Nikolas Busse:

Entmachtung des Westens

Die neue Ordnung der Welt

Das Ende der westlichen Vorherrschaft kann nur militärisch verhindert werden – eine etwas einseitige Analyse, bei der Innovation und Wissen zu kurz kommen!

Von Klaus-Jürgen Bremm

Wer hätte sich vor nur knapp zwei Dekaden, nach dem Fall der Mauer und dem plötzlichen Ende der Sowjetunion, einen Buchtitel vorstellen können, der von der Entmachtung des Westens handelt und eine neue Ordnung der Welt skizziert? Erschienen doch noch Anfang der 1990iger Jahre die Vereinigten Staaten und ihre westeuropäischen Verbündeten als die strahlenden Sieger im Kalten Krieg. War doch der Kommunismus als weltgeschichtliche Größe sang- und klanglos von der politischen Bühne verschwunden, während die befreiten Völker Mittel- und Osteuropas demokratische Prinzipien und Werte als das einzig Allheilbringende ansahen. Unter der weisen Führung Amerikas erschien tatsächlich das Ende der Geschichte erreicht und der von drückenden Rüstungslasten befreiten Menschheit eine Phase nie gekannten Wohlstandes bevorzustehen.

Vom Ende der westlichen Vorherrschaft

Doch die damalige Euphorie ist längst verschwunden. Wirtschaftskrisen, Kriege auf dem Balkan und im Vorderen Orient sowie eine beängstigende Flut weltweiter Terroranschläge haben allen klar gemacht, dass die Welt weiter denn je vom erhofften Goldenen Zeitalter entfernt ist. Das einst so erfolgreiche westliche Bündnis hat seit der Operation „Iraqi Freedom“ einen erkennbaren Riss erlitten und ist in einen nicht zu gewinnenden Kolonialkrieg am Hindukusch verwickelt. Der politische Islam erhebt sich gegen die scheinbare Bigotterie westlicher Freiheits- und Wohlstandsversprechen und andere Mächte in Asien setzen den Deutungs- und Gestaltungsansprüchen von Europäern und Amerikanern wachsenden Widerstand entgegen.

Der Brüsseler Korrespondent der FAZ, Nikolas Busse sieht in den jetzt beinahe schon im Jahresrhythmus auftretenden Krisen ein Symptom des Übergangs. Wir leben am Beginn einer Epoche, in der die fast 500 jährige Vorherrschaft der Europäer zu Ende geht, warnt er in seiner jetzt beim Propyläen-Verlag erschienenen Studie über die drohende „Entmachtung des Westens“ und spricht sogar alarmierend von einer „globalen Wachablösung“, die vergleichbar mit dem Untergang antiker Großreiche sei. Wirklich neu ist das alles natürlich nicht, denn Denker wie Samuel P. Huntington mit „The Clash of Civilizations“ (1996) oder Robert Kagan „Die Demokratie und ihre Feinde“ (2008) – um nur zwei Beispiele zu nennen – haben das Ende der westlichen Vorherrschaft auf der internationalen Bühne längst vorausgesagt.

China, Indien und die üblichen Verdächtigen

Tatsächlich sieht es so aus, als ob jetzt erst das koloniale Zeitalter mit seiner finalen Phase an sein Ende gelangt, in der die Vereinigten Staaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Rolle des letzten westlichen Stoßtrupps übernommen hatten. Einstige Schwellenländer drängen nun mit aller Macht in die erste Reihe der Weltpolitik und Nikolas Busse zählt hierzu die üblichen Verdächtigen auf. An erster Stelle steht natürlich China mit seiner grundlegend gewandelten Wirtschaft und seinen beeindruckenden Wachstumsraten, gefolgt von dem sich zur IT-Ikone mutierende Indien mit seinen inzwischen mehr als 1,1 Milliarden Einwohnern. Zu dem Club der neuen Mächte rechnet der Autor aber auch das energiereiche Russland, Brasilien und Japan, das seine bisherige Rolle als „harmloser Wirtschaftsriese“ schon bald aufgeben dürfte, allein um sich gegenüber den wachsenden Ansprüchen des Nachbarn Chinas behaupten zu können.

Eine Weltkarte an der Wand des Dienstzimmers eines chinesischen Generals symbolisiert, so Nikolas Busse, wohl am treffendsten die geopolitische Zukunft. Für Europäer ist es gewiss eine gewöhnungsbedürftige Perspektive, Europa und Amerika kartografisch an den Rand gedrängt zu sehen. Doch diese aus asiatischer Perspektive verständliche Marginalisierung der westlichen Welt dürfte, so argumentiert der Autor, zugleich auch schon ein treffendes Bild der globalen Verhältnisse von Morgen sein. Der Einfluss der G-8-Staaten wird weiter schwinden. Brasiliens Präsident Lula da Silva bezeichnete sie im letzten Jahr anlässlich einer Washingtoner Tagung bereits als irrelevante Organisation.

Was vom Westen noch bleibt

Einzig die Vereinigten Staaten, so konstatiert Nikolas Busse, seien noch in der Lage, ihre weltpolitische Rolle weiterzuspielen, allerdings längst nicht mehr allein und unangefochten. Im sich verschärfenden Wettbewerb um strategische Rohstoffe treten China und Indien inzwischen als Global Player am Golf und in Afrika auf und agieren dabei unbelastet von den menschenrechtlichen Skrupeln des Westens. Asien sei keine archaische Vormoderne, die sich westlichen Standards anzunähern habe, formulierte ein chinesischer Historiker das neue Selbstbewusst seiner Nation. Auf diese Herausforderungen wird man Antworten finden müssen, die ausdrücklich auch militärische Optionen einschließen.

Doch für Europa und insbesondere Deutschland sieht der Autor in dieser Hinsicht eher schwarz. Der deutschen Politik und Öffentlichkeit wirft er eine Machtvergessenheit vor, als deren wesentlichste Ursache er die notorische und sträfliche Vernachlässigung der Außenpolitik hierzulande ausmacht. Gesinnungsethische Maßstäbe, unterschwellige Abkoppelungswünsche und ein typisch deutscher „Salonpazifismus“ seien ungeeignete politische Maßstäbe in einer globalisierten Welt, die nach Nikolas Busse eher einer Löwengrube als der erhofften Dorfharmonie ähneln wird.

Eine Remedur für den im Grunde kaum noch zu verhindernden Bedeutungsverlust Europas sieht Nikolas Busse nun vor allem in höheren Rüstungsausgaben und einer verstärkten Bereitschaft, sich in sensiblen Zonen des Weltgeschehens militärisch zu engagieren, vor allem um die zukünftige Energieversorgung sicherzustellen. Da verursacht die mühsam hergestellte Fähigkeit der EU, mit gerade einmal 1500 Mann in 15 Tagen vor Ort zu sein, in der umstrittenen Golfregion nur ein mildes Lächeln.

Militärische Mittel und politische Entschlossenheit

Es wird ungemütlicher auf dem Globus und die europäische Sehnsucht, sich irgendwie davon abzukoppeln und den Rückzug in eine Nische des Wohlstandes anzutreten, erscheint indes verständlich. Zumal wenn Nikolas Busse die sich abzeichnende Großkonkurrenz um Energie und Ressourcen mit der Hochphase des Imperialismus vor dem Ersten Weltkrieg vergleicht. Immerhin verfügen inzwischen auch einige andere Staaten über Nuklearwaffen, die jede Form westlicher Interventionen im Stile einer klassischen Kanonenbootpolitik zu einer apokalyptischen Gratwanderung geraten lassen könnten.

Nikolas Busse argumentiert in seiner Studie, die er selbst als einen Essay einstuft, entlang den Grundlinien klassischer Realpolitik. Für ihn sind militärische Mittel und politische Entschlossenheit weiterhin eine wichtige Option des Westens, um Einflusssphären abzustecken und internationale Stärke zu demonstrieren. Allein die Vereinigten Staaten sieht er hier noch auf dem richtigen Weg und lobt daher ihre Nahostpolitik zumindest in ihrer strategischen Zielsetzung. Wäre die von der Bush-Administration angeblich angestrebte Demokratisierung des Nahen Ostens gelungen, hätte dies tatsächlich ein wichtiger Eckpfeiler für die Selbstbehauptung des Westens sein können. Die Frage ist nur, ob dieses Vorhaben jemals eine Chance auf Verwirklichung hatte.

Wissen – nicht Militär ist des Westens Vorteil

Man mag es mit dem Autor bedauern, dass die Vereinigten Staaten und Europa ihr Monopol bei der Gestaltung des Weltgeschehens allmählich verlieren. Doch war diese ausgesprochen lange Phase in der Menschheitsgeschichte nicht zugleich auch ein Ausnahmezustand, in dem sich die westlichen Gesellschaften weniger auf die zukunftsfähige Ausgestaltung ihrer inneren Verhältnisse konzentrieren konnten? Ständige Kolonialkriege oder militärische Interventionen mit ihren kaum zu vermeidenden und brutalen Völkerrechtsverletzungen gefährdeten die Stabilität, den sozialen Interessenausgleich und nicht zuletzt auch die zivile Prägung ihrer Bevölkerungen.

Dies aber sind fraglos Errungenschaften einer komplexen Moderne und zugleich wertvolle strategische Vorteile westlicher Staaten im globalen ökonomischen Wettbewerb, die Nikolas Busses militärfromme Argumentation schlicht ignoriert. Die von ihm genannten Schwellenländer müssen sie erst noch erreichen oder können sie, wie im Falle Chinas, nur unter brutalen Zwang aufrechterhalten. Die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels vor allem in Asien sind dabei noch nicht einmal in Rechnung gestellt. Dass die Handlungsfreiheit eines Staates und sein Ansehen in der Welt durch Militärinterventionen eher in Mitleidenschaft geraten können, zeigt zudem das Beispiel der Vereinigten Staaten, deren ohnehin hoffnungslos verschuldete Volkswirtschaft nun neue gigantische Belastungen aus dem immer noch schwellenden Irakkrieg schultern muss.

Nikolas Busse übersieht in seiner Analyse vor allem, dass die Jahrhunderte lange Überlegenheit des Westens vor allem durch technische Innovationen zustande gekommen war. Die Europäer waren die ersten, die das Schießpulver perfektionierten und Kanonen gossen, die auf Schiffen eingesetzt werden konnten. Sie entwickelten die zivile und militärische Nukleartechnologie, die Computerindustrie und mit Sicherheit in absehbarer Zukunft auch die ersten marktfähigen Elektro- und Hybridfahrzeuge. Jede bedeutende technologische Innovation der vergangenen Jahrhunderte kam aus dem Westen, die Schwellenländer haben dies alles bisher nur kopieren können. Wenn der Westen jedoch seinen technologischen Vorsprung als strategische Ressource erhalten will, muss er viel mehr noch als bisher in die notwendigen Voraussetzungen investieren: Eine gesunde Mischung aus gesellschaftlichen Frieden und Konkurrenz sowie vor allem Wissenschaft und Bildung. Davon schreibt der Autor leider kein Wort.

(Rezensiert am: 2009-12-21)

Nikolas Busse: Entmachtung des Westens. Die neue Ordnung der Welt, Propyläen Verlag, 2009, ISBN-13: 9783549073339, 22.90 €


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