Norbert Frei, Ralf Ahrens, Jörg Osterloh, Tim Schanetzky:
Vom Aufstieg an Fall eines deutschen Unternehmers – leider beschränkt sich die Biografie auf die betriebswirtschaftliche Perspektive!
Von Klaus-Jürgen Bremm
Zählte Friedrich Flick tatsächlich zu den großen deutschen Unternehmerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts oder war er nur ein besonders geschickter Börsenspekulant, der seinen beachtlichen Konzern durch virtuos vollzogene Tauschaktionen, politische Protektion und beinharte Verhandlungsführung errichtete? Besaß der zweitälteste Spross eines Siegerländer Holzhändlers vielleicht doch eine unternehmerische Vision oder erwarb er seine späteren Beteiligungen vor allem nach dem Prinzip der Zweckmäßigkeit? Was bewegte diesen unnachgiebigen Firmenpatriarchen im Innersten, dem es immerhin gelang, unter drei verschiedenen Regimen seine jeweils vor dem Untergang stehende Firmengruppe zu konsolidieren und zu neuem Glanz zu führen? War es tatsächlich nur der nie erfüllte Wunsch, zu der Gruppe der renommierten Ruhrbarone aufzuschließen und eine eigene Firmendynastie zu gründen?
Unkonventioneller Ansatz mit fragwürdigem Blickwinkel
Die jetzt von einem vierköpfigen Forscherteam um Professor Norbert Frei präsentierte Flick-Biografie – die dritte innerhalb von nur zwei Jahren – versucht auf die genannten Fragen eine plausible Antwort zu geben. Ihr Ansatz dazu ist jedoch unkonventionell und für den Leser herausfordernd. Gewiss lässt sich die ungewöhnliche Persönlichkeit des Außenseiters Flick durch seine rastlose unternehmerische Tätigkeit am ehesten erfassen. Sein Konzern wird so zum Spiegelbild eines Lebens, das andere Orientierungen, vor allem aber private Interessen scheinbar nicht kannte und von dem letztlich nur einige, bewusst an die Öffentlichkeit lancierte Klischees die bisherigen Biografien füllen.
Als eigenwillige Alternative zu einer konventionellen Biografie präsentieren die Autoren eine sich über mehrere Hundert Seiten hinziehende akribische Schilderung fast aller Börsenmanöver und juristischen Winkelzüge, mittels derer Flick schon gegen Ende der Weimarer Republik erstmals zum Konzernchef aufgestiegen war. Selbst für einen betriebswirtschaftlich vorgebildeten Leser ist diese beinahe naturalistische Narration einer verwirrenden Abfolge von Beteiligungsverhältnissen und Eigentums-Schachtelungen auf endlosen Seiten eine echte Zumutung.
Erstaunt nimmt man dabei zur Kenntnis, dass familiäre Verhältnisse nur in dürren Worten zur Sprache kommen. Welche Rolle in Flicks Leben spielte etwa seine Frau, die sich immerhin in einem späteren Streit mit seinem ältesten Sohn Otto Ernst überraschend deutlich auf Seite ihres Gatten stellte? War sie tatsächlich in der über fünfzig Jahre dauernden Ehe der geduldig schweigende Partner, über den die Biografen einfach hinwegsehen können? Auch den Tod des zweitältesten Sohnes in den ersten Tagen des Russlandkrieges erwähnen die Autoren nur mit einem Satz. Dass dieser Verlust jedoch Flick massiv aus dem Gleichgewicht gebracht hat und in den letzten Kriegsjahren eine ständige Belastung war, erfährt der Leser erst im Epilog und wundert sich noch einmal über diese künstliche Sezierung des biografischen Stoffes.
Wie ging Flick überhaupt mit anderen Interessen um, die nicht dem ausschließlichen Erhalt seines Wirtschaftsimperiums dienten? Gab es hier Konfliktlinien innerhalb der Familie? Gab es vielleicht Freunde oder wenigstens langjährige geschäftliche Wegbegleiter, zu denen Flick ein Vertrauensverhältnis aufbaute? Und überhaupt: Darf in einer Konzerngeschichte die Frage nach dem Verhältnis des Firmenpatriarchen zu seinen Mitarbeitern und zu seinen Belegschaften fehlen? Das beharrliche Schweigen der angeblichen Biografen zu diesen Punkten irritiert sehr und der apologetische Hinweis auf die beschränkte und unzuverlässige Quellenlage kann hier keinesfalls überzeugen.
Unpolitische Nähe zur Politik – auch im Dritten Reich
Trotz seiner ständigen Nähe zur Politik war Friedrich Flick kein „Zoon politikon“ und genau diese programmatische Zurückhaltung machte ihn und seine Konzerne unter wechselnden deutschen Systemen und selbst gegenüber den zunächst feindseligen Alliierten erst überlebensfähig. Abgesehen von seiner anfänglichen Nähe zur DVP Gustav Stresemanns lassen sich später besondere politische Überzeugungen offenbar kaum ausmachen. Flicks unpolitische Nähe zur Politik ergab sich jedoch auch aus der strategischen Natur seiner Branche. Die Montanindustrie galt stets als besondere nationale Ressource und war damit zugleich ständiger Gegenstand höchster politischer Interessen. Flicks unternehmerische Tätigkeit war damit zugleich auch immer Politik par Excellence, aber eben ohne ideologischen oder programmatischen Hintergrund.
Seine außergewöhnliche politische Indifferenz bewahrte den Industriellen immerhin davor, persönlich in eine allzu große Nähe zur Nazidiktatur zu treten. Hitler traf er nur zweimal, zu Himmler und Göring schien er jedoch ein besseres Verhältnis zu haben. Spenden flossen in dieser Zeit so reichlich wie später auch an die demokratischen Parteien in der Bundesrepublik.
Flick fiel jedoch während des Dritten Reiches weder durch besonderen Eifer noch durch besondere Zurückhaltung auf. An den Arisierungsprogrammen beteiligte er sich wie fast alle anderen Größen der deutschen Wirtschaft nach Möglichkeit und bewegte sich auch im Umgang mit Zwangsarbeit im Rahmen der damaligen inhumanen Praxis. Der Vorwurf der Unmenschlichkeit traf ihn daher ebenso wie andere deutsche Wirtschaftsführer, die jedoch nicht auf der Nürnberger Anklagebank landeten. Insofern konnte sich Flick mit einer gewissen Berechtigung einreden, von den Alliierten stellvertretend für die deutsche Unternehmerschaft angeklagt und verurteilt worden zu sein.
Branchenwechsel in der Nachkriegszeit
Gleichwohl gelang es Flick nach seiner verkürzten Haftzeit in Landsberg, die Jahre des deutschen Wirtschaftswunders zum Aufbau eines dritten Konzerns zu nutzen, der an Umfang und Ertragskraft seine Vorläufer noch übertraf. Das brachte ihm auch erstmals in den Medien die lang ersehnte Anerkennung ein. Tatsächlich war es aber nicht unternehmerische Weitsicht, die den inzwischen 70-jährigen zum Einstieg in die bald darauf boomende Automobilindustrie veranlasste, sondern das von den Alliierten durchgesetzte Entflechtungsgebot für die deutsche Montanindustrie. So zwang die Politik den Unternehmer Flick praktisch zu seinem Glück, in dem sie ihn veranlasste, seine Beteiligungen an einer bald veraltenden Industrie zu veräußern und die beträchtlichen Verkaufserlöse in die zukunftsträchtige Automobilbranche zu investieren.
Ein vierter Paradigmenwechsel gelang dem in den 1960iger Jahren schon hoch in den Achtzigern stehenden Flick nicht mehr, zumal ihn die Nachfolgeregelung in einen langjährigen Rechtsstreit mit seinem ältesten Sohn Otto Ernst Flick verstrickte. So wurde der mögliche Einstieg in die Computerindustrie versäumt und überhaupt zeigte sich jetzt, dass eine patriarchalische Firmenführung mit nur wenigen Getreuen unter den Bedingungen des nachlassenden Wirtschaftswunders einer modernen Produktion mit ihrem ständig steigenden Kapitalbedarf nicht mehr gerecht wurde. So war es dann nur konsequent, dass Flicks jüngster Sohn Friedrich Karl den Konzern nach einem die Republik aufwühlenden Spendenskandal in den 1980iger Jahren schließlich liquidierte und sich in ein behagliches Frührentnerdasein zurückzog.
Gemischtwarenladen mit einigen Synergieeffekten
Das Urteil der Autoren über Flicks Lebensleistung bleibt dann auch ambivalent. Der Aufbau eines Konzerns aus kleinsten Anfängen verdient ohne Frage Respekt, weniger jedoch sein Verhalten gegenüber den Entschädigungsforderungen der Zwangsarbeiter. Als Wirtschaftsführer überzeugte Flick ebenfalls nur bedingt. Über die Gründung eines Familienkonzerns ging seine Vision nicht hinaus. Doch genau diese Idee aus dem 19. Jahrhundert war es, die schließlich sein Lebenswerk in der Phase des Übergangs auf seine Erben zum Scheitern brachte. Flicks Konzern war genau genommen nie mehr als ein Gemischtwarenladen mit einigen Synergieeffekten. Auch dies wohl ein Grund für sein Scheitern.
Es bleibt das Verdienst der Autoren, die ganze Geschichte des Konzerns erzählt zu haben, ohne die wohlfeile Konzentration auf das Dritte Reich. Doch ihr einseitiger Schwerpunkt auf den betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Aspekt der Geschichte dieses eigenwilligen Unternehmerlebens wird ihrem biografischen Anliegen leider nicht ganz gerecht und macht das Buch zu einer schwierigen Lektüre.
(Rezensiert am: 2009-11-19)
Norbert Frei, Ralf Ahrens, Jörg Osterloh, Tim Schanetzky: Flick. Der Konzern, die Familie, die Macht, Karl Blessing Verlag, 2009, ISBN-13: 9783896674005, 34.95 €
| BuchTest Services | ||
|
|
| Politik | Länder & Kulturen | Job & Karriere | Mensch & Leben | Philosophie | |
|
|
||
| © Copyright Buchtest.com | Impressum | Kontakt |