Elham Manea:
Ein Titel, der klare Aussagen verspricht, doch ein Buch, das voller Widersprüche steckt!
Von Marie Hofer
„Ich will nicht mehr schweigen“ als Kernaussage einer Autorin im Kontext der Themen Islam, Westen und Menschenrechte verheißt vieles. Namen mutiger Frauen wie Ayaan Hirsi Ali („Mein Leben, meine Freiheit“), Serap Cileli („Eure Ehre - unser Leid“) oder Seyran Ates („Der Multikulti-Irrtum“) tauchen im Geiste auf. Der Buchtitel verspricht ein Plädoyer für die Menschenrechte zu sein und dafür, dass die westlichen Gesellschaften diese schützen müssen. Elham Manea, Tochter eines Botschafters, ist Dozentin an der Universität Zürich und Mitglied im Vorstand des Schweizer Forums „für einen fortschrittlichen Islam“. In Ihrem Buch fordert sie eine Reformierung des Islams hin zu einer humanistischen Religion, obwohl sie ihn gleichzeitig von allem Übel freispricht.
Trennung von Religion und Kultur
So behauptet Elham Manea, dass die Ursachen der Menschenrechtsverletzungen, wie zum Beispiel Zwangsheirat, die bei den Schweizer Einwanderern zu finden sind, im patriarchalischen System liegen: „Die jeweilige Kultur hat sehr viel damit zu tun.“ Der Autorin ist an dieser Stelle besonders wichtig, dass es nicht der Islam ist, der zu diesem System führt, sondern, dass dies Strukturen sind, „die in den ländlichen Gebieten der dritten Welt üblich sind“. Die Tatsache, dass aber gerade diese Strukturen immer mehr unter der muslimischen Bevölkerung in westlichen Ländern anzutreffen sind und vor allem islamische Gesellschaften wie im Nahen und Mittleren Osten stets patriarchisch sind, ignoriert sie dabei.
Die Autorin trennt Religion und Kultur, vergisst, dass Religion eine kulturformende Kraft ist und kann damit sehr richtige Kritik an den Verbrechen, die im Namen dieser Kultur begangen werden, und unseren Umgang damit üben, ohne sich tatsächlich die Finger an den eigentlich Ursachen schmutzig zu machen oder gar ihre eigenen Glaubensgrundsätze als Muslima hinterfragen zu müssen.
Kulturrelativismus und Fremdenfeindlichkeit
Dabei kritisiert Elham Manea auf der anderen Seite scharf die alles durchdringende Idee vom Kulturrelativismus und bezeichnet all diejenigen, die sich damit aus der Verantwortung ziehen, als Rassisten. „Gleichgültigkeit beginnt, wenn wir anfangen, das Unrecht zu verharmlosen, was anderen angetan wird und dieses Unrecht im Namen der Kultur rechtfertigen. Es beginnt, wenn wir anfangen zu glauben, dass Rechte etwas Relatives sind, dass diese Rechte nur einer Rasse oder bestimmten Gruppe von Menschen vorbehalten sind.“
Sehr klare Sätze, die die Autorin aber leider nicht so stehen lassen kann. An anderer Stelle führt sie aus, wie sich nach dem 11. September 2001 das Bild, dass die westliche Welt von den Muslimen hat, extrem gewandelt hat. Sie sagt sehr deutlich, dass sie in ihrer Identität nicht auf das Muslim-Sein beschränkt werden möchte, wenngleich es häufig die Muslime selbst sind, die sich so offen mit ihrer Religionszugehörigkeit identifizieren und dass dies unter anderem einen „Diskus wir gegen sie“ zur Folge hat. Wenn vereinzelt europäische Politiker dann die freiheitlichen Werte gegenüber patriarchischen und gewaltverherrlichenden Gruppen schützen wollen oder sich bei einem Volkentscheid die Schweizer gegen Minarette aussprechen, dann ist dies ihres Erachtens nach aber Fremdenfeindlichkeit.
Eine neue Weise über den Islam zu sprechen.
Die Forderung der Autorin, aus westlicher Sicht auf eine neue Art und Weise über den Islam zu sprechen, bleibt in der Folge bei Gemeinplätzen: Natürlich müssen wir zwischen islamistischen Terror und den Integrationsproblemen der Muslime allgemein unterscheiden, natürlich müssen sowohl Aufnahmegesellschaft als auch Migranten an der Integration arbeiten und natürlich ist der Islam vor allem dann ein Problem, wenn Teile der Migranten damit indoktriniert werden, damit sie sich von Aufnahmegesellschaft abspalten. Das ist aber weder neu noch entlastet es die islamische Ideologie an sich.
Ein humanistischer Islam
Nachdem Elham Manea ausführlichst über die Menschenrechtsverletzungen und das frauenunterdrückende System im Islam geschrieben hat, erklärt sie nun, dass sie gerne Muslima bleiben will – freiwillig. „Falls Sie jetzt fürchten ich sei schizophren – ich bin es nicht“. Aber genau das könnte man beim Lesen des Buches meinen, denn es strotzt nur so von Widersprüchen. Die Autorin steht als bekennende Humanistin dafür ein, einen Islam zu schaffen, der humanistisch ist, einen reformierten Islam. Sie erklärt im zweiten Teil des Buches, wie dieser Islam aussehen müsste, welche Suren alle anders interpretiert werden müssten oder bei dem neuen Islam erst gar keine Beachtung finden sollten. Eine Beschränkung auf die Liebe zu Gott und den anderen Menschen, die in einigen Suren gepriesen wird, würde eigentlich ausreichen.
Doch das würde letztlich bedeuten, dass der Koran nur noch wenige Seiten dick wäre und Koran dürfe er dann auch nicht mehr heißen. Wenn die zu Gott gepriesene Liebe, die wohlwollende, nicht unterwerfende, angsterstarrte oder kriegerisch ausgelebte, für Elham Manea der Grundstein einer humanistischen Religion sind, warum konvertiert sie dann nicht einfach zu einer Religion, die genau darauf baut oder sich zumindest schon von der stammesgeschichtlichen Entstehungskultur emanzipiert hat?
(Rezensiert am: 2009-12-05)
Elham Manea: Ich will nicht mehr schweigen. Der Islam, der Westen und die Menschenrechte, Herder Verlag, 2009, ISBN-13: 9783451297564, 17.95 €
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