Karsten Fischer :
Staat, Religionsfreiheit und der Schnitt ins eigene Fleisch – sehr abstrakte politische Ideengeschichte!
Von Felix Struening
Die in Europa staatlich garantierte Religionsfreiheit stößt mit zunehmenden muslimischen Migrantengruppen immer mehr an ihre Grenzen. So ist die „Deutsche Islamkonferenz“ ein geradezu paradigmatisches Beispiel für die daraus resultierende Unsicherheit des Staates, der sich durch die Judikative einerseits und die Unterhöhlung seiner eigenen, demokratischen Werte andererseits eingeschränkt sieht. Es ist das Problem, das der ehemalige Verfassungsrichter Böckenförde bereits 1976 in seinem berühmten Diktum auf den Punkt brachte: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Karsten Fischer – gerade an den Lehrstuhl für Politische Theorie der Universität München berufen – versucht nun mit einer Aufsatzsammlung dem komplexen Thema gerecht zu werden.
Das Paradox als Motor der Geschichte
Am Anfang steht die scheinbare gegenseitige Provokation: Für die monotheistischen Religionsgemeinschaften stellt der liberale Rechtsstaat eine Einschränkung ihrer Geltungsansprüche dar. Gleiches gilt freilich andersherum ebenso. Fischer arbeitet nun aber anhand der auf den Westfälischen Frieden von 1648 folgenden Säkularisierung heraus, wie gerade die Bekenntnisneutralität des liberalen Verfassungsstaates Religion in die Privatsphäre verlegt und damit seinem eigenen Zugriff entzieht. Nur so können Religion und Politik zwei soziale Funktionslogiken auf gleichberechtigter Ebene werden.
Diese (scheinbaren) Paradoxien prägen Fischers gesamte Ideengeschichtsschreibung, sie sind für ihn der Motor aller Entwicklung. Geschichte kann man mit dem Autor also immer nur dialektisch lesen, als Thesen, die auf Antithesen treffen und in ihrer Paradoxie genau das Neue schaffen. So erklärt sich für Fischer beispielsweise auch, warum der Westen immer ungläubiger, der Rest der Welt hingegen religiöser wird: „Säkularisierung [ist] also kein ehernes Gesetz, sondern eine empirisch belegbare Tendenz mit einem soziodemographischen Koeffizienten insofern, als soziale Sicherheit Säkularisierung begünstigt, und Säkularisierung wiederum negative Auswirkungen auf die Fertilitätsrate hat. Dies hat die diametrale Konsequenz, daß reiche Gesellschaften säkularer werden, die Welt insgesamt jedoch religiöser wird.“
Fundamentalismus und Dekadenz-Export
Eines der großen Themen, wenn man über das Verhältnis von Politik und Religion schreibt, ist natürlich der zunehmende religiöse Fundamentalismus, soll vor allem heißen Islamismus. Fischer verwirft hier bisherige Definitionen des Fundamentalismus und sieht darin vor allem einen „Sammelbegriff religionspolitischer Gegenbewegungen gegen die schon im 19. Jahrhundert kulminierende Globalisierung.“ Drei Hochphasen hätte der Fundamentalismus bisher erlebt: Anfang des 20. Jahrhunderts die christlichen „The Fundamentals“ in den USA und die Gründung der Muslimbruderschaft in Ägypten. Dann die Islamische Revolution im Iran 1979 und als Drittes die Zeit seit dem 11. September 2001.
Fundamentalismus sei also eine „religionspolitische Reaktion auf krisenhaft empfundene Modernisierungsprozesse.“ Doch diese vermeintlich neue Definition Fischers knüpft durchweg an Bestehendes an. So beschreibt schon Samuel P. Huntington in seinem herausragendem Werk „Kampf der Kulturen“ die Indigenisierung der nichtwestlichen Kulturen, also die Modernisierung ohne Verwestlichung der Werte, die mit einer massiven Rückwendung zur eigenen Religionen einhergeht.
Die soziologisch-psychologischen Ursachen werden laut Fischer dadurch bestätigt, dass es sich bei (muslimischen) Fundamentalisten durchweg um Eliten handelt. So sind islamistische Selbstmordattentäter in der Regel gut gebildet und entstammen der Mittelschicht. Außerdem lehnen islamische Fundamentalisten westliche Entwicklungshilfe als „geistigen Imperialismus“ ab und nehmen damit die Armut eigener Bevölkerungsteile in Kauf. Fischers Lösung des Fundamentalismus-Problems beruht dann tatsächlich auf einer Form dieses kulturellen Imperialismus. Mit einem massiven Dekadenz-Export müsse der Westen Deutungshoheit erlangen und auch in der islamischen Welt die postheroische Botschaft des Westens verbreiten, dass es nichts gibt, wofür es sich lohnt zu sterben.
Ideengeschichte mit Anspruch
An dieser Argumentation, aber auch am weltgewandten Schreibstil des Autors, merkt man, dass er ein Schüler Herfried Münklers ist, der wiederum Begriffe wie „postheroische Gesellschaft“ und „asymmetrische Kriege“ geprägt hat. Fischer fordert von seinem Leser nicht nur solide Französisch- und Lateinkenntnisse, sondern auch eine umfassende Bildung in politischer Theorie. So ist „Die Zukunft einer Provokation“ keineswegs eine leichte wissenschaftliche Lektüre, wie es der Verlag „Berlin University Press“ ankündigt, sondern eher ein anspruchsvolles Stück Ideengeschichte. Leider merkt man dem Buch auch an, dass es sich um eine Aufsatzsammlung handelt: ein roter Faden ist nur schwer zu erkennen und der Leser stolpert mit jedem Kapitelwechsel in völlig neue Themenkomplexe. Hier wäre etwas mehr Stringenz nötig gewesen.
Die Frage nach dem Menschenbild
„Politik und Religion sollten einander fremd bleiben“, ist schließlich Fischers Fazit. Die gegenseitige und unvermeidbare Provokation hätte Zukunft, wenn sie konstruktiv angenommen würde. „Die Bedingung eines gedeihlichen Miteinanders von Politik und Religion ist mithin eine beidseitige Selbstbegrenzung“, schreibt der Autor. Das aber ist weder innovativ noch hilfreich für die politische Praxis.
Und während Fischer mit abstrakter Theorie versucht, Religion an sich im Verhältnis zum Staat zu definieren, fehlt die Überlegung, ob es sich beim Islam nicht um ein gänzlich anderes ideologisches System als beim Christentum handelt. Denn während letzteres sich mit dem freien und säkularen Staatsbürgertum des heutigen Territorialstaates problemlos vereinbaren lässt, scheinen Demokratie und Islam in letzter Konsequenz widersprüchlich. Nicht nur in seiner theokratischen Regierungsform, sondern wegen seines grundlegenden Menschenbildes, in dem das Individuum nichts gilt. Diese neue Herausforderung an den Staat und seine zu garantierende Religionsfreiheit, ist die eigentlich zu klärende Provokation.
(Rezensiert am: 2010-07-13)
Karsten Fischer : Die Zukunft einer Provokation. Religion im liberalen Staat, Berlin University Press, 2009, ISBN-13: 9783940432650, 39.90 €
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