Kai Hafez:
Von der Chance auf eine islamische Demokratie – eine Diskussion der eurozentristischen Sicht, die leider nicht überzeugt!
Von Klaus-Jürgen Bremm
Klafft der mentale Graben zwischen Islam und Westen doch nicht so tief und unüberbrückbar wie es der immer wieder gern zitierte kulturalistische Ansatz von Samuel P. Huntington („Kampf der Kulturen“) oder Bernard Lewis nahe legen will? Sind Islam und Demokratie, Orient und Moderne tatsächlich zwei grundsätzlich unvereinbare, ja einander widersprechende Lebenswelten? Folgt man dem Erfurter Kommunikationswissenschaftler und langjährigen Mitarbeiter des renommierten Hamburger Orientinstituts Kai Hafez, so ist eine Neuorientierung in dieser die Öffentlichkeit in den westlichen Demokratien nach wie vor bewegenden Frage dringend geboten.
Islam als Reform-Potenzial?
Dazu kann Kai Hafez in seinem jetzt beim Bielefelder Transcript Verlag erschienenen Buch eine beeindruckende Fülle von Stimmen aus den Islam- und Politikwissenschaften heranziehen, die den kulturalistischen Ansatz gründlich zu widerlegen scheinen. Die Gesellschaften des nahen und mittleren Ostens befänden sich längst in einem raschen Umbruch, Demokratie, Rechtssicherheit und individuelle Freiheiten ständen auf der politischen Wunschliste der meisten Menschen in dieser krisengeschüttelten Region an erster Stelle. Wie diese Umfragen und ihre Resultate zustande gekommen sind, erklärt der Autor allerdings nicht.
Kai Hafez argumentiert, dass nun gerade islamische oder sogar islamistische Strömungen, die er wiederholt mit der Reformbewegung der europäischen frühen Neuzeit vergleicht, das größte politische Potenzial besäßen, die derzeit noch autoritären Regime im islamischen Kerngebiet zu verändern und möglicherweise sogar, wie in der Türkei bereits geschehen, einer funktionierenden Demokratie den Weg zu ebnen. Zwar bestreitet auch er nicht die anti-säkulare Tendenz vieler dieser jetzt noch fundamentalistischen Bewegungen, wie etwa die der ägyptischen Moslembruderschaft, setzt aber darauf, dass sie sich auf dem Wege zu einer demokratischen Veränderung ihrer Gesellschaften zu einem Dialog mit den säkularen Kräften bereitfinden könnten. Überhaupt seien fundamental-islamische Bewegungen die aussichtsreichsten Protagonisten auf dem Wege zu neuen nahöstlichen Demokratien, da ihre antiautoritäre Programmatik, wie schon bei den ebenso unduldsamen europäischen Reformatoren, auf eine für die Massen verständliche religiöse Sprache zurückgreift.
Auch der Westen hat nicht nur Demokratie hervorgebracht
Auch die Demokratien des Westens konnten bis in das letzte Jahrhundert auf religiöse Deutungsmuster in der Politik nicht völlig verzichten, dies gilt insbesondere für die Vereinigten Staaten von Amerika. Nahöstliche Demokratien ohne Demokraten scheint daher nach Kai Hafez Ansicht durchaus kein Widersinn, immerhin habe sich auch in Spanien und Portugal der Wechsel von autoritären Regimen zu stabilen Demokratien ohne starke demokratische Bewegungen vollzogen. Entscheidend sei in den 1970er Jahren auch das außenpolitische Umfeld in Europa gewesen, das eine Fortsetzung diktatorischer Regierungen praktisch ausschloss. Ebenso müsste sich auch die Politik der westlichen Staatengemeinschaft gegenüber den islamischen Staaten ändern und die bisherige neo-imperialistische Interventionsstrategie zugunsten eines fördernden und fordernden Dialoges, vergleichbar dem KSZE-Prozess im Kalten Krieg, aufgegeben werden. Kai Hafez hält es sogar für sinnvoll, die fundamentalistischen Bewegungen trotz ihrer antiwestlichen Rhetorik zu unterstützen und kann darauf verweisen, dass bereits Ansätze zu einem derartig radikalen Kurswechsel vorhanden sind.
Wem dass alles zu spekulativ erscheint, dem kann der Autor entgegenhalten, dass auch der Weg der westlichen Staaten zu modernen Demokratien als Garanten von Wohlstand und Menschenrechten alles andere als gradlinig verlaufen ist. Der Westen habe nicht nur die Aufklärung und die individuelle Freiheit hervorgebracht, sondern eben auch totalitäre Systeme wie Faschismus und Kommunismus. Kai Hafez bezweifelt zudem, dass sich das Projekt einer globalen Moderne auf das westliche Modell beschränken lässt, das für ihn ohnehin nur einen Minimalkonsens mit immer noch starken traditionalistischen Elementen darstellt. Japan, China und Indien seien bereits eigene Wege gegangen, und konnten hierbei ihre stark ausgeprägten Traditionen in den Modernisierungsprozess integrieren.
Staat und Religion im Islam
Entgegen den hierzulande vorherrschenden Meinungen unterstellt er daher auch dem Islam ein beachtliches Modernisierungspotential. Die immer wieder als Haupthindernis angeführte Vermischung von religiöser und staatlicher Sphäre sei auch in islamischen Staaten und selbst im Kalifat nie verwirklicht gewesen. Das iranische Modell einer Dualität von Regierung und Revolutionsrat müsse daher, so Kai Hafez, als ein Novum und sogar als Spielart einer islamischen Modernisierung bewertet werden. Letztlich sei hier nichts anderes geschehen, als dass eine neue Führungsschicht die alten Eliten abgelöst oder vertrieben habe, das klassische Muster einer Revolution.
Gerade an diesem konkreten Fall zeigt sich jedoch die wesentliche Schwäche in seiner Argumentation. Es gelingt dem Autor nicht wirklich, seine optimistischen Spekulationen von den Tatsachen zu trennen. Als Beispiel für Befürworter liberaler Reformen kann er letztlich nur einige wenige islamische Denker anführen, wie etwa die Ägypter Hamid Abu Zayd oder Achmed an Na`im, die immerhin eine Neufassung der Religionsgesetze und ihre Anpassung an gültige internationale Rechtsnormen fordern. Dagegen wollen konservative Reformer wie Tariq Ramadan immer noch an der Scharia und sogar an ihren drakonischen Strafen festhalten. Allenfalls zu einem Moratorium wäre der zurzeit in Oxford lehrende einflussreichste und umstrittene Vordenker des westlichen Islam bereit. Auch zeigt der Blick in die Statistik, dass islamische Bewegungen oder Parteien bei freien Wahlen im Nahen und Mittleren Osten starken Zuwachs verzeichnen, die gewonnene Macht aber weniger demokratisch, als den islamischen Herrschafts-Prinzipien – wie etwa der Schura (Beratung) – entsprechend einsetzen (Christof Hartmann: „Wandel durch Wahlen?“). Vollends zynisch wirkt es jedoch, wenn Kai Hafez das Teheraner Mullah-Regime mit all seinen schockierenden Menschenrechtsverletzungen als Teil einer möglichen islamischen Modernisierung bewertet.
Einseitiger Ansatz
Seine Analyse ist dort stark, wo er plausibel zeigen kann, dass die westlichen Bewertungsmaßstäbe widersprüchlich und inkonsequent sind. So kann er auch überzeugend darlegen, dass der häufig angestellte Vergleich zwischen Faschismus und islamistischen Hardlinern nicht haltbar ist. Trotz aller Tendenz zu Unterdrückung und Vorherrschaft sind bis heute keiner Denkrichtung des Islams genozidale Absichten nachweisbar. Jedoch auch der von Hafez dringend geforderte Wechsel der Perspektive vermag, bei aller Berechtigung im Detail, nicht überzeugend zu zeigen, wie eine Modernisierung des Islam tatsächlich gelingen könnte.
Dazu ist sein Ansatz, der sich nur auf die politische und institutionelle Dimension eines möglichen Wandels stützt, zu einseitig. Die mentalen und ökonomischen Voraussetzungen einer europäischen Modernisierung, wie etwa der Pluralismus, die empirische Wissenschaft oder die rationale Güterproduktion erwähnt Kai Hafez an keiner Stelle. Im Augenblick kann man sich nur schwer vorstellen, dass es in absehbarer Zeit einer islamischen Gesellschaft gelingen könnte, ein weltmarktfähiges Produkt aus dem Bereich der Hochtechnologie hervorzubringen. Gerade diese Fähigkeit der westlichen Staaten unter Einschluss von Japan und Korea erwies sich jedoch als wichtige Voraussetzung von Wohlstand und sozialem Frieden und damit als wesentlicher Pfeiler der Demokratie überhaupt.
So bleibt auch nach der gewiss anregenden Lektüre das alte Resümee gültig: Es stimmt etwas nicht mit dem Islam. Man darf also weiter gespannt sein auf eine überzeugendere Analyse dieser bedrohlichen ideologischen Kraft und ihren deutlich hervortretenden Brüchen zu einer globalen Moderne. Kai Hafez hat dazu immerhin einen wichtigen Diskussionsansatz geliefert, in dem er die ideologische Perspektive eines angeblich das Maß aller Dinge repräsentierenden westlichen Königsweges zur Moderne gründlich demontiert hat.
(Rezensiert am: 2009-11-13)
Kai Hafez: Heiliger Krieg und Demokratie. Radikalität und politischer Wandel im islamisch-westlichen Vergleich, Transcript, 2009, ISBN-13: 9783837612561, 25.80 €
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