Johannes Hoffmann, Gerhard Scherhorn (Hg.):

Eine Politik für Nachhaltigkeit

Neuordnung der Kapital- und Gütermärkte

Diesseits der Moral – Manifest für eine ethische Finanzwirtschaft!

Von Tine Scheffelmeier

Die Getreidemenge, die für die Tankfüllung eines Mittelklassewagens mit Bioethanol notwendig ist, könnte einen Menschen ein Jahr lang ernähren. Korruption kostet mehr Menschen das Leben als das HI-Virus. Trotzdem erklären die Teilnehmer eines Symposiums zu ökonomischer Nachhaltigkeit: Moralisches Handeln in der globalisierten Wirtschaft ist möglich.

Die Praxis des Monopolisierens und Externalisierens ist nicht nachhaltig. Die Erträge aus Gemeingütern für sich zu beanspruchen und dabei entstehende Kosten auf das Gemeinwesen abzuwälzen, lässt sich nicht mit der Leitidee der Nachhaltigkeit vereinbaren, so Gerhard Scherhorn und Johannes Hoffmann im Vorwort zu ihrem Sammelband „Eine Politik für Nachhaltigkeit“. Die beiden Herausgeber des Tagungsbandes zu dem Symposium „Nachhaltigkeit als Gestaltungsprinzip für die Rahmenordnung von Finanz- und Gütermärkten“ fühlen sich diesem Thema schon lange verpflichtet. Sie arbeiten seit 1997 mit der Projektgruppe „Ethisch Ökologisches Rating“ zu nachhaltigen Wirtschaftsweisen, mit der sie auch den Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden für Corporate Responsibility Ratings entwickelten.

Der Tagungsband reiht sich damit in eine lange Tradition ein: Statt neueste wissenschaftliche Erkenntnisse in den Mittelpunkt zu stellen, bietet er vielmehr einen Überblick über den Diskurs mit normativem Anspruch. Im Vorwort und in einem der Aufsätze präsentiert Scherhorn seine Agenda aus dem ersten – dem Symposium vorausgegangenen – Band der Reihe Geld und Ethik in kondensierter Fassung. Er fordert keine Revolution, sondern eine Änderung des Gesellschaftsrechts, die Regulierung der Finanzmärkte und eine angemessene Besteuerung der hohen Einkommen. Unter diesen Prämissen steht der gesamte Band.

Doch auch aus eigenem Antrieb können Unternehmen sich durchaus konträr zum Mainstream verhalten und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, legt Hoffmann am Beispiel der Weleda Gruppe dar. Das Kosmetikunternehmen verzichte darauf, Natur-, Sozial- und Kulturkapital auszubeuten und damit darauf, der kapitalistischen Marktwirtschaft einen Götzendienst zu leisten. Hoffmann fordert die Politik auf, monetäre Prozesse durch ein an nachhaltigen Kriterien orientiertes Wettbewerbsrecht zu regulieren, da die Marktwirtschaft nur gerettet werden könne, indem der neoliberale Kapitalismus gebändigt werde. Dabei unterscheidet Hoffmann nach vorrangigen Intentionen kapitalistische und soziale bzw. ökologische Marktwirtschaft. Daran anknüpfend kritisiert Stephan Schulmeister, österreichischer Wirtschaftswissenschaftler, in seinem Beitrag die heutige Praxis der Finanzspekulation und fordert zur Abhilfe – leider wenig originell – eine Finanztransaktionssteuer.

Neben den Risiken durch unregulierte Finanzströme bildet der stetig wachsende Energiehunger eine weitere Achillesferse unseres Wirtschaftsmodells. Die nachwachsenden Rohstoffe als einstige Hoffnungsträger haben ihren Zauber verloren: Hans Diefenbacher, Professor für Volkswirtschaftslehre in Kassel, macht am Beispiel der Tortilla-Krise in Mexiko deutlich, dass die Energieproduktion aus Getreide auf Kosten der Armen geht. Durch die Nutzung von Ackerland und Nahrungspflanzen zur Energieerzeugung steigt die Nachfrage und damit der Preis. Darunter leidet jener Teil der Weltbevölkerung, der sowieso schon benachteiligt ist; Diefenbacher befürchtet Hungeraufstände. Leider bleiben auch seine Lösungsansätze wenig innovativ: Effizienz, strenge Zertifizierung, Regionalisierung und verändertes Konsumverhalten.

Prioritäten setzen jenseits augenfälliger Baustellen

Zu allem Überfluss an Fallstricken und Hindernissen, die nachhaltiger Entwicklung entgegenstehen, paralysiert Korruption den Fortschritt. Allerdings wird dieser Aspekt in der öffentlichen Debatte oft vernachlässigt, bemängelt Franziska Jahn-Mandell, Analystin für ethische Unternehmensbewertungen. So besteht ein enger Zusammenhang zwischen den mangelhaften Regierungsleistungen korrupter Systeme und geringer Bildung, schlechter Gesundheit, Zerstörung der Umwelt und Dezimierung der Biodiversität. Deshalb fordert die Autorin mehr mediale Aufmerksamkeit für Korruptionsdaten und eine Aufwertung im öffentlichen Diskurs.

Alle diese Aspekte und damit einhergehende Probleme des nachhaltigen Wirtschaftens werden abschließend in einem Manifest aufgegriffen und mit normativen Forderungen verbunden. Unterzeichner aus unterschiedlichen Fachrichtungen fordern darin „[p]olitische Leitplanken für nachhaltige Märkte und nachhaltigen Wettbewerb“. Vor dem Hintergrund der Finanzmarktkrise drängen sich Reformvorschläge für den Umgang mit deregulierten Märkten und deren Auswirkungen geradezu auf. Die schon lange an möglichen Konzepten für ethische Rahmenbedingungen arbeitenden Autoren können vor diesem Hintergrund auf eine breite Leserschaft hoffen. Ihr bietet der Band eine Zusammenfassung der aktuellen Konflikte in der Nachhaltigkeitsdebatte. Auch theoretische Bezüge von Aquin bis Hegel fehlen nicht und verleihen den Beiträgen die philosophisch-politologische Grundlage. Auffallend pointiert werden die theologisch-ethischen Aspekte der Nachhaltigkeitsidee und deren gesellschaftspolitische Relevanz herausgearbeitet: Sie bilden in einzelnen Aufsätzen sogar die Argumentations- und Geltungsgrundlage. Mit diesen spirituellen Nuancen gespickt, liefert der Band einen möglichen Einstieg für einen noch wenig informierten Leser, der sich dem Thema des ethischen Handelns im Finanz- und Gütermarkt kritisch nähern möchte.

Das Manifest des Symposiums ist im Internet abrufbar.

Zuerst veröffentlich in: 360° Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft, 2/2009: Leitbild Nachhaltigkeit. Hoffnungsträger zwischen Allheilmittel und Zielkonflikten. Erhältlich unter: www.journal360.de

(Rezensiert am: 2009-12-15)

Johannes Hoffmann, Gerhard Scherhorn (Hg.): Eine Politik für Nachhaltigkeit. Neuordnung der Kapital- und Gütermärkte, Altius Verlag, 2009, ISBN-13: 9783932483226, 36.90 €


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