Roger Crowley:

Entscheidung im Mittelmeer

Europas Seekrieg gegen das Osmanische Reich 1521-1580

Die islamische Eroberung Europas scheiterte nicht nur vor den Toren Wiens, sondern bereits im 16. Jahrhundert im Mittelmeer!

Von Klaus-Jürgen Bremm

Das 16. Jahrhundert war das erste Zeitalter eines weltumspannenden Kampfes, in dem sich auf heute kaum noch vorstellbare Weise politisches Kalkül und Glaubenseifer miteinander mischten. Im Zentrum der Auseinandersetzung standen das katholische Spanien und das Osmanische Reich, dessen Herrscher als religiöses Oberhaupt aller Moslems zugleich auch die dauernde Verpflichtung zum Djihad gegen die ungläubigen Königreiche im Westen hatte.

Der universale Machtanspruch des Islam scheiterte jedoch nicht nur vor den Toren Wiens, sondern auch an den zerschossenen Mauern Maltas und der bunt gemischten Galeerenflotte eines blutjungen spanischen Granden in der Meerenge von Lepanto.

Das Osmanische Reich vor den Küsten Europas

Dass große Teile des Westens christlich blieben und über Glaubensspaltung und Aufklärung ihren Weg in die Moderne antreten konnten, verdankt sich auch einem rund 60 Jahre verbissen geführten Kampf im Mittelmeer, den der britische Historiker Roger Crowley in seinem jüngst in deutscher Übersetzung erschienenen Buch eindrucksvoll beschreibt.

Nach der Einnahme der Johanniterfestung auf Rhodos im Jahre 1521 entfaltete das Osmanische Reich mit Hilfe tollkühner Korsaren seine Macht nun auch zur See und drohte sich an den Küsten des westlichen Mittelmeeres festzusetzen. Als Verbündete des Königs von Frankreich durfte die Flotte des Sultans im Jahre 1543 sogar den Hafen von Toulon anlaufen und dort einen Winter ausharren. Nirgendwo allerdings hinterließ der Abzug der Moslems aus ihrer Stadt größere Erleichterung als bei den Untertanen des allerchristlichsten Monarchen Franz I., nachdem sie erstaunt hatten mit ansehen müssen, wie aus ihrer Kathedrale eine Moschee geworden war und der fünfmalige Gebetsruf des Iman einen französischen Besucher sogar zu der Feststellung brachte, dass man sich in Toulon bereits in Konstantinopel wähne.

Malta als strategischer Schlüsselpunkt

Einen großen Teil seiner Schilderung widmet Crowley der Belagerung von Malta, einem monatelangen unglaublichen Gemetzel, in dem sich die Johanniter unter ihrem Großmeister Jean Parisot de la Valetta, anders als rund 40 Jahre zuvor auf Rhodos, gegen eine erdrückende osmanische Übermacht halten konnten.

Wie später im Zweiten Weltkrieg erwies sich die felsige Insel zwischen Tunis und Sizilien als Schlüsselgelände und ihre Behauptung entschied schließlich hier wie dort den Kampf ums Mittelmeer.

Von Konvertiten und Unterwürfigen

An zahlreichen Stellen seines Buches macht Crowley deutlich, dass der Konflikt der religiösen Vormächte auch seine breiten Grauzonen hatte. Auf osmanischer Seite kämpften nicht nur Türken, Berber oder Araber, sondern auch zahllose zum Islam konvertierte Christen aus den unterworfenen Ländern des Balkans und sogar Renegaten aus Italien, Spanien und den Niederlanden. Oft entfalteten gerade sie einen besonderen Glaubenseifer, da ihnen ihre neuen Herren nie ganz trauten, letztlich aber auf ihr oft beträchtliches seemännisches Know-how angewiesen waren.

Als traditionelle Handelsmacht mit zahlreichen Verbindungen in die Levante gelang es auch Venedig lange Zeit mit Geschick und gezielter Unterwürfigkeit, seine Neutralität zu bewahren. Die Serrenisima scheute sich sogar nicht, zur Besänftigung des Großherrn in Konstantinopel dessen Siege über christliche Flottenverbände mit Glockengeläut zu feiern, während Frankreich, im ständigen Würgegriff der Habsburger, schon beinahe als traditioneller Verbündeter der Hohen Pforte galt.

Gekonnte Mischung

Crowleys weiß in bester angelsächsischer Tradition die Vitae seiner bedeutendsten Protagonisten wie die der beiden berüchtigten Barbarossabrüder oder des ergrauten Helden von Malta, Jean Parisiot de La Valetta, mit der politischen Geschichte sowie wichtigen Hintergrundinformationen zu einem eindrucksvollen Erzählstrang zu verknüpfen. Eine Erörterung von Forschungsfragen findet nur ansatzweise statt. Dies erscheint zunächst angenehm, weil es den Fluss der Darstellung nicht stört, doch wäre man als Leser durchaus interessiert gewesen, etwa zu erfahren, inwieweit die in den Quellen geschilderten unglaublichen Grausamkeiten und barbarischen Foltermethoden besonders auf türkischer Seite tatsächlich das Bild dieser Kämpfe geprägt haben oder wenigstens zum Teil als christliche Propaganda abgetan werden müssen.

Das Buch ist mit einem Register und einer ausführlichen Bibliografie versehen. Die Ausstattung mit Karten hätte großzügiger ausfallen können. Abbildungen fehlen leider ganz. Insbesondere vermisst man hier ausführliche Darstellungen der eingesetzten Schiffstypen wie etwa der typischen Galeere. Trotzdem bleibt Crowleys Band, wie schon seine Darstellung der Eroberung von Konstantinopel, eine überaus lesenwerte und aufschlussreiche Lektüre, gerade in einer Zeit, da der Islam in Europa erneut eine zunehmend größere Rolle einzunehmen droht.

(Rezensiert am: 2009-10-08)

Roger Crowley: Entscheidung im Mittelmeer. Europas Seekrieg gegen das Osmanische Reich 1521-1580, Theiss, 2009, ISBN-13: 9783806222852, 22.90 €


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