Steven Johnson:

Emergence

The connected lives of ants, brains, cities and software

Eine hervorragende Einführung in eine junge Wissenschaft: Emergenz!

Von Felix Hassert

Mehr als die Summe der Teile

An emergenten Systemen kann man Effekte beobachten, die sich nicht aus den einzelnen Teilen herleiten lassen. Durch die Zusammenarbeit vieler kleiner Bestandteile kann ein neues Verhalten entstehen. So genannte "Agenten", die in ihrem Verständnis von der Umwelt sehr eingeschränkt sind, können eine gemeinsame Intelligenz auf höherer Ebene bilden. Ein klassisches Beispiel dafür sind Ameisen, die es schaffen, ohne hierarchische Führung die gesamte Kolonie in optimaler Weise zu bewirtschaften.

Emergenz taucht auf

Im ersten Teil seines Buchs "Emergence" berichtet der Autor Steven Johnson von der ersten Berührung mit emergenten Systemen. Die Wirkungsweise dieser Systeme widerspricht unserer klassischen "Top-Down"-Denkweise. Dementsprechend schwierig waren auch die ersten Vorstöße und Erklärungsversuche in dieser Richtung. Neben den Ameisen und Termiten ist der Schleimpilz ein prominenter Vertreter dieser Vorgehensweise: der Schleimpilz tritt in Zeiten ausreichender Nahrungsversorgung in Form vieler einzelliger Organismen auf. Wird das Überleben schwieriger entsteht daraus auf wundersame Weise ein Organismus, der sich als Einheit fortbewegt und handelt. Mit diesen Beispielen taucht die Emergenz selbst als neue Denkweise auf, die sich in vielen bestehenden Feldern anwenden lässt.

Städte, Hirne, Software

Im zweiten Teil des Buchs bespricht der Autor die aktuellen Anwendungen und Forschungen im Bereich der Emergenz. Sie kommt nicht nur bei der Stadtplanung zum Einsatz, sondern hilft uns auch unser eigenes Gehirn zu verstehen. Johnson erklärt dabei, wie emergente Effekte entstehen und welchen Regeln sie folgen, wie einfache Agenten mit eingeschränktem Aktionsradius durch Reaktionen auf lokale Phänomene globale Effekte herbeiführen können. Im Bereich der Softwareentwicklung werden einerseits emergente Systeme simuliert andererseits aber auch eingesetzt um bessere Software zu schreiben: "Künstliche Emergenz" ist ein Versuch, sich die selbst-organisierenden Effekte der Emergenz zunutze zu machen, ohne dabei die Kontrolle vollständig abzugeben.

Die Zukunft der Medien

Im dritten und letzten Teil seines 230 Seiten langen Buchs gibt Johnson einen Ausblick auf die mögliche Entwicklung der Emergenz. Gerade die künstliche Emergenz könnte schon in naher Zukunft gravierende Auswirkungen auf unser alltägliches Leben haben: Das Internet mit seinen Millionen von Benutzern bietet einen guten Nährboden für emergente Effekte, die gerade im Bereich der Medien und der Politik Anwendung finden könnten.

Die Teile bilden ein Ganzes

Neben der Emergenz als eigene Wissenschaft sind die Effekte dieser unsichtbaren, ordnenden Hand fast allgegenwärtig; so ist die Emergenz auch in vielen anderen Wissenschaften zu Hause. Johnson verwebt mit ihrer Hilfe Themen aus der Biologie mit Computerspielen, das Internet mit dem Alltag auf städtischen Bürgersteigen, verbindet den Schleimpilz mit der Zukunft unseres Medienverständnisses und schafft es immer noch, dem Leser ein spannendes und folgerichtiges Bild zu präsentieren. Er vermittelt auch komplexe Zusammenhänge mit Leichtigkeit und Lesbarkeit.

(Rezensiert am: 2004-09-26)

Steven Johnson: Emergence. The connected lives of ants, brains, cities and software, Penguin Press, 2001, ISBN-13: 9780713994001, 13.50 €


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