So wie Doktor Faust alle möglichen Wissenschaften studiert hat und trotzdem nichts vom Leben weiß, so ist „Die linke Versuchung“ ein Stück komprimiertes Wissen, das irgendwie im leeren Raum stehen bleibt. Der Politgeschichts-Bestsellerautor Wolfgang Leonhard („Die Revolution entlässt ihre Kinder“) hat zusammen mit seiner Frau analysiert, wie es zu den Parteien links von der SPD kam und in welchem Verhältnis letztere jetzt zur heutigen Die Linke steht.
Gleich zu Beginn, noch vor dem geschichtlichen Abriss der kommunistischen und sozialistischen Auskopplungen aus der SPD, wird diese von jeglichen kommunistischen Strömungen freigesprochen. Und das mit einer Vehemenz, dass der Leser sich sofort fragt, ob hier nicht getroffene Hunde bellen. Schon wenige Seiten später geht es um die Verwirrung, die sich die SPD ständig mit ihren Parteivorsitzenden leistet. „Nach jedem Rücktritt ist die Partei in kürzester Zeit wieder handlungsfähig. Die Reihen sind geschlossen. Alle stehen wie selbstverständlich hinter dem Vorsitzenden“, stellen die beiden Autoren fest.
Wen das in Anbetracht des Gemauschels beim Wechsel von Kurt Beck zu Franz Müntefering im September 2008 verwundert, wird nur ein paar Zeilen weiter belehrt: „Die Personalauswahl der Partei ist weder transparent noch effektiv. Wäre sie das, so hätte die SPD nicht innerhalb von zweiundzwanzig Jahren acht Vorsitzende verbraucht.“ Ja was denn nun? Steht die Basis geschlossen hinter ihrer Parteispitze oder gab es vielleicht einfach nur keine Alternativen zu Franz Müntefering als Vorsitzenden und dem Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier? Die Parteinähe der Autoren (Elke Leonhard ist sogar SPD-Mitglied) scheint nicht gerade zu einem objektiven Bild zu führen oder aber die SPD ist inzwischen so konturlos geworden, dass ein klares und strukturiertes Bild nicht mehr möglich ist.
Die Linke mit vielen Ideen aber ohne Lösungen
Es folgt ein – für ein Geschichtsbuch zu kurzer, für ein Politikbuch zu langer – historischer Abriss der kommunistischen Parteien in Deutschland und im Ostblock bis hin zu SED-Umwandlung in die PDS, WASG-Gründung und Verschmelzung zur Partei Die Linke. Dabei wird deutlich, dass die kommunistischen Parteien nicht weniger als das ganze Leben ihrer Anhänger regulieren wollen. Dieser quasi-religiöse Anspruch wird natürlich vom Autorenpaar ebenso kritisiert, wie die leeren Versprechungen an die Bevölkerungsschichten, die sowieso schon alle Alimentierungen des Staates erhalten haben. „Dank ihrer ‚klaren Botschaften‘ weiß jeder, was ‚Die Linke‘ will. Aber niemand weiß, wie sie es erreichen will.“ Doch anscheinend muss sie das aber auch gar nicht, wie die Leonhards feststellen. Einer zitierten Umfrage nach würden 74 Prozent der Deutschen gar nicht erwarten, dass Die Linke Probleme löst, sind aber dankbar dafür, dass sie immerhin angesprochen werden.
SPD & Die Linke?
„Bei der Frage nach dem Verhältnis zwischen der SPD und der Partei ‚Die Linke‘ geht es um mehr als nur die Frage der Bündnisfähigkeit: Es geht auch um das Verhältnis zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus, und es geht nicht zuletzt um die Aufarbeitung jenes Teils deutscher Geschichte, der von 40 Jahren SED-Diktatur, von massiven Menschenrechtsverletzungen, von Mauerbau und Stacheldraht, kurz von Menschenverachtung geprägt war.“ Hinzu käme nach Ansicht der Autoren im Falle einer rot-roten Koalition auf Bundesebene das Eingeständnis der SPD, dass sie nicht oder nicht mehr einen Großteil der deutschen Linken auf sich vereinen kann.
Auf Seite 167 von knapp 200 geht es also endlich an die entscheidenden Fragen, die der Leser aufgrund des Buch-Untertitels schon viel früher und bestimmter erwartet hätte. Was nützen beispielsweise die (gebrochenen) Wahlversprechen von Andrea Ypsilanti, wenn die Wähler anscheinend Rot-Rot wählen, wie z.B. Axel Brüggemann in „Wir holen uns die Politik zurück“ kritisierte? Es ist eben eine der scheinbaren Paradoxien der Verhältniswahl, dass nicht unbedingt die beiden (oder drei) stärksten Parteien zusammen regieren müssen, wenn ihre politischen Ausrichtungen zu gegensätzlich sind.
Doch leider liefern auch hier die Autoren nur wenig „streitbares“, wie es auf dem Buchdeckel angekündigt wurde: „Eine programmatische Annäherung an ‚Die Linke‘ würde die SPD direkt in die Opposition führen.“ Das wissen wir allerdings längst, denn der Linksruck der letzten Jahre hat der SPD keinesfalls Wähler (wieder-)gebracht. Auch in Zeiten der weltweiten Finanzkrise spüren die Menschen zum Glück noch irgendwie intuitiv, dass die kommunistische oder sozialistische Lösung erstens wirtschaftlich nicht hilft und zweitens unsere Freiheiten nur unnötig einschränkt. In der Krise bleibt uns folglich nur ein Weg, um mit Jan Fleischhauer und seinem hervorragenden Buch „Unter Linken“ zu sprechen. Und der bedeutet konservativ zu werden.
Ob nun SPD und Die Linke koalieren können und was das nicht nur für die SPD sondern auch für das Volk bedeutet, wissen wir allerdings nach der Lektüre immer noch nicht. Und das ist wirklich schade, vor allem bei einem so renommierten Autor.
(Rezensiert am: 2009-09-02)
Elke Leonhard, Wolfgang Leonhard: Die linke Versuchung. Wohin steuert die SPD?, be.bra Verlag, 2009, ISBN-13: 9783861246336, 19.90 €
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