Christiane Hoffmann:
Iran – ein Land voller Widersprüche zwischen Religion, Tradition, Unterdrückung und dem Versuch einer Rebellion!
Von Marie Hofer
Die deutsche Journalistin Christiane Hoffmann hat fünf Jahre als Beobachterin und Berichterstatterin für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ im Iran gelebt. Ihr nun vorgelegtes Buch liest sich teils wie eine autobiografische Aufzeichnung einer mutigen Frau, teils wie eine journalistische Berichterstattung der Verhältnisse im Iran und teils wie Essays, die sich mit zentralen Fragen dieses Landes auseinandersetzen. Die Autorin gewährt tiefen Einblick in die Verstrickungen und Widersprüche dieser Gesellschaft und schafft es, eine ergreifende Nähe zu diesem Volk aufzubauen. Jedoch geht auf Grund dieser Nähe oft der analytische Blickwinkel verloren, welcher die Ursachen für diese Phänomene auch jenseits soziokultureller Erklärungsmuster suchen könnte.
Scham und sexuelle Revolution
Das Bild, das wir vom Iran haben, sind wohl zumeist Frauen als schwarze Zelte, was das Wort Tschador auch bedeutet. Doch wir wissen nicht viel über dieses Land, es ist so verborgen, wie die Frauen unter den Schleiern. Was z.B. Sexualität betrifft, finden sich zwei Extreme. Auf der einen Seite die totale Verschleierung und das Gesetz, das auch Ausländerinnen vorschreibt, nicht unverhüllt auf die Straße zu gehen. Die Scham eine Frau zu sein und die Unterdrückung, die bis dahin reicht, wo Frauen ganz für sich sind, im eigenen Haus, das auch zur Öffentlichkeit wird. „Die Verhüllung steht in seltsamen Widerspruch zu der ständigen Nähe und fehlenden Diskretion.“ Es gibt keinen eigenen Raum, so etwas wie eine Rückzugsmöglichkeit. Die Unterdrückung durch den Schleier wird zur einzigen Privatsphäre.
Auf der anderen Seite ist Sex „in diesem Land die einzige Freiheit“. Das reicht bis dahin, dass die Jugendlichen riesige Orgien feiern, sich wahllos Sexualpartner suchen, um diesen Aufstand gegen das System der Unterdrückung zu leben. „Diese Rebellion ist viel mehr, als ein pubertäres Aufbegehren, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes eine sexuelle Revolution.“ Dies ist ein Schlachtfeld, bei nur verwundete Seelen zurückbleiben können. Wie im anderen Extrem, gibt es keinen Respekt und keine Gleichberechtigung.
„Hedschab der Zunge“
Der Schleier, Hedschab genannt, durchzieht als Symbol das ganze Buch. Zum einen setzt sich die Autorin mit dem Tragen eines Schleiers und dem Tschador auseinander, zum anderen ist er aber Zeichen für die Lebensweise des Verbergens. „Wenn man gewöhnt ist die Wahrheit hinter dem Schleiern zu verbergen, wird das Verborgene die eigentliche Wahrheit, auf die das Sichtbare nur verweist. Wenn ständig indirekt und andeutend gesprochen wird, bezeichnet das Gesagte auch nie direkt die Wirklichkeit.“ Und weiter: „Unter den Bedingungen der politischen Unterdrückung habe sich ein ‚politischer Hedschab‘ entwickelt, der dazu führt, dass niemand sagt, was er denkt, und alle sich daran gewöhnen, die eigenen Überzeugungen zu verbergen.“
Reformer
Seit Jahrzehnten erwartet man eine Rebellion, Reformer, Intellektuelle die dieses Land in die Moderne führen. Es zeigt sich aber eine Unschärfe bei den Reformern, nicht nur in der Chronologie ihrer eigenen Geschichte, weil sich deren Positionen in der Gesellschaft bis zur Unkenntlichkeit mit den verschiedenen Systemen verstrickt haben, sondern auch in der Verfolgung des Ideals. Sie haben mehr Angst vor einer Annäherung und Abhängigkeit vom Westen, als sie die eigene Freiheit wünschen. Die Frage, was sie selbst darunter verstehen, wie eine individuelle Freiheit im Rahmen eines islamischen Systems im Iran aussehen soll, können sie nicht beantworten. Das mag zum einen in genau dieser äußeren Verstrickung und der Bedrohung durch das politische System liegen, zum anderen aber hauptsächlich daran, dass es schwierig scheint, Freiheit aus einem unfreien Boden, dem Islam als solches, wachsen zu lassen.
„Iran wartet“
Im Iran herrscht das Lebensgefühl des Wartens, eine depressive Stimmung, Achselzucken. Dieses Gefühl hat seinen Ursprung im schiitischen Messianismus, man wartet auf den Erlöser, bis dahin gibt es nicht zu tun, nur zu warten. „Das Warten ist kein vorübergehender Zustand, sondern eine Lebenshaltung, in der sich Sehnsucht mit Fatalismus vermischt“.
Volk
„Wir kennen den Begriff Volk nicht… wir kennen nur Muslime. Uns ist ein amerikanischer Muslim näher, als ein iranischer Christ“, sagt einer von Christiane Hoffmanns Interviewpartnern. Es ist schwer etwas Gemeinsames zu finden, was den Iran aus seiner politischen Unterdrückung holt, eine Überzeugung jenseits des Islam, es ist schwer zu reformieren, es ist schwer ihnen dabei zu helfen, wenn sie unter Freiheit nicht das gleiche verstehen, wie wir.
Anpassung
Es ist immer eine Gradwanderung zwischen völliger Vereinnahmung der eigenen Lebensweise durch die fremden Sitten, welche ihren neutralen Standpunkt teils aufgeben muss und einer kühlen Distanz, die keine Einblicke erlaubt. Die Autorin muss hier immer wieder balancieren. Sie versucht sich einen Ort des äußeren Widerstandes gegen die Unterdrückung in ihren eigenen vier Wänden aufzubauen. Das bezieht sich zumindest auf das Gesetz der Verschleierung. Was den inneren Widerstand betrifft, fehlt leider eine klare Aussage. Immer schwankend zwischen der Philosophie der Kulturrelativisten und Universalisten bezieht die Autorin keine deutliche Position, sie denkt sogar „dass es in vieler Hinsicht nur graduelle und keinen substanziellen Unterschiede zwischen den Problemen hier und dort gibt.“ Damit gibt sie nicht nur ihr freies Denken, sondern auch ihre eigenen Werte auf, die eigene Freiheit. Welchen Sinn hat es sich für die Gleichberechtigung der Kulturen einzusetzen, wenn die Gleichberechtigung von Mann und Frau dabei ganz außer Acht gelassen wird? Warum sollte ein freier Westler diese Werte unaufgefordert aufgeben? „Mit meiner Anpassung an das islamische System leiste ich Wiedergutmachung für historisches Unrecht.“ Was mit diesem Unrecht gemeint ist bleibt jedoch relativ offen, pauschal formuliert als Unterdrückung anderer Kulturen durch den Westen. Doch welcher Logik folgt man, wenn man sich selbst als Frau von einer Kultur unterdrücken lässt, welche das ohne Ausnahme mit allen Frauen tut, nicht nur mit Westlern, die irgendetwas wiedergutmachen wollen, um Entschädigung einer ganzen Kultur zu leisten?
„Menschenrechtsfundamentalisten“
Doch wer darf die Kulturen bewerten? Gibt es dafür Maßstäbe, die kulturunabhängig sind? Darf man Religionen und deren Sitten verurteilen? Diese Fragen stellt sich das Buch immer wieder und es ist so schade, dass aus dem tiefen Mitgefühl, welches diese Seiten aussprechen, keine verantwortungsvolle Konsequenz gezogen wird. Aus einer Kultur heraus, in der Frauen frei leben dürfen, in der Menschen- und Bürgerrechte gewahrt werden, lässt sich leicht eine andere menschenrechtsverletzende Kultur relativieren. Doch würden unsere Schwestern nicht auch lieber in Freiheit leben? Sollten ihnen nicht die gleichen Rechte zu stehen, wie uns? Sollten sie nicht genauso frei entscheiden dürfen, ob sie unterdrückt werden wollen oder nicht?
(Rezensiert am: 2008-09-12)
Christiane Hoffmann: Hinter den Schleiern Irans. Einblicke in ein verborgenes Land, Dumont Verlag, 2008, ISBN-13: 9783832180614, 19.90 €
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