Karl-Heinz Ott:

Endlich Stille

Tiefgründiger Roman über einen Mann, der nicht „Nein“ sagen kann, über eine bizarre Bekanntschaft mit Folgen und das Geräusch der Stille – spannend, komisch, grausam!

Von Claudio Bini

Die Szene ist aus dem Leben gegriffen: Man lernt auf der Reise jemanden kennen, kommt unfreiwillig ins Gespräch und wartet darauf, dass sich die Wege wieder trennen. Situationen wie diese scheint Karl-Heinz Ott zu kennen. In „Endlich Stille“ erzählt er die Geschichte einer Reisebekanntschaft der anderen Art. Am Bahnhof in Salzburg trifft Otts namenloser Professor der Philosophie auf einen in höherer Sinnlosigkeit lebenden Fremden, der ihm fortan nicht mehr von der Seite weichen will.

Das Unglück nimmt seinen Lauf

Von Anfang an übernimmt dieser Fremde die Führung des ungleichen Duos, erstickt jeden Rückzugsversuch in anfallartigem Wortschwall, schwadroniert über seine Liaison mit einer afrikanischen Hure, über sein Einsiedlerdasein oder die Musik von Schubert und Scarlatti. Nach einer durchzechten Nacht gelingt dem Ich-Erzähler vorerst die Flucht nach Basel. Doch der Parasit ist hartnäckig, spürt sein Opfer auf, nistet sich ein und rülpst rauchend ins Marmeladenglas. Weil der überforderte Professor unfähig scheint, ihm Grenzen zu setzen, weiß man bald nicht mehr, wem von beiden die besetzte Wohnung gehört. Die Lage gerät außer Kontrolle, bis das Geschehen eine Wende nimmt.

Und all das nur aus Angst vor dem Nein-Sagen?

Der anfangs komische Text driftet bewusst ins Surreal-Bedrohliche, wird zur Charakterstudie eines liebevoll hilflosen Philosophie-Trottels, dem die Angst vor Konflikten zum Verhängnis wird. Hinter dieser Angst verbirgt sich ein tiefes Eigenleben der Geschichte, das keinen eigenen Willen der Charaktere duldet. Ott spielt hier literarisch mit Spinozas Theorie der Willensfreiheit. Solange sich der Mensch von seinen Affekten beherrschen lässt, ist er nicht frei, sondern passiv, reagiert nur auf äußere Einflüsse. Die einzig mögliche Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit. Gedanken, die Otts Anti-Helden lähmen. Und so befällt uns das dringende Bedürfnis, laut und deutlich NEIN zwischen die Buchseiten zu schreien.

Dramaturgischer Ursprung

Besonders in den szenischen Bildern der Bars und Cafes wird immer wieder Otts Herkunft vom Theater deutlich. Karl-Heinz Ott ist 1957 in Ehingen bei Ulm geboren, hat Philosophie, Germanistik und Musik studiert, und arbeitet seither als Dramaturg. 1998 erschien sein preisgekröntes Buch „Ins Offene“, das durch stimmungsvolle Landschaftsbeschreibungen überzeugte. Sieben Jahre nach seinem Romandebüt hat er nun eine Geschichte nachgelegt, in der vor allem Musik und Philosophie im Vordergrund stehen.

Das Geräusch der Stille

Otts Roman bedient sich einer schlichten einfachen Sprache, deren Prinzip die Musikalität ist. So zieht sich Schuberts „Wandererfantasie“ motivisch durch den gesamten Roman, begleitet den ruhelosen, heimatlosen Wanderer. Und stets kommt die Stille in der Erzählung zu Wort, wird zum ambivalenten Instrument; einerseits sehnsüchtiges Ziel der gepeinigten Hauptfigur, andererseits ein kaum zu ertragender Laut. „Die Stille hört man nicht, weil sie umso weniger existiert, je länger man sie wahrnimmt.“ Auch wenn nach knapp 200 Seiten der Buchdeckel zugeschlagen ist, „Endlich Stille“ ist ein Roman, der nachklingt.

(Rezensiert am: 2006-01-05)

Karl-Heinz Ott: Endlich Stille. , Hoffmann und Campe, 2005, ISBN-13: 9783455058307, 17.95 €


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