Matthias Politycki:

In 180 Tagen um die Welt

Ein Seefahrt die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön, ja da kann man doch so einiges über unsere Gesellschaft erspäh’n!

Von Claudia Johann

Angeheuert von einer Reederei begab sich Matthias Politycki 2006/2007 auf Weltreise mit dem luxuriösesten Kreuzfahrtschiff Europas, der – wie sollte es sich anders vernehmen – MS Europa. Als erster Schiffschreiber bei Hapag Lloyd durfte der Autor ein halbes Jahr „Länder und Meere aus der komfortablen Warte eines schwimmenden Luxushotels kennen lernen“.

Vom provinziellen Charme der weiten Welt

Natürlich handelt es sich bei „In 180 Tagen um die Welt“ nicht um das tatsächliche Logbuch des Autors. Wir lesen vielmehr die privaten Aufzeichnungen eines kleinen Finanzbeamten, die für die Augen des ordinären Lesers eigentlich nicht wirklich bestimmt waren. Matthias Politycki lässt uns in seinem neuen Roman Einblicke in die Aufzeichnungen des Herrn Johann Gottlieb Fichtl erhaschen. Seine reale Rolle als Schiffsschreiber lässt er uns nur erahnen, indem er in Fichtls Schiffstagebuch als die Figur des Borddichters Ingo Jonatzki Einzug hält. Doch von Anfang an:

Dank einer Lotto-Tippgemeinschaft darf Fichtl, der sonst eher bescheidene und korrekte Beamte aus Oberviechtach, seine Buchte auf der MS Europa beziehen. Da der Lottogewinn, der ihn und seine Stammtischfreunde eigentlich gemeinschaftlich auf diesen Dampfer bringen sollte, unter gegebenen Konditionen doch nur für einen reichte, entschied das Los. Eine in Hektik notdürftig zusammengestellte Garderobe verschafft dem Finanzangestellten ab Bordsantritt die nötige Beachtung. Einem Satz Motivkrawatten und dem viel zu großen Aldi-Anzug zum Dank, findet er sofort einen Platz in der Runde der Passagiere. Schnell ist er der Doktor, der geheimnisumwobene und daher so interessante Fremde. Die Alteingesessenen, einige sogar schon ohne festen Wohnsitz, nehmen ihn sofort in ihren Kreis auf.

Von den Absurditäten monotoner Schiffsfahrten

Und schon ist auch der Leser mittendrin in den Befindlichkeiten und Hochstapeleien der Highsociety. In standardisierten Einträgen gibt Fichtl dem Leser bzw. dem daheim gebliebenen Stammtisch jeden Morgen einen kurzen Einblick in die Machenschaften auf und vor Bord, gespickt mit Fotos, Wetterdaten und Koordinaten. Und je länger die Reise dauert, umso wilder schweift die Phantasie. Während das Leben an Bord immer monotoner zu werden und sich in Gewohnheiten zu verlieren droht, werden die Tagebucheinträge immer spektakulärer, immer abtrünniger. Plötzlich werden kraft Seegerichtsbarkeit Passagiere auf offenem Meer ausgesetzt, ausgestattet nur mit von ihnen (unter Betreuung des Bordkünstlers) selbst bemalten Bojen oder einem Schlauchboot. Die Mosaike des heiligen Olymps finden sich zum Teil auf dem Luxusdampfer wieder, schließlich lagen die da einfach rum, zum Mitnehmen bereit, ganz ohne Abgrenzung oder ähnlichem. Man vertreibt sich die Zeit mit Phantasien über das schönere Leben als Schiffsbesatzung und der Frage, ob denn nun die Kielschweine tatsächlich existieren. Bei Landgängen stürzt man sofort ins nächste Fastfood-Restaurant und weil man den täglichen Kaviar und Champagner irgendwann nun wirklich nicht mehr sehen kann, boykottiert die edle Gesellschaft und setzt sich selbst auf Schiffszwieback und Bockwurst-Diät. Wen wundert’s, dass man das alles dann irgendwann nur noch mit Koka zwischen den Zähnen aushält. Und trotzdem, zurück wollen sie doch immer wieder. Die Landgänge werden zur reinen Pflichterfüllung und schlussendlich ist es doch überall zu laut, zu dreckig, zu arm.

Diabolischer Gesellschaftsroman

So schafft Politycki zwar einen recht kurzweiligen, ja hin und wieder gar zum Auflachen animierenden, fast schelmischen Roman, lässt aber zwischen den Zeilen ganz klar erkennen, das eine solche Reise in der Realität eben doch nur halb so lustig ist und wohl noch weniger schön. Die Gesellschaft allerdings bekommt man trotzdem vorgeführt, sei es hier auch die vermeintlich höhere. Wir hören von Unaufrichtigkeiten, linken Machenschaften, wir erleben Hungerstreiks, Freude und Leid. Dem Autor gelingt es, durch die Augen des Gottlieb Fichtl, unsere Welt und ihre Bewohner zu plakatieren und den Leser dazu zu bringen, letztlich über sich selbst zu lachen.

Was Politycki hier inszeniert ist eigentlich nichts anderes als ein Dorf und seine Bewohner. Ein Dorf freilich, in welchem für die Laune der Bevölkerung viel getan und ausgegeben wird. Schließlich ist man wer und will für seinen teuer bezahlten Spaß auch was erleben. Und so bekommen wir die Parallelwelten wilder Kreationen eines Bordpatissiers oder zahlloser Champagnerempfänge und Frühschoppen oder der täglichen Schlacht um die Liegeplätze am Pool mit der satirischen Zunge eines Autors erzählt, der trotz zu erkennender Abneigung seine Loyalität zu Mitreisenden und Auftraggeber nicht vergisst.

Politycki präsentiert uns mit seinem neuesten Werk einen nahezu diabolisch geschriebenen Gesellschaftsroman. Einen Roman, in dem der edle Passagier letztendlich zur Besatzung und der Leser zum Protagonisten wird.

(Rezensiert am: 2008-05-15)

Matthias Politycki: In 180 Tagen um die Welt. , Marebuch Verlag, 2008, ISBN-13: 9783866480803, 24.90 €


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