Isabel Allende:
Eine gelungene Fortsetzung, die vergangene Mythen mit aktuellen weltpolitischen Themen geschickt verknüpft, so dass man in eine völlig neue Welt entführt zu sein scheint!
Von Stefanie Wente
„»Angst gibt es eigentlich nicht, Dil Bahadur«, sagte er, »wie alles andere entsteht auch sie nur in deinem Kopf. «“
So spricht der Lehrmeister zu seinem jungen Schüler in den Höhen des Himalaja-Gebirges ganz zu Anfang des Buches. Der junge Schüler ist der Prinz eben jenes Reiches, das in einem Tal im Himalaja abgeschnitten von der Außenwelt schon seit undenklichen Zeiten existiert. Sein Meister ist ein Mönch, der die Aufgabe hat, dem Prinzen all sein Wissen zu vermitteln, damit er seinem Volk ein guter König sein kann und in Notzeiten in der Lage ist, den Goldenen Drachen zu befragen. Er ist das Wahrzeichen des kleinen Landes und beschützt seine Einwohner schon seit sie sich erinnern können, indem er dem König die Wahrheit voraussagen kann und ihm hilft, wann immer er Hilfe bedarf.
Nadia und Alex – die Helden des ersten Bandes
Auf der anderen Seite stehen die zwei Helden des ersten Bandes „Der Stadt der wilden Götter“. Dieses Mal musste Alex seine Großmutter regelrecht überreden, dass sie ihn und Nadia wieder mitnimmt, auf eine ihrer spannenden Forschungsreisen. Nach dem Abenteuer im Amazonas hatte sie eigentlich genug Aufregung, aber geschmeichelt durch das Interesse ihres Enkels lehnt sie nicht ab. Und wie nicht anders erwartet, kommen Alex und Nadia wieder in allerhand Schwierigkeiten, als es darum geht, einen Komplott aufzudecken, der geschmiedet wurde, um den Goldenen Drachen zu stehlen. Die beiden kommen in Berührung mit einer gefährlichen Skorpionsekte und können ihr nur mit Müh und Not und der Hilfe von Dil Bahadur und seinem Lehrmeister entkommen. Diese helfen ihnen natürlich auch, um das Land vor den Dieben des Drachen zu schützen. Dazu nutzen sie ihre Kontakte zu einem mystischen Volk, das verborgen in den Bergen lebt und schon viel Anlass zu Spekulationen geboten hat.
„»Unsere Gedanken erschaffen das, was wir Wirklichkeit nennen.«“
Isabel Allende gelingt es in ihrem zweiten Roman die Protagonisten Alex und Nadia in ein Abenteuer einzuspinnen, das eine Brücke zwischen der spirituellen Welt des Buddhismus und der Politik der raffgierigen Mächtigen dieser Welt bildet. Sie nimmt ebenfalls wieder Bezug auf die Abenteuer, die die beiden im ersten Band erlebt haben. Isabel Allende entführt in eine Welt der geistigen Vervollkommnung und der alten buddhistischen Rituale. Und obwohl die Protagonisten ein rasantes und auch tragisches Abenteuer erleben, bleibt der Humor keinesfalls auf der Strecke. Im Gegenteil: „Die Stadt der wilden Götter“ war bei weitem ernsthafter und nicht so durchgängig witzig wie der vorliegende Band. Trotzdem verkommt die Geschichte nicht zu einer Komödie, sondern basiert in ihrem Kern auf einem sehr ernsten Thema, nämlich dem, wie weit manche Menschen für Geld und Macht gehen würden. Und dass das leider keine Illusion ist, sondern sich solche Dinge wirklich abspielen.
„Ein Stein fiel ihm vom Herzen: Seine Großmutter war ganz die Alte, das Lächeln war bloß eine optische Täuschung gewesen.“
Dieser zweite Teil der Trilogie („Die Stadt der wilden Götter“ und „Im Bann der Masken“) um die beiden Teenager Alex und Nadia ist genauso spannend und lesenswert wie der Erste. Vom Amazonas in den Himalaja: Allende hat hier eine interessante Verbindung zwischen zwei Kulturbereichen geschaffen, die uns zeigt, dass die Menschen gar nicht so unterschiedlich sind, wie wir es manchmal glauben. Die Mystik in diesem Roman ist im Gegensatz zum Vorgänger, der turbulent und voller Tanz und Farben war, eher ruhig und klar. Das Spirituelle spielt sich hier in der ruhigen Meditation ab, bewirkt allerdings trotzdem ähnliche Dinge wie im Regenwald. Und wieder zeigt Allende sehr schön und recht subtil die Veränderungen, die die beiden Protagonisten im Laufe ihrer Pubertät durchlaufen und die sich jetzt langsam aber sicher dem Ende zuneigen. Man darf auch auf den dritten und letzten Band sehr gespannt sein!
(Rezensiert am: 2005-06-24)
Isabel Allende: Im Reich des Goldenen Drachen. , Hanser Verlag, 2003, ISBN-13: 9783446203372, 16.90 €
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