Zsuzsa Bánk:

Heißester Sommer

Eine literarische Luftspiegelung aus zwölf Geschichten, die rasch im Nichts verschwimmt!

Von Claudio Bini

Von Victor Hugo stammt der Satz "Der Sommer, der vergeht, ist wie ein Freund, der uns Lebewohl sagt." Auch die Autorin Zsuzsa Bánk hat sich im Buch „Heißester Sommer“ diesem Diktum verschrieben. Zwischen den Zeilen ihrer zwölf Erzählungen versucht sie, den Sommer, den scheidenden Freund festzuhalten, berichtet von Abschied, von Trennung, und von der Vergänglichkeit des Lebens. Wirklich überzeugen kann Zsuzsa Bánk mit diesem Erzählband leider nicht. Nach dem gefeierten Debüt "Der Schwimmer" bleibt sie mit ihrem zweiten Wurf hinter den Erwartungen zurück.

Von seltenen Sommern

Ihre traurig-melancholischen Geschichten bilden stets eine Verbindung aus Erinnerung und Vergessen. Es sind wehmütige Rückblicke an seltene Sommer, die in Bánks Erzählungen durchscheinen. Da gibt es die beiden Freundinnen, die sich seit Jahren nichts mehr zu sagen haben, die einstigen Geliebten an der Bahnhaltestelle, für die der Zug abgefahren ist, oder die junge Frau der Titelgeschichte, die zum italienischen Heimatort der Mutter reist, um zu erkennen, dass mit dem Tod der Großmutter die letzte Verbindung gekappt wurde. Menschen kommen und gehen in „Heißester Sommer“, suchen und finden einander, bevor sie sich verlieren. Dreizentnermann Larry etwa gründet eine kleine Bohème, und verschwindet dann plötzlich, löst sich in Luft auf. Im Brennpunkt der wärmsten Jahreszeit beginnen Bánks Protagonisten zu flimmern.

Zur Erinnerung - Weniger ist mehr

Einen beständigen Wechsel zwischen Personen, Orten und Rückblenden bescherte Zsuzsa Bánk dem Leser bereits 2002 in ihrem Roman „Der Schwimmer“. Auch hier kreisen die Figuren um sich selbst, hoffen auf Veränderungen in ihrem Leben. Veränderungen, die ebenfalls von Trennung, Abschied und den Eindrücken des Sommers bestimmt sind. Insofern knüpft die in Frankfurt lebende Schriftstellerin dort an, wo sie mit dem preisgekrönten Erstling aufgehört hat. Die Tochter ungarischer Flüchtlinge bevorzugt eine knappe, sachliche Sprache, die einem simplen Prinzip folgt: Weniger ist mehr. Bánk spart bestimmte Details in den Erzählungen aus, die dadurch umso stärker zur Geltung kommen sollen. Eine sprachliche Schmerzbehandlung: Nie berührt sie den Schmerz direkt, ihre Sätze umkreisen die Wunde.

Kurzlebige Geschichten

Diese Kunst der Reduktion verfehlt im neuerlichen Erzählband allerdings ihre Wirkung. Während die Protagonisten im Roman derart an Form gewinnen, verlieren sie hier an Kontur. Nur kurz leuchten die Geschichten auf, nur kurz deren Figuren. So entsteht ein stetiger Wechsel zwischen Erinnern und Vergessen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Leben und Tod, der rasch müde macht. Betrachten wir die Erzählungen für sich, mag Bánks Prinzip noch gelingen, nacheinander gelesen verliert das Ganze spätestens ab der dritten Geschichte seinen Reiz. Schnell wirken die Erzählungen dröge, scheinen sich zu wiederholen, immergleiche Themen, Farben und Frauenbilder zu umgeben.

Abwechslung wäre wünschenswert

Stattdessen merkt man, dass die Autorin beinah krampfhaft um eine farbenfrohe Gestaltung bemüht ist. Ob es rote Blätter sind, die einen Einschnitt ankündigen, ob es der rosafarbene Drachen ist, leuchtend grünes Gras, klischeehaft koksweißer Schnee, oder der blaue Himmel, der auch schon im Roman nicht fehlte. Stets ist man versucht zu glauben, der Autorin sei der Malkasten über dem Skript ausgelaufen. Auch die literarische Kolorierung gibt den Erzählungen keinen Halt, wie eine Fata Morgana geistern sie durch den Band. Wenige Geschichten bleiben nach der Lektüre im Gedächtnis, die meisten verblassen zwischen den Buchseiten. „Heißester Sommer“ lässt nur ein Flimmern zurück und ein allgegenwärtiges Himmelblau, das alles unter sich zudeckt.

(Rezensiert am: 2006-03-07)

Zsuzsa Bánk: Heißester Sommer. , Fischer Verlag, 2005, ISBN-13: 9783100052216, 15.90 €


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