Rainer Sibold:
Kurze Geschichten eines Suchenden, der sich von schicksalhaften Begegnungen mitreißen, gefangen nehmen und vernichten lässt!
Von Stefanie Schmidt
Das Nichts auffüllen
Die 23 Erzählungen geben zusammen ein umfassendes Bild des Ich Erzählers, der immer wieder auftaucht und bruchstückhaft den Leser in seine Gedanken- und Traumwelt hinabführt. Er lebt offensichtlich allein in der Gesellschaft seiner stummen Möbel und skurrilen Einbildungskraft. Von einer inneren Spannung getrieben, einem Vulkanausbruch nahe, begibt er sich in die Straßen der Stadt voller Alltäglichkeit. Dabei begegnet er den absurdesten Gestalten, die ihn in die eigenen schizophrenen Abgründe blicken lassen, in ein fremdes Spiegelbild der dunklen Hirngespinste von Ekel, Mord und Tod. Sinnwidrige Grübeleien tragen den Erzähler an den Rand des Vorstellbaren mit unvorhergesehenen, oft grausamen Wendungen. Wenn die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit bis ins Unkenntliche verschwimmt, verstummt auch der Leser. Und alles mit dem Ziel, das Nichts aufzufüllen, das im Selbst und der äußeren Welt erlebt wird.
„Weil du Gefangener der Welt bist“
Acht Erzählungen in der Mitte des Buches nehmen allein durch ihre separate Widmung eine Sonderstellung ein. Der Protagonist Richard W. hat Spaß an dem Mord zweier Unbekannter. Im eigenen Kampf gegen die Unvollkommenheit glaubt er nur mit etwas Unreinem siegen zu können. Er verdient es, verhaftet zu werden und öffentlich unter die Guillotine zu kommen. Doch der Widerspruch, Gott ist - Gott ist nicht, bleibt.
Ambivalenz zwischen Liebe und Tod
Sibold gelingt die sprachliche Verbindung zwischen Tier, Natur und Sexualität besonders in den 24 Gedichten. Hier stehen sich oft das romantische und kunstvoll ausgeschmückte Liebesgeständnis und die ekelhaften Phantasien, mystisch aus Tier und Pflanze entstanden und vergangen, gegenüber. In „Hymne gesungen von deinem Geschöpf“ widerspricht das im Hintergrund leicht gedruckte, sich permanent wiederholende „Ich liebe dich“ den Körper zerfressenden Worten des lyrischen Ichs. Einige Gedichte bilden dennoch eine gelungene Symbiose zwischen Natur und Liebesbeschreibung.
(Rezensiert am: 2005-04-01)
Rainer Sibold: Ein Blatt Papier. Gedichte und Erzählungen, Triga Verlag, 2005, ISBN-13: 9783897743878, 8.30 €
| BuchTest Services | ||
|
|
| Politik | Länder & Kulturen | Job & Karriere | Mensch & Leben | Philosophie | |
|
|
||
| © Copyright Buchtest.com | Impressum | Kontakt |