Isabel Allende:
Ein zauberhaftes Werk, das einen in die geheimnisvolle Welt des Amazonas entführt und trotzdem den Bezug zur Realität nie ganz verliert!
Von Stefanie Wente
„Das Fest begann bei Sonnenuntergang und dauerte die ganze Nacht. Die von Kopf bis Fuß bemalten Indianer sangen, tanzten und aßen, bis sie nicht mehr konnten.“
Nachdem seine Mutter an Krebs erkrankt ist, hängt der Haussegen in Alexanders Familie schief. Nicht zuletzt auch wegen ihm selbst, denn er kann damit nicht umgehen und wird extrem aggressiv gegenüber seinen Geschwistern und seinem Vater. Und als ob das nicht schon alles genug wäre, muss der junge Teenager ausgerechnet, als seine Mutter im Krankenhaus liegt, mit seiner merkwürdigen Großmutter in den Urlaub. Eigentlich eher auf Dienstreise, denn seine Oma Kate arbeitet beim National Geographic und soll einen Artikel über einen Indianerstamm im Amazonas schreiben. Alex fühlt sich von seiner Familie verstoßen und blickt der Reise mit Missmut entgegen. Dieser steigert sich noch, als er in New York nicht wie geplant von seiner Großmutter am Busbahnhof abgeholt wird. Prompt stolpert der schüchterne, ungeschickte Junge in sein erstes Abenteuer in der Großstadt. Doch im Vergleich zu dem, was ihn im Amazonas erwartet, ist dieser Aufenthalt in New York ein Spaziergang. Denn mit der Tochter des Reiseführers, Nadia, erfährt der Junge echte Gefahren. Das junge Mädchen kann mit Tieren sprechen und führt den unsicheren Teenager selbstbewusst in eine Welt voller Magie und Mystik, eine Welt in den Tiefen des Urwaldes, bevölkert von Indianern, unheimlichen Bestien und dem geheimnisvollen Volk der Nebelmenschen. In dieser Welt lernt Alex nicht nur sich selbst, sondern auch seine Umwelt besser begreifen. Und gemeinsam mit seiner neuen Freundin bewahrt er die Indianer vor einer Gefahr von außerhalb ihrer Welt, die die Forschungsgruppe selbst mitgebracht hat.
„Alex und Nadia schwirrte der Kopf, ihnen war schwindlig von dem Schauspiel, dem Tamtam der Trommeln, dem Singsang, den Schreien, dem Lärmen des Urwalds um sie her.“
Isabel Allende entführt den Leser mit diesem zauberhaften Buch in eine aufregende Welt, welche verborgen in den Tiefen des Amazonas liegt. Man macht Bekanntschaft mit Schamanen, Indianern, Ritualen und ihrem altertümlichen Aberglauben. Trotzdem verliert man den Blick für die Realität nicht. Ständig wird man durch das Geschehen auf Dinge aufmerksam gemacht, die die westliche Welt geschaffen hat und die die Indianer des Amazonas langsam zerstören. Das Problem des Kapitalismus und die unaufhaltsame Zerstörung des Regenwaldes sind zentrale tagespolitische Themen, die sich kontinuierlich durch die Welt der Geister ziehen, ohne diese in ihrer Phantastik zu schmälern. Diese beiden entgegengesetzten Themen der Realität und der Mystik verknüpft Isabel Allende so geschickt, dass dem Leser diese Zusammenhänge erst nach Beenden des Buches in ihrer Gänze deutlich werden, dafür aber umso stärker. Der Roman lädt zum Nachdenken ein und zieht einen unweigerlich in seinen Bann.
„Bei Sonnenaufgang erwachte das Leben in der goldenen Stadt, und das Tal der Götter erstrahlte in allen Rot-, Orange- und Rosatönen.“
Mit „Die Stadt der wilden Götter“ hat Isabel Allende eine wunderbaren Einstieg in die Trilogie („Im Reich des Goldenen Drachen“ und „Im Bann der Masken“) über die beiden Protagonisten Alex und Nadia geschaffen. Die beiden Teenager tauchen in eine übernatürliche Welt ein, die sie stärker und klüger zurückkehren lässt. Selbst der unstete Alex beginnt, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Im Laufe der drei Bücher beschreibt Allende den Vorgang des Erwachsenwerdens, allerdings ohne das Kind und die Magie in sich zu vergessen. Auch den Realisten unter den Bücherliebhabern dürfte dieses Buch spannende Unterhaltung liefern. Man muss sich nur darauf einlassen den beiden Teenagern in eine neue Welt zu folgen, die gar nicht so weit entfernt ist, wie es zu Anfang scheinen mag.
(Rezensiert am: 2005-06-24)
Isabel Allende: Die Stadt der wilden Götter. , Suhrkamp, 2004, ISBN-13: 9783518455951, 10.00 €
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