Francine Prose:

durchtrieben

Eine bissige und dennoch lockerfröhliche Kritik an konservativen Einstellungen in amerikanischen Kleinstädten und deren Institutionen – mit überraschendem Ende!

Von Stefanie Wente

„Er sollte froh sein über seinen Lehrerjob, nicht bloß deshalb, weil er ihm ein Einkommen verschafft, sondern auch deshalb, weil er ihn immer wieder von dem trübseligen Anblick des winzigen Häufleins getippter Seiten erlöst, das seinen riesigen Schreibtisch noch kläglicher erscheinen lässt, ...“

Der Dozent und die Studentin

„durchtrieben“ handelt von der schwierigen Beziehung eines Dozenten und einer seiner Studentinnen. Ted Swenson hat in der Blüte seiner Jahre einen Roman geschrieben, der zu einem Bestseller geworden ist. Bedauerlicherweise ist das auch der einzige Erfolg, den dieser Mann in seinem Leben verbuchen kann, einmal ganz abgesehen von seiner attraktiven Frau. Er sagt selbst, dass er sich nicht erklären kann, wieso sie sich in ihn verliebt hat. Nun arbeitet er an einem College und unterrichtet dort „creative writing“. Für den neurotisch-unsicheren und chronisch unselbstbewussten Mann ist dieser Job die Hölle auf Erden, bis er eines Tages den Roman einer seiner Studentinnen, Angela Argo, zu lesen bekommt. Endlich hat er ein Talent in seinem Kurs entdeckt und mit dieser Erkenntnis beginnt sein zwar langweiliges, aber doch geordnetes, Leben aus den Fugen zu geraten. Die Sympathie für diese äußerst begabte Studentin spitzt sich zu und findet ihren Höhepunkt in der sexuellen Vereinigung der so ungleichen Protagonisten. Danach beginnt der Sturzflug Swensons, der den Roman mit seinem ungebremsten Aufschlag beendet, bei dem Swenson alles verliert, was ihm jemals etwas bedeutet hat.

Erstaunliche gesellschaftliche Tragweite des Stoffs

„Ihm stockt der Atem, als er sie auf der Motorhaube eines geparkten Wagens sitzen sieht. Sie trägt ihre schwarze Lederjacke und einen kurzen schwarzen Rock. Eine ganze Menge schockierend weißes Bein reicht hinab bis an den Rand ihrer schwarzen Arbeitsstiefel.“ Der Roman besticht durch seinen selbstironischen Stil, den der Protagonist selbst zum Ende hin, als sein Leben bereits zerstört ist, beibehält. Das macht es schwer, den ernsten Inhalt wirklich zu würdigen. Doch wenn man den Roman beendet hat, fällt es einem wie Schuppen von den Augen und man muss schlucken, wenn die Tragweite dessen bewusst wird, was Francine Prose durch ihren Protagonisten alles angesprochen und bewertet hat. Es ist ein wirklich gelungener Roman, der durch seine Art zwar sehr unterhaltsam ist, jedoch keinesfalls unter leichte Lektüre fällt. Er regt einen zum Denken an, zum Nachdenken über die Verhältnisse, unter denen wir leben und über unser Verständnis von Gerechtigkeit.

(Rezensiert am: 2005-02-01)

Francine Prose: durchtrieben. , Nagel & Kimche AG, 2001, ISBN-13: 9783312002795, 4.95 €


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