Mukhtar Mai:

Die Schuld, eine Frau zu sein

Emotionaler Aufschrei gegen die Unterdrückung der Frau – erschütternd aber leider ohne wirkliche Konsequenz!

Von Felix Struening

Mukhtar Mai wurde durch ein Stammesgericht dazu verurteilt, von vier Männern vergewaltigt zu werden. Und dass, weil ihr kleiner Bruder angeblich mit einer unverheirateten Frau geflirtet hatte. Nun musste die Familienehre wiederhergestellt werden. Doch womit keiner gerechnet hatte, war das Mukhtar Mai sich wehrte. Sie zog vor Gericht, die Weltöffentlichkeit bekam Interesse und ihr Fall wurde zum nationalen Konflikt.

„Die Männer ‚wissen’, und wir Frauen müssen still sein und abwarten.“

Für die Frauen in Pakistan ist es normal, unterdrückt und misshandelt zu werden. Jede zweite wird laut der Autorin vergewaltigt, zwangsverheiratet oder anderweitig missbraucht. Was hier als Skandal erscheint, ist in dem islamischen Land an der Tagesordnung. Die meisten Frauen können sich nicht wehren, 80 % von ihnen sind Analphabeten, ebenso Mukhtar Mai. Aber sie fand den Mut, gegen die männerdominierte Gesellschaft anzukämpfen, fand Unterstützung durch ihre Familie und zahlreiche Menschenrechtsorganisationen. Mukhtar Mai, die bis zu ihrer Vergewaltigung am 22. Juni 2002 nur ihr Dorf kannte, die den Koran auswendig konnte – aus mündlicher Überlieferung – wurde zum Sinnbild für die Frauen Pakistans.

Das pakistanische Recht hat viele Möglichkeiten – für den Mann

Das Problem liegt in der widersprüchlichen und konkurrierenden Rechtssprechung in dem Vielvölkerstaat. Offiziell gilt das Staatsrecht Pakistans, das stark mit der Scharia durchsetzt ist, der islamischen Rechtsordnung. Da dieser Weg vor allem in ländlichen Gegenden für die meisten Einwohner zu teuer ist, rufen sie oft die Stammesgerichte an. Dort regiert stets der mächtigste Clan, andere haben sich zu beugen. Diese Dorfgerichte sollen eigentlich schlichtend zwischen den Streitparteien vermitteln. Frauen sind nicht zugelassen, aber ein beliebtes und gängiges Tauschobjekt: Du hast mich beleidigt, ich darf eine Frau aus deiner Familie vergewaltigen oder heiraten. Glaubt man der Autorin, stand im Gegensatz dazu in Pakistan vor dem Prozess gegen ihre Vergewaltiger noch nie ein Mann wegen eines Rache- oder Ehrendeliktes vor Gericht.

„Ich bin in diesem Land geboren, ich unterstehe seinen Gesetzen, und ich weiß, dass ich, wie alle Frauen, den Männern meiner Familie gehöre – wie ein Objekt, mit dem sie machen dürfen, was sie wollen.“

Mukhtar Mai sucht die Schuld für das ihr angetane Verbrechen vor allem in diesen Stammesgerichten und der Clanwirtschaft. Sie analysiert dafür ausführlich die gesellschaftlichen und traditionellen Hintergründe ihres Landes. Dabei bleibt sie stets tiefgläubige Muslimin ohne zu sehen, dass das sie verurteilende und missbrauchende System nur durch den Islam bestehen kann. So beschwert sich die Autorin zu recht darüber, dass sie vier männliche Augenzeugen braucht, um ihre Vergewaltigung vor Gericht beweisen zu können. Diese Regel entspringt der islamischen Rechtsordnung, die sie aber für die Verurteilung der Täter fordert. Auch die Todesstrafe für die Vergewaltiger scheint Mukhtar Mai nur gerechtfertigt. Hier bleibt sie leider sehr inkonsequent. Auch könnte sie versuchen, muslimischen bzw. pakistanischen Frauen mit diesem Buch mehr Mut zu machen, gegen die männliche Gewalt vorzugehen, anstatt seitenlang ihre Tradition von allen Seiten zu betrachten.

Fehlende Konsequenz

„Die Schuld, eine Frau zu sein“ ist ein sehr emotionaler Aufschrei, ein Pamphlet gegen die Unterdrückung der Frau. Trotz des zu bewundernden Mutes der Autorin greift sie leider etwas zu kurz und nutzt ihre Chance nicht ausreichend. Auch wenn sie in ihrem Dorf eine Mädchenschule gegründet hat, damit diese werdenden Frauen sich gegen Missbrauch besser wehren können, vermag Mukhtar Mai noch nicht wie z.B. Waris Dirie oder Ayan Hirsi Ali wirkliche Schlüsse aus ihren Erlebnissen und Erfahrungen zu ziehen und eine effektive Hilfe für unterdrückte Frauen weltweit zu sein.

(Rezensiert am: 2006-02-04)

Mukhtar Mai: Die Schuld, eine Frau zu sein. , Droemer, 2006, ISBN-13: 9783426273968, 16.90 €


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