Isabel Allende:
Ein würdiger Abschluss der abenteuerlichen Geschichte um zwei Teenager, die in deren Verlauf zu Erwachsenen gereift sind und an deren Ende erst der Anfang steht!
Von Stefanie Wente
„Kate hatte sich zwar geschworen, ihren Enkel und Nadia nie wieder auf eine ihrer Reisen mitzunehmen, weil sie die letzten beiden Male für mehr Wirbel gesorgt hatten, als ihr lieb gewesen war, aber dies hier war ja ein touristisches Vergnügen und vollkommen harmlos.“
Das dachte Kate jedenfalls. Doch schon als die kleine Gruppe in Kenia ankommt und sich auf dem Bazar in den Straßen der Stadt von dem anstrengenden Flug erholen will, erleben Alex und Nadia ihr erstes Abenteuer. In einem Zelt treffen sie auf eine riesige Afrikanerin, die sie in eine erschreckende Vision ihrer Zukunft hineinzieht. Noch wissen die beiden nicht, was sie mit dem dreiköpfigen Ungeheuer anfangen sollen und dem unbestimmten Gefühl, dass etwas Schreckliches passieren wird, wenn sie nicht immer zusammen bleiben. Kate nimmt in ihrer Funktion als Wissenschaftlerin diese Wahrsagergeschichte nicht ernst. Aber wieder einmal muss sie lernen, dass sie besser auf die beiden Teenager aufpassen sollte. Dieses Mal geht ihre Reise in ein Safaricamp. Es hat gerade erst eröffnet und liegt in einem Naturschutzgebiet. Auf zugerittenen campeigenen Elefanten wird von dort aus die Wildnis Afrikas erforscht. Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist das klapprige kleine Flugzeug einer beherzten Afrikanerin namens Amgie Ninderera. Der Aufenthalt in dem Camp verläuft relativ ruhig, bis zu dem Tag, an dem die Gruppe zurückfliegen will. Ein katholischer Missionar taucht der Suche nach zwei seiner Glaubensbrüder auf. Diese haben tief im unwirtlichsten Teil Afrikas eine Mission eröffnet, aber sich seit langem nicht mehr gemeldet. Damit beginnt ein Abenteuer, in dem sich Alex und Nadia einem grausamen Diktator, brutalen Soldaten und einem mysteriösen Zauberer gegenübersehen. Der Kampf um ihr Leben beginnt im tiefen afrikanischen Dschungel. Die einzige Hilfe, die ihnen bleibt, ist die der unterdrückten Pygmäen, denen die beiden Helden allerdings erst die Kraft geben müssen, um sich gegen ihre Unterdrücker aufzulehnen. Hier fangen die Probleme von Alex und Nadia erst an ...
„Der Ausdruck auf ihren Gesichtern veränderte sich, ihr Blick schien nach innen gerichtet, ihre Augen blitzten auf, sie wiegten sich im Rhythmus ihrer Hände, die immer lauter und schneller die Trommeln schlugen. Es war, als könnten sie der Musik nicht widerstehen, die sie doch selbst erzeugten.“
Mit einer Rückkehr in den Dschungel beendet Allende die Trilogie um die beiden Teenager Alex und Nadia. Wie im ersten Band werden sie in Rituale gesogen und lernen die Kräfte ihrer Totemtiere weiser zu nutzen, als zu Anfang ihrer Abenteuer. Auch in dem letzten Band erwarten den Leser auf 295 Seiten mystische Traumbilder und die Spannungen der afrikanischen Bürgerkriege. Nur mit Hilfe der Stärke ihres Vertrauens in ihre eigenen Fähigkeiten und in die ihrer Totems können die beiden Helden die Pygmäen von dem Tyrannen, der sie beherrscht, befreien und ihnen das Leben in Freiheit zurückgeben, das ihnen zusteht. Dieser Roman entführt noch stärker als der erste in eine übersinnliche Welt der Geister und der Traumreisen. Ein abenteuerlicher Trip in das menschliche Bewusstsein, eine Reise zum Bewusstwerden.
„Jetzt begannen sie zu singen, und die Melodie glitt wie eine Schlange in Wellen auf und ab und verstummte jäh, um gleich darauf gegen den Takt erneut einzusetzen. Die Trommeln waren wie lebendig, sie rangen miteinander, verbündeten sich, pulsierten, gaben der Nacht einen Herzschlag.“
Der Abschluss der Abenteuer unserer zwei Helden ist eine gelungene Mischung aus Geistreisen und spirituellen Erlebnissen, aber auch aus der grausamen Wirklichkeit der brutalen Militärherrschaft und Menschenverachtung der im Bürgerkrieg befindlichen Teile Afrikas. Die Eingeborenen werden versklavt und wie Tiere gehalten, während die rücksichtslosen Militärs auf ihre Kosten leben. Schön ist auch aufgezeigt, wie stark die beiden Protagonisten an ihren bisherigen Erlebnissen gereift sind, denn dieses letzte Abenteuer bildet sozusagen die Feuerprobe. Sie müssen beweisen, dass sie erwachsen geworden sind. Bei Allende heißt das, dass sie Verantwortung übernehmen können. Das ist auch das Beeindruckende, nämlich dass wir als Helden zwei junge Menschen haben, die durch ihre Berührung mit der Spiritualität und der Geisterwelt zu verantwortungsvollen Erwachsenen heranwachsen, die ihre Spiritualität allerdings nicht verlieren. Allendes Aufruf lautet, die übersinnliche Welt auch als Erwachsener nicht nur als Hirngespinst und Phantasterei abzutun, sondern sich mal darauf einzulassen. Das einzige, was an dem Roman zunächst nicht zu passen scheint, was aber vom schriftstellerischen Aspekt her durchaus einen Sinn macht, ist das offene Ende. Dieser Band schreit eigentlich nach einer Fortsetzung, die es allerdings nicht geben sollte. Eine Geschichte über die beiden erwachsenen Protagonisten und ihr Leben danach würde all dem zuwider laufen, was diese Trilogie beinhaltet. Trotzdem geht das Leben der beiden Helden nach diesen Abenteuern weiter. Deshalb ein offenes Ende. Hier ist ganz zum Schluss noch mal die Phantasie des Lesers gefragt. Meiner Meinung nach die beste Alternative!
(Rezensiert am: 2005-09-27)
Isabel Allende: Im Bann der Masken. , Hanser Verlag, 2004, ISBN-13: 9783446205161, 16.90 €
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