Hannes Stein:

Endlich Nichtdenker!

Handbuch für den überforderten Intellektuellen

Eine Satire auf Lebenshilfe-Ratgeber – irgendwo zwischen unterhaltsam und völlig verrückt!

Von Felix Struening

„Endlich Nichtdenker!“ – ein Titel, der erstaunt. Was kommt nun für ein merkwürdiger Ratgeber, mag man sich fragen. Doch weil Nicht-Denken mal was anderes ist, als Feng Shui, Yoga, Heilen mit Edelsteinen oder Sternzeichen und Aszendent, landet das Buch im Einkaufskorb. Zuhause beginnt dann die Lektüre eines Werkes, dass irgendwie komisch anmutet.

Wer schreibt so was? Und warum?

Zunächst mag man sich nach der Motivation des Autors fragen, ein Buch übers Nicht-Denken zu schreiben. Ist das nicht ein Paradox? Nun, man erfährt recht bald, dass Hannes Stein denkt, dass Denken nichts bringt: „Unsere haarigen Vorfahren begannen, nachdem sie von den Bäumen des Paradieses vertrieben worden waren, sich ihre Affenschädel zu zermartern; und wozu hat die ganze Mühe in zehntausend Jahren Menschheitsgeschichte geführt? Zu Genozid, Tütensuppen und endlosem Händiegebimmel.“ Kein sehr löblicher Schluss über die Kultur unserer heutigen Zeit, aus der übrigens reihenweise zitiert wird. Und um eine solche Kenntnis über Literatur zu haben, muss man ganz schön viel gelesen und gedacht haben.

Der Achtfache Pfad

Jedenfalls soll der überforderte Intellektuelle einen Achtfachen Pfad einschlagen. Er soll ohne Zweifel und Kritik dem Autor folgen. Eben ohne zu denken. Zunächst gilt es im friedlichen Einklang mit allen zu leben, sich zu seiner ethnischen Gruppe bekennen (Tipp: Treten sie einem Schützenverein bei) und seinen Humor auf Kalauer und flache Witze zu reduzieren. Witz und Ironie sind ab sofort tabu. Dann muss das Selbstbewusstsein ausgebaut werden, bis es unzerstörbar ist und Gespräche mit anderen werden des Inhalts beraubt: „Gespräche sollen nur noch dazu dienen, das miteinander auszutauschen, was ohnehin jeder weiß.“ Und am besten man redet ununterbrochen – denn wer zuhört könnte nachdenken müssen.

„Bis heute ist der Nahe Osten – der ja vom Islam dominiert wird – ein Bollwerk des Nichtdenkens geblieben.“

Im sechsten Pfad wird der Leser aufgefordert, zum Islam zu konvertieren. Es sei dies die einzige Religion, die Denken nicht nur überflüssig mache, sondern sogar verbiete. In den beiden letzten Pfaden soll schließlich aufgehört werden zu lesen. Stattdessen empfiehlt der Autor starken Drogenkonsum. Alles gipfelt in dem Tipp, das vorliegende Buch am Schluss zu verbrennen. Sollte das Denken jedoch wieder beginnen, soll man ein neues Exemplar kaufen und wieder verbrennen. Fortgeschrittene dürfen dem Autor den Kaufpreis auch direkt überweisen.

Satire mit hohem Humorbedürfnis

Die Anspielungen auf Lebenshilfe-Ratgeber sind nicht zu übersehen. Allerdings teilt der Autor derart heftig aus, dass schon eine gehörige Portion Humor und Ironieverständnis nötig sind. Irgendwo bekommt alles und jeder sein Fett weg – es ist eine Totalabrechnung mit der denkenden Welt. Doch was soll man von diesem Buch mitnehmen? In sich immer wieder paradox, kann es allerhöchstens dazu bewegen, über sämtliche Esoterikströmungen und ähnliches zu lächeln. Wäre es stattdessen nicht interessant gewesen, zu versuchen eine einfache Lebensphilosophie zu formulieren, statt einfach nur zu negieren? Lebensnah und verständlich, auch wenn man Kant & Co. noch nicht gelesen hat? Schade das so viel Potenzial verloren geht und der Leser mit einem schön gebundenen und geprägten Buch zurückbleibt, von dem er nicht weiß, ob er es verschenken, wegwerfen oder ins Regal stellen soll.

(Rezensiert am: 2004-10-27)

Hannes Stein: Endlich Nichtdenker!. Handbuch für den überforderten Intellektuellen, Eichborn, 2004, ISBN-13: 9783821807508, 14.90 €


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