Chris Anderson:

Free – Kostenlos

Geschäftsmodelle für die Herausforderungen des Internets

Im Internet wird irgendwann alles kostenlos – so verdient man trotzdem Geld damit!

Von Felix Struening

Im Internet ist Free ist keine Option, sondern ein Muss. In der Ökonomie der Bits sinken die Grenzkosten der eingesetzten Technologien jährlich und die reale Möglichkeit eines Wettbewerbs führt zu Preisen um Null. Eben zu Free, Kostenlos, Gratis – oder wie auch immer man es bezeichnen möchte. Doch wie dann noch Geld verdienen? Die Weisheit besteht darin, die Kernprodukte kostenlos unters Volk zu bringen und sein Geld mit anderem zu verdienen, so Chris Anderson in seinem neuen Buch „Free – Kostenlos“. Dafür stünden im Wesentlichen drei Modelle zur Verfügung.

Direkte Quersubventionierung

Es begann wohl vor gut hundert Jahren: Ein cleverer Unternehmer erstellte für das bisher nahezu unverkaufbare – da in seiner Anwendung unbekannte – Produkt Gelatine Kochbücher und verteilte diese kostenlos an die Haushalte. Doch die Rezepte machten erst Sinn, wenn man auch die Gelatine hatte, die jedoch käuflich erworben werden musste. Wenig später folgte das noch viel erfolgreichere Modell der Gilette Rasierer. Letzteren gab es massenhaft kostenlos, zum Beispiel für die komplette Armee. Die Wechselklingen hingegen, mit denen der Rasierer erst nutzbar wurde, kosteten und brachten dem Unternehmen ein Vermögen.

Heute kennt man das Free Modell der direkten Quersubventionierung vor allem durch den Mobilfunkbereich. Die Handys erhalten wir für gewöhnlich geschenkt, Gesprächs- und andere Übertragungsgebühren lassen uns aber tief in die Tasche greifen. Weitere Beispiele gibt es genug: Open Source Software ist zwar frei, auf Unternehmen zugeschnittene Versionen, Hardware und anderer Service drum herum kosten aber. Musik und eBooks werden vermehrt kostenlos zum Download angeboten, dies trägt aber zur Bekanntheit des Autors bzw. Künstlers bei und kurbelt den Umsatz an anderen Stellen an. So verdienen Musiker an Konzerten und Werbung, Autoren an Vorträgen und Lesungen und nicht zuletzt den Büchern aus Papier.

Drei-Parteien-Märkte

Das Prinzip des Drei-Parteien-Marktes ist am besten aus den Medien bekannt: Leser bzw. Kunden erhalten kostenlos oder nahezu kostenfrei vom Anbieter Informationen und Unterhaltung. Dafür müssen sie die Werbung dritter Parteien hinnehmen, die wiederum den Anbieter (teil-)finanziert. Bisher war dieser Markt durch klare Richtlinien auseinander zu halten, also die Trennung von redaktionellen und werblichen Inhalten gegeben oder zumindest angestrebt. Durch Google AdWords entsteht hier jedoch eine neue Kombination, da die Textwerbung möglichst nah an den gesuchten und/oder gelesenen Inhalten orientiert ist. Was also in gedruckten Medien oder im Fernsehen zu Skandalen und Misstrauen geführt hätte, wird im Internet als Zielgruppen-genaue Werbung nicht nur hin- sondern auch angenommen.

Die Akzeptanz dessen dürfte übrigens mit dem veränderten Informations-Aufnahme-Verhalten zu erklären sein, bei dem die klassischen Medien als Gatekeeper immer mehr wegfallen und wir durch Suchmaschinen und Social Media organisiert unsere Informationen selbst aktiv zusammen suchen.

Freemium

Das dritte Free Model wird gerne Freemium genannt, ein Neologismus, der den Unterschied zu Premium darstellen soll. Im Prinzip handelt es sich hier um die Subventionierung eines Kundensegmentes durch ein anderes. Sprich: Viele Kunden erhalten beispielsweise die Basisversion eines Dienstes umsonst, für die umfangreichere Vollversion muss jedoch gezahlt werden, was nur wenige Kunden mit einem höheren Anspruch an den Dienst tun. Für den deutschen Markt kann hier vor allem das Business-Netzwerk Xing aufgeführt werden, das im Gegensatz zu Facebook mit seinen Premium-Accounts guten Umsatz generiert, während ein Großteil der Nutzer nur die kostenfreie Mitgliedschaft benutzt. Glaubt man dem Autor, kann dabei ein Verhältnis von 95 Prozent Free(mium) zu fünf Prozent Premium wirtschaftlich durchaus funktionieren.

Free als Theorie und Praxis

Chris Anderson hat 2004 mit seinem Bestseller „The Long Tail“ gezeigt, wie das Internet den globalen Markt für Nischenprodukte eröffnet. Die Kosten für Bereitstellung und Verkauf sinken im Web dermaßen, dass mit vielen Nebenprodukten durchaus mehr Umsatz gemacht werden kann, als mit wenigen Bestsellern. Mit „Free – Kostenlos“ will er diese Entwicklungen nun konsequent weiterdenken, die mittlerweile von vielen Autoren diskutiert werden. So musste der US-amerikanische Rechtsprofessor und Gründervater der Creative Commons, Lawrence Lessig, 2005 in seinem Buch „Freie Kultur“ noch einen massiven Kreuzzug gegen das Copyright bestreiten. Don Tapscott und Anthony D. Williams konnten zwei Jahre später bereits optimistisch von den Internetnutzern als „Wikinomics“ sprechen und Jeff Jarvis hat 2009 mit „Was würde Google tun?“ ein regelrecht visionäres Buch über das Internet-Business der Zukunft und die damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Entwicklungen geschrieben.

Dennoch scheint es, als meinte Chris Anderson seine Theorie des Free massiv verteidigen zu müssen. Mit etwas zu viel Geschichtsbemühung – wer will schon seitenweise den Kampf von Microsoft gegen Open Source und von Yahoo gegen GMail nachvollziehen – und einer gehörigen Portion Wirtschaftstheorie wird das Buch manchmal etwas schwerfällig. Dazu passend gibt der Autor mit seiner Art und Weise der Bezeichnung einen lexikalischen Stil vor. So wird „14 Einwänden gegen Free“ widersprochen, es gibt die „zehn Grundregeln für das Denken im Überfluss“ (die dann doch nur neun sind) sowie die „Freemium-Taktiken“ und nicht zuletzt „50 Geschäftsmodelle für Free“.

Zahlreiche, in Infokästen hervorgehobene Beispiele aus der Praxis, verdeutlichen das Free wirklich funktioniert. Gleichzeitig versucht Chris Anderson Phänomene wie Wikipedia oder das Mooresche Gesetz zu erklären. Anscheinend konnte sich der Autor nicht ganz entscheiden, ob das Buch ein Wirtschaftsratgeber sein soll oder ein Sachbuch zur Wirtschaftsentwicklung.

Free als Wirtschaftsmodell des 21. Jahrhunderts?

Chris Anderson verspricht, dass das Free des 21. Jahrhunderts revolutionär verschieden sei von dem des 20. Jahrhunderts. Damals sei Free lediglich Marketing gewesen, heute stelle es ein völlig neues Wirtschaftsmodell dar. Doch eigentlich stimmt dies in struktureller Hinsicht nicht. Auch jetzt haben wir es mit den drei bekannten Modellen von Free – Quersubvention, Drei-Parteien-Märkten und Freemium – zu tun. Der Unterschied liegt lediglich im Zwang der Ökonomie der Bits (im Gegensatz zur Ökonomie der Atome) zum Free und dadurch in seiner viel größeren Verbreitung.

Der genaue Blick auf den (deutschen) Untertitel des Buches macht dabei deutlich, dass das Neue am Free des 21. Jahrhunderts eigentlich nur seine Unausweichlichkeit im Internet bedeutet. Zu sehen ist dies auch am Buch selbst: Die gedruckte Version aus Atomen kostet natürlich, im Internet war das englische eBook eine Zeit lang kostenlos abrufbar und das vom Autor selbst vorgelesene Hörbuch kann man noch immer kostenlos downloaden. Die jüngeren Generationen – bereits Generation Google oder Free genannt – reagieren dabei auf den Autor nur mit Achselzucken. Für sie ist Chris Andersons Buch nichts wirklich Neues. Für alteingesessene Unternehmer vielleicht schon.

Man muss Chris Anderson aber zu Gute halten, dass er bei all seiner Überzeugung von Free nicht vorgaukelt, es wäre leicht, ein Free-Geschäftsmodell zu entwickeln, mit dem man auch noch Geld verdient. Selbst die ungeheuer beliebten Social Networks Facebook und Twitter haben bisher keine wirkliche Ahnung, wie sie Gewinn erwirtschaften sollen. Vor dem Beginn der Finanzkrise Ende 2008 war das noch weniger ein Problem, da strebten Startups einfach noch den Exit an, also den Verkauf ihrer mit den beiden Internetwährungen – Aufmerksamkeit (Traffic) und Image (Links) – gut bedachten Ideen. Doch derzeit zählt einfach nur der Cashflow. Free funktioniert auch in der Krise, so Chris Anderson. Nur müsse es eben noch gezielter mit kostenpflichtigen Modellen kombiniert werden.

(Rezensiert am: 2009-09-18)

Chris Anderson: Free – Kostenlos. Geschäftsmodelle für die Herausforderungen des Internets, Campus, 2009, ISBN-13: 9783593390888, 39.90 €


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