Chuck Palahniuk:

Fight Club

Der böse Abgrund der menschlichen Seele - viel besser als in der Verfilmung!

Von Felix Struening

Der Ich-Erzähler ist ein durchschnittlicher Mann: schlecht bezahlter Job, Wohnungseinrichtung von Ikea, Langeweile und Trostlosigkeit. Er ist so durchschnittlich, dass er nicht einmal einen Namen erhält. Dieser Mann lebt tief in seinen Träumen und Vorstellungen von Anarchie und elementaren Verhaltensweisen. Wie der Leser erst am Schluss des Romans richtig erfährt, leidet der Protagonist an Schizophrenie und erfindet Tyler Durden, sein genaues Gegenstück. Tyler ist gutaussehend, stark und selbstsicher. Alle gehorchen ihm. Wenn der Protagonist schläft, handelt er als Tyler und fühlt sich deswegen die ganze Zeit, als hätte er gar nicht geschlafen. Tyler baut den Fight Club auf - ein Treffen von Männern, bei dem gekämpft wird, bis einer erschlafft oder „stopp“ sagt. Die erste Regel des Fight Clubs lautet: „Sprich niemals über den Fight Club!“ Das Projekt weitet sich aus zu einer riesigen Anarchie-Gruppe, die überall Anschläge verübt. Als der Ich-Erzähler seine Persönlichkeitsspaltung versteht, versucht der das Geschehen zu stoppen, wird jedoch von seiner selbstgeschaffenen perfekten Maschinerie überrollt. Wem die Verfilmung des Buches gefallen hat, der sollte das Buch unbedingt lesen, das es noch viel tiefer in die bösen Abgründe der menschlichen Seele steigt. In lockerer Sprache führt der Autor den Leser schnell in eine deprimierende Welt ein. Durch bekannte Phrasen, wie z. B. die Ansagen im Flugzeug bzgl. der Sitze, Anschnallgurte und des Rauchens, die immer wieder im laufenden Text eingebunden sind, visualisiert sich dem Leser der Hintergrund der Handlung besonders gut. Auch die Langeweile des Protagonisten bzw. seiner anderen Persönlichkeit wird klar deutlich, wenn sie in Kinderfilme einzelne pornografische Bilder einkleben oder in die Suppe von reichen Leuten onanieren. Nur die vielen kleinen Zeitsprünge erschweren vorübergehend das Verständnis der Handlung. Die Aussichtslosigkeit der Unterfangen und der krankhafte Hang zur Anarchie weitet sich schnell aus und wird dem Leser erschreckend nah vors Auge geführt, wenn er als Ziel von Tyler eine „kulturelle Eiszeit“ definiert bekommt oder als Lebenseinstellung folgende liest: „Recycling und Geschwindigkeitsbegrenzungen sind Quatsch. Das ist, wie wenn jemand auf dem Totenbett das Rauchen aufgibt.“ Fight Club ist eine beängstigende Anti-Utopie ähnlich „1984“ von George Orwell - beängstigend vor allem weil sie nicht in der Zukunft geschieht, sondern jetzt hier und überall entstehen könnte.

(Rezensiert am: 2003-01-01)

Chuck Palahniuk: Fight Club. , Knaur, 1999, ISBN-13: 9783426616178, 0.00 €


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